Mediziner über die Folgen von Tritten "Jeder einzelne Tritt kann das Leben beenden"

Wird ein Mensch mit Wucht gegen den Kopf getreten, ist das immer potenziell lebensgefährlich. Das sagen der Bremer Rechtsmediziner Olaf Cordes und der Chirurg Dirk Hadler.
24.06.2018, 20:36
Lesedauer: 2 Min
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Von Sabine Doll

Kopfschmerzen, Schwindel, Gehirnerschütterung, Sprachstörungen, Konzentrationsschwächen, Depressionen, eine veränderte Persönlichkeit, Angstzustände, Sehstörungen, Lähmungen, Krampfanfälle, Bewusstseinsstörungen, Schädelprellung oder -bruch, Koma und Tod. Die Liste ließe sich noch ergänzen. Sie ist lang, und sie ist das Ergebnis größtmöglicher Brutalität, wie Dirk Hadler betont. "Wer einen Menschen gegen den Kopf tritt, muss damit rechnen, dass dieser Mensch an den Folgen sterben kann", sagt der Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen.

"Der Kopf ist ein sehr fragiles System. Das Spektrum der Verletzungen, die diesem System durch einen einzigen Tritt zugefügt werden kann, ist enorm und von absoluter Tragweite." Wie weitreichend diese Folgen sind, hängen laut des Arztes entscheidend von Wucht und Kraft ab, die auf den Kopf des Opfers treffen. "Sicherlich ist die Krafteinwirkung bei einem harten Stiefel größer als bei einem Turnschuh. Aber auch bei leichten Tritten besteht die Gefahr, dass das Opfer mit dem Kopf auf einen Kantstein prallt und eine lebensgefährliche Kopfverletzung erleidet", sagt Hadler.

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Das Gehirn befinde sich in einer knöchernen Schale, die sich nicht ausdehnen könne. Komme es zu einer Prellung, auch "nur" durch einen leichten Tritt, schwille es an. Hadler: "Allein das kann schon neurologische Ausfälle wie Lähmungen zur Folge haben. Oder Blutungen. Die Opfer können für den Rest ihres Lebens zu Schwerstpflegefällen werden." Andere müssten durch bleibende neurologische Defizite wie Konzentrationsstörungen ihren Beruf aufgeben. "Dieser brutale Akt greift in massivster Form in das Leben ein, und er kann es mit einem einzigen Tritt beenden."

Olaf Cordes ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Klinikum Bremen-Mitte. Er wird häufig als Sachverständiger vor Gericht hinzugezogen, wenn geklärt werden soll, ob Verletzungen oder der Tod eindeutig durch Tritte gegen den Kopf des Opfers verursacht wurden. "Im Herbst vergangenen Jahres war ich Sachverständiger in einem längeren Verfahren. Anlass war eine Schlägerei mit Tritten gegen den Kopf vor einer Kneipe", sagt er.

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"Mit den Beweisen ist das nicht immer einfach. Man muss sohlenspezifische Muster, also im besten Fall Schuhabdrücke, an der Oberfläche des Kopfes erkennen können. Ansonsten lässt sich sehr schwer unterscheiden, ob die Verletzungen durch einen kräftigen Schlag oder Tritt oder durch einen Sturz verursacht wurden." Weitere Fragen seien die nach der potenziellen Lebensgefährlichkeit und der Anzahl der Tritte.

Die Krafteinwirkung sei ein wesentlicher Faktor, sagt Cordes. Zwischen zwei Arten von Tritten werde unterschieden: dem Stampftritt und dem Fußballkick. "Bei Stampftritten wird von oben auf den Kopf getreten. Da der Kopf auf einem harten Untergrund wie etwa einem Straßenbelag liegt, kann die Krafteinwirkung so groß sein, dass der Kopf durch die Tritte deformiert wird und es zu lebensgefährlichen Brüchen kommt."

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Der Fußballkick ist genauso potenziell lebensgefährlich, wie Cordes betont. Der Angreifer tritt gegen den Kopf – wie gegen einen Fußball. "Die Hauptgefahr ist, dass eine sogenannte Rotationsbeschleunigung eintritt. Das ist von der Art her vergleichbar mit einem Schütteltrauma bei einem Kind. Das Gehirn wird immer wieder gegen die harte Schädeldecke geschleudert." Die mögliche Folge: lebensgefährliche Blutungen. Olaf Cordes: "Überschreiten Blutungen in der Schädelhöhle ein gewisses Volumen – ab etwa 150 Milliliter –, kann es sein, dass das Gehirn in das Hinterhauptsloch gequetscht wird. Die Folge ist ein Atemversagen."

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