Freimaurer in Vegesack Jedes Gespräch bleibt geheim

Jeden Freitag trifft sich die Vegesacker Freimaurer-Gruppe zum Clubabend im prachtvollen klassizistischen Logenhaus in der Weserstraße. Doch was in den Räumen besprochen wird, bleibt in den Räumen.
29.08.2017, 09:06
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Hildebrandt

Wer das Logenhaus „Anker der Eintracht“ in der Weserstraße betritt, wird von Goethes weit geöffnetem Blick gestreift. Der Dichter steht als kleine weiße Büste im Flur, der in einen prachtvollen Saal führt: Gemälde an den Wänden, auch Mozart ist porträtiert, Vitrinen mit Porzellan und Tische, an denen etwa 60 Personen Platz nehmen können. Im Stockwerk darüber lädt ein kleiner Raum, der „Tempel“, mit blauen Sesseln und einer Bibliothek zu intimeren Gesprächen ein. Das Gebäude ist Sitz der Freimaurerloge in Bremen-Nord, die in diesem Jahr das 300-jährige Jubiläum der Freimaurer feiern kann.

Im Jahre 1717 schlossen sich in London vier bereits bestehende Logen zusammen, doch der Ursprung der Freimaurerei reicht weit ins Mittelalter zurück, zu den Steinmetzen, die an den gotischen Kathedralen bauten, über exklusives Spezialwissen verfügten und sogar ihre eigene Gerichtsbarkeit entwickelten. „Aus den Mauern aus Steinen entstand eine geistige Maurerei“, sagt Klaus Fischer, Vorsitzender der Freimaurerloge in Bremen-Nord. „Jeder von uns will an etwas bauen, und zwar an seiner eigenen Persönlichkeit.“

Den verbindenden Stoff, der die Freimaurer zusammenhält, liefern die humanistischen Werte, denn die geistigen Wurzeln der Freimaurer ziehen ihre Nährsubstanz aus den Gedanken der Aufklärung. Nicht wenige Berühmtheiten der Geschichte waren Freimaurer, seien es Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Wolfgang von Goethe oder Friedrich der Große, aber auch Revolutionäre wie Che Guevara und Fidel Castro. Seit ihrer Gründung vor 300 Jahren hat sich die Freimaurerei in den meisten Ländern als Freundschaftsbund entwickelt, der in Vereinen organisiert ist, die sich Logen nennen.

57 Mitglieder - ausschließlich Männer

Das Hochhalten humanistischer Werte setzt jedoch die Freimaurer vor allem in autokratischen und diktatorischen Regimes immer wieder Anfechtungen aus, 1935 wurden sie von den Nationalsozialisten in Deutschland verboten und ihre Veröffentlichungen zusammen mit denen der Juden zur „Lügenpresse“ gezählt. „Das Freimaurertum funktioniert nur in einer Demokratie“, sagt Dietmar Warwas, Logenmitglied in Bremen-Nord. Und die Tendenz zur Geheimhaltung stamme noch aus den Zeiten, als die Kirche freiheitlichen Bestrebungen Einhalt gebieten wollte.

Jeden Freitag trifft sich die Bremen-Norder Gruppe zum Clubabend im prachtvollen klassizistischen Logenhaus in der Weserstraße, das durch gediegenes Interieur in vornehmer Atmosphäre schlagartig in das 19. Jahrhundert versetzt. Nach dem Umbau dieses vornehmsten Wohn- und Geschäftshauses in Vegesack zum Logenhaus im Jahre 1899 wurde es von den Nationalsozialisten enteignet, danach als Heimatmuseum genutzt und kam erst 1968 wieder an die Freimaurerloge „Anker der Eintracht“.

Heute besteht die Bremen-Norder Gruppe aus 57 Mitgliedern, mit einem Durchschnittsalter von etwa 60 Jahren – und zwar ausschließlich aus Männern. „90 Prozent der Freimaurerei weltweit ist männlich – das ist so aus Tradition, aber es gibt zwei Frauenlogen auch in Bremen, andernorts auch gemischte Logen“, sagt Klaus Fischer. „Frauen sind jedoch bei unseren öffentlichen Veranstaltungen willkommen und auch bei den Weihnachtsfeiern, beim Spargel- oder Kohlessen dabei.“

Wie gestaltet sich ein Clubabend der Loge? „Wir legen Wert auf eine gepflegte Gesprächskultur“, sagt Logenmitglied Claus Teske, „wir wollen den anderen in seiner Eigenart wahrnehmen und zu Wort kommen lassen und wählen Gesprächsthemen, die uns weiterbringen.“ Politische und religiöse Themen bleiben ausdrücklich ausgeklammert.

Viele Prüfungen vor Aufnahme von neuen Mitgliedern

„Entscheidend ist für uns der Aufbau der Persönlichkeit“, sagt Logenmitglied Dietmar Warwas, „Jeder will Schwächen abbauen und Stärken aufbauen, wobei jeder seine Individualität entwickeln kann.“ Über die Clubabende hinaus lädt die Freimaurerloge auch zum Beispiel zu Konzerten, Lesungen oder Vorträgen ein, wobei die Programme frei gestaltet werden.

Wer Mitglied ist, zahlt einen monatlichen Beitrag von 30 Euro. Aber bis es so weit ist, können viele Monate der Eignungsprüfung in Form von Gesprächen vergehen. „Es gibt keine Aufnahmekriterien für Leute, die bei uns Mitglied werden wollen, aber die Werte, die jemand vertritt, sind entscheidend“, sagt Dietmar Warwas, „in den gemeinsamen Gesprächen nehmen wir Tuchfühlung auf, und am Ende stimmen alle Mitglieder über eine Neuaufnahme ab – das ist wie in einer Ehe – man muss zueinander passen.“

„Und nichts, was wir besprechen, darf nach außen getragen werden. Wichtig ist ein geschützter Raum, in dem wir uns bewegen. Das ist in Zeiten der sozialen Netzwerke, in denen Vertraulichkeit geschrumpft ist, besonders wichtig“, sagt Logenmitglied Claus Teske. „Doch wir haben keine Geheimnisse, schließlich unterliegen wir dem Vereinsrecht.“

Wenn der Schwerpunkt ins Innere der Persönlichkeit verlegt wird, bleibt für ein Engagement für Umwelt oder Soziales noch Raum? „Wir bauen auch Spielgeräte für Kinder oder haben im Blindengarten in Bremen-Nord einen Zaun erneuert, als ein Baum umgestürzt war“, ergänzt Klaus Fischer.

Jeder Einzelne wird wie ein Stein gesehen, den der innere Steinmetz bearbeitet, der Ecken und Kanten abschleift, bis ein Charakter geformt ist, der Humanität in sich verwirklicht hat. „Es ist ein schönes Gefühl, dass man mit anderen zusammenkommt, die ähnlich denken und handeln, die für Werte und Normen eintreten, die auf Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit und Toleranz basieren“, sagt Klaus Fischer.

Anlässlich des Jubiläums findet im Logenhaus, Weserstraße 7, am Freitag, 8. September, um 20 Uhr der öffentliche Vortrag „Von London in die Welt – 300 Jahre Freimaurerei“ statt. Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann berichtet dann über Geschichte, Gegenwart und Zukunft der deutschen und internationalen Freimaurerei.

Am Tag des offenen Denkmals am 10. September bietet das Logenhaus von 10 bis 17 Uhr Führungen durch das Haus an. Um 11 Uhr und um 15 Uhr hält Gero Jänicke einen Vortrag zum Thema „Freimaurerei im 21. Jahrhundert“. An diesem Tag lässt sich auch die Ausstellung „Feuergläser – Trinkgläser der Freimaurer“ besichtigen, zu der ein Glasgalerist Erläuterungen gibt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+