Statistisches Bundesamt

Jeder Fünfte in Bremen von Armut bedroht

Das bundesweit höchste Armutsrisiko gibt es wie bereits seit Jahren im Stadtstaat Bremen. Mehr als jeder Fünfte ist dort von Armut bedroht.
29.08.2017, 12:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jan Oppel und Stephan Kaufmann

Das bundesweit höchste Armutsrisiko gibt es weiterhin im Stadtstaat Bremen. Mehr als jeder Fünfte ist hier von Armut bedroht, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte. Die sogenannte Armutsgefährdungsquote liegt in Bremen bei 22,6 Prozent. Niedersachsen überschreitet mit einem Wert von 16,7 Prozent ebenfalls leicht den Bundesschnitt von 15,7 Prozent – nicht aber so deutlich wie Bremen.

Von Armut bedrohte Risikogruppen

Haushalte gelten als von Armut bedroht, wenn sie weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Erwerbslose und Alleinerziehende haben ein besonders hohes Armutsrisiko. Weitere Risikogruppen sind Heranwachsende, junge Leute unter 25 Jahren, Geringqualifizierte, Zuwanderer sowie kinderreiche Familien. Für einen Ein-Personen-Haushalt lag die Armutsschwelle 2016 bei 969 Euro im Monat, für einen Zwei-Personen-Haushalt mit zwei Kindern bei 2035 Euro.

Lesen Sie auch

Seit 2008 liegt die Armutsgefährdungsquote in Bremen konstant bei mehr als 20 Prozent. Nelson Janßen von der Bremer Linksfraktion wirft der rot-grünen Landesregierung vor, das Problem wachsender Armut zu ignorieren. 2014 hatte die Bürgerschaft einen parteiübergreifenden Ausschuss eingesetzt und sich auf 88 Maßnahmen zur Armutsbekämpfung geeinigt. Davon sei bislang aber so gut wie nichts umgesetzt worden, beklagt Janßen.

„Wir fordern, dass der Senat endlich die Konsequenzen zieht und die nötigen finanziellen Mittel bereitstellt.“ Vor allem Alleinerziehende und kinderreiche Familien müssten in den Stadtteilen gezielter unterstützt werden. In der Vergangenheit habe es in Bremen bereits effektive und vom Bund geförderte Programme gegeben. Viele seien aber ausgelaufen – ohne, dass die Landesregierung die Finanzierung übernommen habe.

Keine wirksamen Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut

Kritik am Senat kommt auch von der CDU-Fraktion. "Außer Runden Tischen sind Rot-Grün bisher keine wirksamen Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut gelungen", sagt die sozialpolitische Sprecherin Sigrid Grönert. Gerade vor dem Hintergrund der nach wie vor hohen Armutsgefährdung von Alleinerziehenden sei es absolut kontraproduktiv, wenn etwa der Ausbau von Betreuungsplätzen in Kitas und Schulen in benachteiligten Gebieten den selbst gesetzten Zielen hinterherhinke. "Verlässliche Betreuung ist aber eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen dafür, dass Alleinerziehende berufstätig sein oder eine Ausbildung beginnen können, um der Armutsspirale zu entkommen“, erklärt Grönert.

Lesen Sie auch

Klaus Möhle, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, kontert, Bremens sozial-strukturelle Probleme seien mit Politik allein nicht zu lösen. "Ich verstehe, dass die Erwartungen hoch sind", sagt er. Aber man dürfe das Problem angesichts der Haushaltsnotlage nicht einfach beim Senat abladen. "Die Bekämpfung von Armut ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe."

Es könne nicht sein, dass Menschen trotz Arbeit von Armut betroffen seien. Vor allem bei der Wirtschaft müsse ein Umdenken einsetzen, fordert SPD-Politiker Möhle. Die Betriebe bildeten immer noch zu wenig aus, in vielen Branchen gebe es keine fairen Tariflöhne. "Wenn aber weiter das Gewinninteresse dominiert, werden wir das Problem nicht in den Griff bekommen", sagt der sozialpolitische Sprecher.

Jeder sechste Deutsche gilt als arm

Die Wirtschaftsleistung Deutschlands wächst – und mit ihr auch die Armut. Noch in den Siebzigerjahren galt in der Bundesrepublik nur jeder zehnte Deutsche als arm, inzwischen ist es jeder sechste. Seit Ende der Neun­zi­ger­jah­re zeigt die deutsche Armutsquote einen relativ stabilen Aufwärtstrend. Immer mehr Menschen haben ungewöhnlich wenig Geld zur Verfügung, zudem werden die Armutsperioden länger. Betrachtet man die regionale Verteilung, so ist der Anteil der Armen laut Statistischem Bundesamt am niedrigsten in den reichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg mit jeweils rund zwölf Prozent.

In Niedersachsen ist die Armut auf einen Höchststand gestiegen: Inzwischen haben 16,7 Prozent aller Einwohner ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle. Ein Gegensteuern kündigt Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) an: Es könne nicht sein, dass Menschen trotz Arbeit von Armut betroffen seien und Unternehmen Arbeit auf zahlreiche Minijobs oder Teilzeitstellen zerstückelten.

Lesen Sie auch

In der Region Hannover etwa seien von den 420.000 Beschäftigten 86.000 Aufstocker, die zusätzlich zu ihrem Lohn Sozialleistungen beziehen. "Es muss uns gelingen, dass die, die arbeiten, davon auch leben können", sagt Lies. Langzeitarbeitslose sollten besser qualifiziert und der Missbrauch von Werksverträgen intensiver bekämpft werden.

Für die anhaltende Armut in Niedersachsen macht die Landesarmutskonferenz die Regierung verantwortlich. "Angesichts wachsender sozialer Verwerfungen am Arbeitsmarkt und schwindender sozialer Sicherheit bei Arbeitslosigkeit ist es endlich an der Zeit, die Politik der vergangenen Jahre zu korrigieren", fordert Geschäftsführer Klaus-Dieter Gleitze.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+