Joachim Löw in der Kritik

Diese Nationalmannschaft macht keinen Sinn mehr

Kaum noch Siege für die Nationalmannschaft, das Interesse sinkt immer weiter: Joachim Löw ist Bestandteil der Krise beim DFB. Und die Hoffnung schwindet, dass er sie überwinden wird, meint Mathias Sonnenberg.
15.10.2020, 05:00
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Diese Nationalmannschaft macht keinen Sinn mehr
Von Mathias Sonnenberg
Diese Nationalmannschaft macht keinen Sinn mehr

Wieder kein Sieg: Gegen die Schweiz reichte es für Joachim Löw und die deutsche Elf nur zu einem 3:3.

Federico Gambarini

Es sind in den vergangenen Tagen viele kluge Sätze über den Zustand der deutschen Nationalmannschaft gefallen. „Ich wundere mich, wenn ich sehe, dass da viele Spieler für Deutschland auflaufen, die in ihren Vereinen auf der Bank sitzen“, sagte Lothar Matthäus und folgerte: „Genau deshalb schaltet für Deutschland keiner mehr den Fernseher ein.“ Und Bastian Schweinsteiger fand: „Man kann sich nicht mehr so hundertprozentig identifizieren mit der Nationalmannschaft. Das ist schade.“ Wenn zwei Größen des deutschen Fußballs, die ansonsten nicht immer einer Meinung sind, so übereinstimmend den Finger in die deutsche Fußball-Wunde legen, ist eines ganz sicher: Joachim Löw hat ein echtes Problem.

Für den Mann, der seit 2004 beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) arbeitet und seit 2006 die Verantwortung als Trainer für die Nationalmannschaft trägt, kommt es derzeit knüppeldicke. Erst musste er zwischen November 2019 und September 2020 mit seiner Mannschaft in die Zwangspause gehen, dann hagelt es plötzlich Kritik von vielen Seiten. Und immer schwingen diese Fragen mit: Ist Löw noch der Trainer, dem die Spieler vertrauen? Ist er überhaupt noch der richtige Mann auf dieser Position, innovativ genug? Gefolgt von der Grundsatzfrage: Wen interessiert eigentlich noch das Gekicke dieser Mannschaft?

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Offenbar immer weniger Menschen, denn Länderspiele, viele, viele Jahre ein Quoten-Gigant für ARD und ZDF, verlieren massiv an Einschaltquote. Das Testspiel gegen die Türkei in der vergangenen Woche hatte die wenigsten TV-Zuschauer seit 15 Jahren. Und im Stadion in Köln saß ja auch niemand auf den Sitzen – selten war die Außendarstellung der Nationalmannschaft so farblos, so leblos.

Dass bei all den Testspielen, der neu geschaffenen Nations League oder den Qualifikationsgruppen für eine EM oder WM eh keiner mehr durchblickt, ist zwar nicht die Schuld des DFB. Aber die deutsche Mannschaft hat zuletzt nur noch sehr selten Anlass gegeben, um sich einen Abend vor dem Fernseher zu gönnen. Meist gab es dann doch Dinge, die wichtiger waren. Für viele reichte schon ein ARD-Tatort aus der Schweiz, der zur gleichen Zeit lief und mehr Zuschauer versammelte als ein Länderspiel.

Dabei ist es ja nicht mal so, dass Löw die falschen Spieler nominiert. Okay, über einen Thomas Müller und die Frage, ob dessen Rauswurf richtig war, darf diskutiert werden. Aber das entscheidet genau so wenig über eine Einschaltquote wie die Frage, ob eine Dreier- oder Viererkette die bessere Variante wäre. Nein, das Problem ist viel grundsätzlicher. Nach 14 Jahren Löw ist es nur logisch, dass sich seine Analysen abnutzen, die Interviews immer gleich ablaufen, der Witz und die Leichtigkeit, die ihn viele Jahre auszeichneten, abhandengekommen sind.

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Löw ist in die Jahre gekommen. Und mit ihm auch Oliver Bierhoff, Löws Kompagnon in der Nationalmannschaft. Aufbruchsstimmung? Gibt es nicht. Dabei war es doch Löws wichtigste Aufgabe, gerade die nach der indiskutablen Weltmeisterschaft 2018 und dem Aus in der Vorrunde zu verbreiten. Stattdessen bügelt Löw neuerdings Kritik mit Sätzen wie „Ich stehe über den Dingen“ ab. Die Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren enorm an Wert verloren. Die Zeiten, in denen der Marktwert eines Spielers von den Auftritten bei Länderspielen abhängig war, sind vorbei.

Er wird über die Champions League geregelt und die nationalen Ligen, die im Ranking längst vor der Nationalmannschaft stehen. Wen wundert das, denn hier wird das große Geld verdient. Als der internationale Fußball nach der Corona-Zwangspause im Sommer wieder ins Rollen kam, ging es nur um die Klub-Wettbewerbe. Länderspiele? Die gab es erst, nachdem die Pokale vergeben waren. Und dann setzten die Spieler der großen Vereine auch noch aus. Wer in die Zukunft des Fußballs schaut, kann nicht ausschließen, dass die Nationalmannschaften womöglich nur noch alle zwei Jahre bei Welt- oder Europameisterschaften spielen. Was ja angesichts der jüngsten Auftritte der deutschen Mannschaft gar nicht mal schlecht wäre.

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