Ute Radermacher über den Friedensritt durch Bremen und den Bewusstseinswandel „Jeder ist eingeladen, mit uns zu kommen“

Sie sind auf einem Friedensritt. Wie viele Leute reiten denn mit – und wie lange?Ute Radermacher: Wir sind wahrscheinlich sieben bis acht Reiter und Reiterinnen, vier bis fünf Trossfahrer und -Fahrerinnen, und es werden wohl auch um die zehn bis 15 Radlerinnen und Radler sein. Manche können auch nicht die ganze Zeit teilnehmen und stoßen nur über gewisse Strecken ­
24.07.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Jeder ist eingeladen, mit uns zu kommen“
Von Monika Felsing

Sie sind auf einem Friedensritt. Wie viele Leute reiten denn mit – und wie lange?

Ute Radermacher: Wir sind wahrscheinlich sieben bis acht Reiter und Reiterinnen, vier bis fünf Trossfahrer und -Fahrerinnen, und es werden wohl auch um die zehn bis 15 Radlerinnen und Radler sein. Manche können auch nicht die ganze Zeit teilnehmen und stoßen nur über gewisse Strecken ­
hinzu.

Kann man sich Ihnen unterwegs noch ­anschließen?

Auf jeden Fall! Jeder, der sich mit unseren Zielen identifizieren kann, ist für kurze oder auch für längere Strecken herzlich willkommen, ob nun per Pferd oder Fahrrad. Aber wir sind allgemein, auch abseits jeder lokalen Teilnahme, unglaublich dankbar für die Unterstützung, denn bereits jetzt helfen uns die Bürgerinnen und Bürger Bremens durch Unterkunft am Ende der Tagesreisen enorm.

Was ist die Kernidee?

Der gedankliche Kern ist unsere Ablehnung von Waffenproduktion und Waffenexporten an sich, denn die Verteilung von Waffen, egal auf welchem Wege, hat noch niemals zu Frieden oder Besserung geführt, sondern immerzu nur zu immer mehr Krieg und Zerstörung.

Warum reiten Sie in der Bremer Region?

Wir sind immer in verschiedenen Gegenden unterwegs, nämlich dort, wo es etwas Regionales gibt, das uns beziehungsweise unser Anliegen betrifft.

Was wäre das in Bremen?

Zum Beispiel die in Bremen stark ­vertretene Rüstungsindustrie. Zum anderen reiten wir eben auch dorthin, wo wir Partner haben, regionale Gruppen, die mit uns etwas zusammen machen wollen. Wir möchten nicht einfach irgendwohin, wo wir nicht lokal ­verankert sind. Es ist für uns wesentlich schöner und auch produktiver, wenn man ­lokale Partner hat, wie jetzt auch in Bremen.

Wo sind Sie ansonsten schon unterwegs ­gewesen?

Das ist ganz weit gestreut. Einmal von Münster nach Osnabrück oder von Göttingen nach Kassel, oder auch oft um Truppenübungsplätze herum. Wir sind eher in der nördlichen Hälfte Deutschlands unterwegs, da von dort die meisten von uns kommen. In Ost- und Westdeutschland sind wir inzwischen gleichermaßen vertreten.

Was ist die Absicht hinter dem Friedensritt?

Vielleicht zu einem Bewusstseinswandel beizutragen. Dahinter steht ja die Vorstellung, dass die Welt so, wie sie ist, nicht bleiben kann und soll und dass ein jeder und eine jede ihren oder seinen kleinen individuellen Beitrag zur Besserung leisten kann. Das ist unsere Grundhaltung. Und zu den Pferden haben selbst die Radler eine Verbindung. Diese Tiere sind Sympathieträger und stehen symbolisch für die Verbindung von Mensch, Natur und Gesellschaft. Auch sind wir mit den Pferden nicht nur außerhalb der Städte unterwegs, sondern auch mittendrin, bei den Menschen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Es ist also eine Art friedensaktivistischer Urlaub mit Tieren, Bewegung und netten Menschen?

Ja, mit viel Verbindung zur Natur, und wir lernen jedes Mal viele neue nette Leute ­kennen. Wir opfern unseren Urlaub aus Sicht mancher Leute, aber eigentlich nutzen
wir ihn für eine, in unseren Augen, sehr ­erholsame und zugleich lohnenswerte ­Sache.

Die Pferde dürften Aufsehen erregen. Haben Sie auch andere Aktionen für den Ritt geplant?

Ich möchte nicht zu viel verraten, da es auch Überraschungen geben soll, aber wir haben uns zusammen mit unseren Partnern für jede Station spannende Sachen überlegt. So wird es zum Beispiel auf dem Marktplatz in Bremen eine Forterzählung des Märchens der Bremer Stadtmusikanten geben, in der ein als ein Esel verkleidetes Pferd eine ­wichtige Rolle spielt. Um alles selbst zu erleben, lohnt es sich, vorbeizuschauen. Wir möchten allgemein mit all unserem Handeln gegen Militarismus und Faschismus aufstehen. Wenn wir zu den Aktionen durch Bremen reiten, reiten wir als Demonstration mit Transparenten, und die Radelnden verteilen unsere Flugblätter.

Beim Thema Rüstung und Industrie würden Ihnen nun sicher einige entgegenhalten, dass auch dort Arbeitsplätze existieren, die Menschen ernähren und den Lebensstandard sicherstellen. Ist das falsch?

Natürlich sind das Arbeitsplätze, aber es muss doch Alternativen geben. Man kann doch auch sinnvolle Dinge produzieren. So gibt es in Bremen ja sogar eine Stiftung für Rüstungskonversion und Friedensforschung, die wir sehr toll finden. Hier geht es genau darum, die Industrien umzuwandeln und mit dem Know-how, das wir haben, Objekte herzustellen, die friedlich genutzt werden können. Unser Ansatz ist nicht, gegen die dort arbeitenden Menschen zu sein, sondern die Arbeit zu verändern und ihnen Alternativen zu geben, die denen sicherlich auch mehr gefallen würden, als an der Herstellung von Kriegsgerät beteiligt zu sein.

Was könnte ein Weg dahin sein?

Wir könnten Rüstungsexporte generell und ohne Ausnahme verbieten, dann wären die Firmen gezwungen, sich umzustellen. ­Schiffe, wie sie Lürssen herstellt, sind ja nicht per se böse, sondern es lassen sich ja auch zivil nutzbare Schiffe in Fregattengröße ­bauen. Es muss keine Kriegsfregatte sein.

Die Bundeswehr argumentiert, nicht nur in ihrer Werbung, sie würde für Frieden eintreten. Würden Sie auch dem widersprechen?

Ja, das ist aus meiner Sicht absurd. Als das damals in Afghanistan anfing, wusste doch jeder, dass es andere Gründe für unseren Einsatz gab und gibt. Die Bundeswehr ist nicht der Spezialist zum Bauen von Brunnen, das ist das Technische Hilfswerk. Die Bundeswehr steht nicht für eine demokratische Erziehung der Frauen. Sie steht für den Einsatz von Waffen zum Töten. Zum Thema Werbung: Das ist sehr besorgniserregend. Das Militär durchdringt zunehmend die Zivilgesellschaft, selbst an Schulen. Wir setzen uns in anderen Ländern gegen Kindersoldaten ein, und hier darf die Bundeswehr 17-Jährige unterschreiben lassen. Das ist aus unserer Sicht ein höchst zweifelhaftes Vorgehen!

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Der Friedensritt unter dem Motto „Stoppt das Geschäft mit dem Tod! Nehmt den Kriegen die Waffen!“ stoppt am Mittwoch, 26. Juli, gegen 15 Uhr für etwa 15 Minuten am Friedenstunnel an der Parkstraße. Die zentrale Veranstaltung ist am Donnerstag, 27. Juli, von 17 bis 18 Uhr die Mahnwache des Bremer Friedens­forums auf dem Marktplatz. Danach geht es weiter nach Worpswede.

Zur Person

Ute Radermacher ist Tierärztin in Marienheide bei Köln. Seit 1988 ist sie bei den Friedensreitern der Reiterinnen und ­Reiter für den Frieden, einer Bewegung, die Mitte der Achtziger begann. Sie ist Mitinitiatorin des ­Rittes in und um Bremen.
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