Delegatiosreise nach Afrika

Jenseits von Bremen

Gut eine Woche war eine fast 60-köpfige Delegation aus Bremen in Südafrika und Namibia unterwegs. Nicht alles lief wie geplant und manches auch ganz anders. Das hat die Delegation in Afrika erlebt.
10.06.2018, 20:59
Lesedauer: 8 Min
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Jenseits von Bremen
Von Moritz Döbler

Die fliegenden Purzelbäume kann Carsten Sieling vielleicht nicht nachmachen. Aber ehrenhalber ist er jetzt einer von ihnen, ein Zulu-Krieger. Mit nacktem Oberkörper, weißen Fellgamaschen und verzerrten Gesichtern sind die jungen Männer im ­Stakkatotakt einer Trommel durch den halbdunklen Raum gewirbelt, und am Ende der atemlosen Show zwischen den Aquarien des Ushaka-Freizeitparks von Durban hat Bürgermeisterin Zandile Gumede ihm feierlich einen fellbesetzten Haarreif auf den Kopf gesetzt.

Die Zulu sind die größte Volksgruppe Südafrikas; Jacob Zuma, der unter Korruptionsvorwürfen gerade aus dem Amt gedrängte Präsident des Landes, gehört dazu, Nachfolger Cyril Ramaphosa nicht. Als Außenstehender kann man sich leicht verheddern zwischen Tradition und Politik, und so tut Carsten Sieling in Bremens Partnerstadt Durban gut daran, den Fellkranz schnell abzusetzen. Das Andenken kommt zu dem Bild von Nelson Mandela und den anderen Geschenken seiner Gastgeber, die sich nach und nach ansammeln und in Tüten und Taschen nach Bremen zu schleppen sind.

Knapp 60 Mitglieder zählt die Delegation der Handelskammer, die neun Tage lang Südafrika und Namibia bereist. Der Senat ist nicht nur mit seinem Präsidenten vertreten, sondern mit Finanzsenatorin Karoline Linnert, Wirtschaftsstaatsrat Ekkehart Siering, drei Mitarbeitern und zeitweise auch Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt. Lohnt sich das? Wer die Rendite beziffern will, tut sich schwer. Einige mitreisende Unternehmer sprechen von vielversprechenden Kontakten, mehr aber nicht. Ein Versicherungsmakler berichtet, er hoffe, ein Gespräch in einer Firmenzentrale in Belgien eingefädelt zu haben. Der Umweg über Südafrika könnte sich für ihn gelohnt haben.

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Aber selbst wenn keine Aufträge dabei herauskommen: Die Unternehmer sind nur sich selbst Rechenschaft schuldig, da sie alle – wie der WESER-KURIER auch – auf eigene Rechnung reisen. Die Abordnung des Senats hingegen ist auf Staatskosten unterwegs. Lohnt sich das also für den Steuerzahler? In Südafrika und Namibia brauchen die Unternehmer Carsten Sieling nur selten, um Türen zu öffnen, denn gerade diese beiden afrikanischen Staaten sind der Wirtschaft besonders vertraut.

"Ich war schön Bürgermeister und Premier, aber nie beides"

Das war bei der Iran-Reise der Kammer vor zwei Jahren anders, die Wirtschaftssenator Martin Günthner kurzfristig abgesagt hatte. Dort fielen mehrere vereinbarte Gespräche in Teheran prompt flach, die mitgereisten Unternehmer fühlten sich im Stich gelassen. So etwas sollte nicht noch mal passieren. „Der Bürgermeister war damals super sauer“, heißt es aus seinem Umfeld. Trotzdem sind nun Wirtschaft und Politik die meiste Zeit getrennt unterwegs. CDU-Landeschef Jörg Kastendiek kritisiert das. „Hinsichtlich der Rolle des Senats hätte ich eine stärkere Teilnahme von Senatsmitgliedern am Programm der Wirtschaftsdelegation positiv gefunden“, gab er vorab zu Protokoll. Er selbst sagte allerdings die geplante Teilnahme gemeinsam mit CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp kurzfristig ab, weil das Gepäck der beiden zeitweise in Zürich verschwunden war. So ging dieser Punkt an den rot-grünen Senat.

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Das Programm der Politik ist eng getaktet. Sieling tritt dabei nicht nur als „Mayor“ (Bürgermeister) auf, sondern auf seiner englischen Visitenkarte steht auch „Prime Minister“. Es ist offensichtlich diese Übersetzung des Wortes Ministerpräsident, die ihm Zugang zu hochrangigen Gesprächspartnern ermöglicht. In Durban und in Windhoek ist er mit Eskorte unterwegs, Polizeimotorräder mit Blaulicht umschwärmen seinen Bus und geleiten ihn über rote Ampeln. Wo der Bürgermeister einer ähnlich großen deutschen Stadt keinen Termin bekommen würde, wird Sieling gerne empfangen. Helen Zille, die Premierministerin der Westkap-Provinz und wortgewaltige Ex-Journalistin, animiert das bei einem Empfang auf der Terrasse der prachtvollen Botschafterresidenz in Kapstadt zu einer Bemerkung, die bei den 250 Gästen auf Heiterkeit stößt. „Ich war schon Bürgermeisterin, und ich war schon Premier“, sagt die Großnichte des Malers Heinrich Zille, „aber ich war nie beides.“

Einer der Mitreisenden wäre auch gerne beides: der IT-Unternehmer Carsten Meyer-Heder, Spitzenkandidat der CDU für die Bürgerschaftswahl in knapp einem Jahr. Nachdem seine Parteifreunde Kastendiek und Röwekamp nicht dabei sind, könnte er die CDU auf der Reise repräsentieren. Aber am Anfang in großer Runde stellt er sich lediglich als Gesellschafter seines Unternehmens Team Neusta vor. Während ein anderer bei dieser Gelegenheit seine Scheidung erwähnt und ein mitgereister Sicherheitsbeamter die Zahl seiner Kinder nennt, sagt Meyer-Heder nicht ein Wort zu seinen bekannten Ambitionen. Es ist der deutsche Botschafter Martin Schäfer, der diese politische Rolle bei der ersten Runde und später auch auf dem Empfang ausdrücklich erwähnt. Die beiden Carstens scheinen sich aus dem Weg zu gehen, zu einer Konfrontation kommt es nicht. Auch dieser Punkt geht an den Senat, dessen Autorität unangekratzt bleibt.

In Kapstadts Lokalpolitik geht es härter zur Sache. Bürgermeisterin Patricia de Lille wurde von ihrer Partei ausgeschlossen und in der Folge von einem Gericht abgesetzt. Gerade versucht sie, sich wieder ins Amt zu klagen, während ihr Stellvertreter Ian Neilson die Macht im Rathaus kommissarisch übernommen hat und in dieser Funktion auch Sieling empfängt. „Ich mache einfach meinen Job, man darf das nicht an sich heranlassen“, sagt er, während er an der großen Tafel des offiziellen Speisesaals zwischen Ölgemälden und silbernen Kerzenleuchtern seine Gäste bei Kaffee und Tee empfängt. Auch der Verkehrsminister der Provinz, Donald Grant, gibt sich gelassen: „Wir haben so ein bisschen Schluckauf wegen der Sache mit unserer Bürgermeisterin. Aber wir werden das hinter uns lassen.“

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Wie Politik in existenziellen Fragen funktioniert – oder auch nicht –, lässt sich für die Besucher in Kapstadt gut erfahren. Die Stadt ganz im Süden Afrikas kämpft mit einer Dürre und hat ihren Wasserverbrauch halbiert. Der Niederschlag war im vergangenen Jahr so niedrig noch nie wie seit Beginn der Aufzeichnungen. Statistisch kommt es einmal in 400 Jahren zu so starker Trockenheit. Donald Grant ist auch zuständig für die Wasserversorgung, und ihn bewegt der Klimawandel, auch wenn er nicht wie ein Ökoaktivist aussieht: dunkler Anzug, Krawatte, Pullunder. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge verringere sich in den nächsten 20 Jahren um 30 Prozent, rechnet er vor.

„Wir versuchen, eine neue Wasserwirtschaft zu schaffen. Wir müssen Chancen in dieser Krise suchen“, sagt er. „Es wird kluges Management und starke Führung brauchen.“ Wie klug das Management in Kapstadt agiert, ist allerdings umstritten. Der „Day Zero“, also die Stunde Null, war das propagandistische Instrument der Regierung. Wenn nicht ausreichend Wasser gespart werde, müsse die Versorgung am „Day Zero“ eingestellt werden. Die Drohung funktionierte, aber leider blieben auch die Touristen weg, die für Kapstadt ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind. So stehen die Verantwortlichen in Provinz und Stadt nun unter Dauerkritik – obwohl sie eine Notlage erfolgreich abwenden konnten.

So schwer hat es Sieling wohl nie und auf dieser Reise erst recht nicht. In Durban muss er bei einem abendlichen Empfang mit seiner Rede loslegen, obwohl seine Gastgeberin, Amtskollegin Zandile Gumede, noch nicht da ist. Sie verspäte sich wegen einer Parteiversammlung, er solle doch schon starten, heißt es zur Erklärung dieses protokollarischen GAU. Sieling tritt ans Rednerpult, im Rücken ein überlebensgroßes Konterfei der Bürgermeisterin. Als sie dann mit einem schwarzen Mantel über den Schultern heran schreitet und an ihrem Tisch Platz nimmt, hört sie ihm zunächst nicht zu, sondern studiert ein Aktendossier, putzt ihre Lesebrille und zitiert einen Mitarbeiter mit einem Fingerschnipsen herbei, um ihm halblaut eine knappe Frage zu stellen. Als die meisten Gäste eigentlich noch mit dem Hauptgang beschäftigt sind, bricht sie schon wieder auf. Alle erheben sich, das Dessert fällt aus, der Abend ist zu Ende. Aber Sieling hat jetzt einen Zulu-Fellkranz im Gepäck.

Die Anekdote illustriert das Verhältnis der beiden Städte. Seit Jahren liegt die Partnerschaft ziemlich brach, jetzt wünscht sich Bremen gemeinsame Projekte mit dem Hafen von Durban, dem größten Südafrikas. Doch über den Austausch von Höflichkeiten und eine umfassende Powerpoint-Präsentation der Gastgeber geht es in diesem Punkt nicht hinaus. Bremer Experten könnten helfen, die Effizienz zu steigern und die Logistik zu verbessern, doch daran herrscht in Durban kein Interesse. Der Hafen, der zu einer staatlichen Monopolgesellschaft gehört, soll Arbeitslose von der Straße holen; mehr Effizienz in den Abläufen würde das Gegenteil bewirken. Und so schickt man die Delegation zu einem Kulturzentrum am Rande des Hafengeländes. Dort herrscht großes Hallo, dort will man Bremen nicht missen. Zusammenarbeit in der Kultur ja, aber beim Geschäft nein, so lässt sich die Resonanz in Durban beschreiben.

"Es wird kluges Management und starke Führung brauchen"

Aber manchmal wird der Regierungschef eben doch unbedingt gebraucht. In zwei Bussen hat sich die Delegation von Windhoek nach Walvis Bay an Namibias Küste aufgemacht, fünf Stunden beträgt die Fahrtzeit, und am nächsten Tag soll es schon wieder retour gehen. Ziel ist der Hafen dort, dessen Vorstandsvorsitzender soll der Gesprächspartner sein. Doch als die Busse am Tor eintreffen, ist dort davon nichts bekannt. Zwei junge Männer entern schließlich die Busse, sie tragen blaue Shirts und Käppis mit dem Hafenlogo und starten eine routinierte Besichtigung. Vor den Bussen fährt ein Kleinwagen mit orangefarbenem Warnlichtern auf dem Dach im Schritttempo, nach einer guten halben Stunde ist alles vorbei. Kein Hafenchef in Sicht, Ende Gelände. Dafür die lange Fahrt?

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Über die Botschaft erhält der Hafenchef den telefonischen Hinweis, dass hier nicht irgendeine Delegation auf ihn warte, sondern der Premier und die wichtigsten Vertreter der Hafenwirtschaft Bremens. Eine Stunde später ist er da – im Trainingsanzug, weil er von einer Mitarbeiterveranstaltung kommt, bei der auch Sport getrieben wird. Die Bremer empfängt er ausgesucht freundlich, hört sich alle Vorschläge an, entdeckt Gemeinsamkeiten und erklärt dann tatsächlich Interesse an einer Zusammenarbeit. Am Abend ist die Stimmung in der Delegation ausgelassen: Man hat etwas erreicht.

Wer weiß, vielleicht entwickelt sich aus diesem Gespräch, das unter so schlechten Vorzeichen stand, tatsächlich eine erfolgreiche Partnerschaft. Vielleicht erzählt dann in einigen Jahren ein Bürgermeister oder ein Hafenchef bei einer Feierstunde lächelnd die Geschichte, wie holprig alles losging. Möglich ist das. Ob sich diese Reise für Bremen gelohnt hat, lässt sich nicht in Euro und Cent bewerten, für die Politik noch weniger als für die Wirtschaft. Einer der mitgereisten Unternehmer lässt trotzdem nichts auf Sieling, Linnert & Co. kommen. „Reisen bildet“, sagt er. Das gelte für alle Menschen, aber doch erst recht für die Verantwortlichen einer bedeutenden Handelsstadt wie Bremen. Politiker sollten nicht weniger reisen, sondern mehr, sagt er – damit sie die Welt besser verstehen.

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