Wilfried Stüven stellt seinen Roman „Im Schatten der Schwebefähre“ an zwei Orten vor

Johannes, der Säufer

Was ist der psychologische Hintergrund des süchtigen Verhaltens? Wilfried Stüven geht dieser Frage in seinem Roman „Im Schatten der Schwebefähre“ nach.
19.10.2014, 00:00
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Von Hasan Gökkaya
Johannes, der Säufer

Wilfried Stüven stellt sein Buch am 26. Oktober in Osten vor – an der Schwebefähre, die im Titel vorkommt.

Roland Scheitz

Was ist der psychologische Hintergrund des süchtigen Verhaltens? Wilfried Stüven geht dieser Frage in seinem Roman „Im Schatten der Schwebefähre“ nach.

Es ist der Blick auf die Weser, der Wilfried Stüven Ruhe finden lässt. Wenn der Autor in einem Café am Osterdeich auf das Wasser blickt, erinnert ihn das schnell an seine Kindheit in Osten an der Oste. Bei seiner Suche nach einem Ausweg aus der dörflichen Enge ist er 18 Jahre lang die Oste entlang gelaufen. „Da ist eine enge Bindung zum Fluss entstanden, die bis heute tief in mir wohnt“, sagt der 61-Jährige, der im Viertel wohnt.

Seine Heimat ist bekannt für die historische Schwebefähre Osten–Hemmoor, die bis heute die Oste zwischen Osten und Hemmoor überquert. Zehn Monate lang hat Wilfried Stüven an seinem Roman „Im Schatten der Schwebefähre“ geschrieben – und an der Weser Inspirationen gesammelt. Stüven, Jahrgang 1953, ist in einer Zeit aufgewachsen, zu der es das Wort „Komasaufen“ nicht gegeben hat, den übermäßigen Alkoholkonsum hingegen schon. Es sei damals normal gewesen, wenn sich im Winter auch 14-Jährige täglich den Schuss Rum in den Tee gegossen hätten, sagt Stüven. „Der Zeitgeist war ein anderer.“

Komasaufen am Osterdeich

Besonders erschreckend findet Stüven: Wenn er auf seine 30 Jahre als Sonderschullehrer in Bremen zurückblickt, sieht er eine Gesellschaft, die nicht wirklich viel aufgeklärter ist. „Ich weiß noch, wie ich am 1. Mai am Osterdeich spazierte und 14-jährige Jugendliche völlig betrunken die Hügel runter kullerten.“ Stoff genug, um einen Roman zu schreiben.

Das Buch „Im Schatten der Schwebefähre“ hat der Autor aus dem Fesenfeld als Eigenpublikation herausgegeben, eine Neuauflage wird aber nächstes Jahr im Südwestbuch-Verlag erscheinen. Auf 330 Seiten porträtiert Stüven das Leben des Johannes Wüst, der 1949 als Sohn eines Kriegsheimkehrers und einer aus Schlesien geflohenen Frau in Osten das Licht der Welt erblickt. Die Schwebefähre ist ein Teil der Geschichte.

Bereits das erste Kapitel versetzt die Leser in eine bedrückende Welt. Ein Mann ringt mit sich selbst. Erinnerungen der Romanfigur wirken wie Zeitsprünge, die erahnen lassen, wie Johannes Wüst immer weiter vom richtigen Pfad abgekommen ist und mehr denn je vom Alkohol abhängt. Die Mutter, der Vater, das Dorf und die heutige Gesellschaft sind Akteure der Handlung, eingebettet in die Themen Angst, Liebe, Suche, Sucht.

Eindrucksvoll zeigt Stüven, wie sehr ein Süchtiger täglich mit sich kämpfen muss. Denn die Leser treffen in dem Buch nicht nur Johannes Wüst, sondern auch die innere Stimme der Romanfigur, seinen „Gott“. Manchmal ist die Stimme so stark, dass Johannes ihr zuhören muss: „Du könntest heute doch noch einmal ein letztes gepflegtes Abschiedsbierchen trinken. Morgen kannst du dann aufhören, oder übermorgen. Jederzeit kannst du aufhören“, flüstert sie ihm zu.

Stüven interessiert sich nur wenig für das mit der Sucht einhergehende würdelose Verhalten. Vielmehr möchte er den psychologischen Hintergrund des süchtigen Verhaltens sichtbar werden lassen. Sein Roman konzentriert sich deshalb vor allem auf das Psychogramm von Johannes – dem Säufer. Einen Nebenstrang bildet das Soziogramm der „Immer-mehr-Menschen“. Ein Begriff mit dem der Autor die Menschen meint, die zwanghaft den Vergleich von Individuen provozieren würden. „Wer beginnt sich zu vergleichen, wird immer verlieren, weil man auf Dauer zwangsweise irgendwo die Nummer zwei ist“, begründet Stüven. Der Vergleich sei so gefährlich, weil aus ihm Angst hervorgehe. „Angst ist der Ursprung der Sucht und die Heimat der Angst ist der Vergleich“, sagt er.

Ein Psychogramm findet der Autor nicht nur lehrreich, sondern auch notwendig. Denn zu oft werde das Thema Sucht lediglich in Verbindung mit einer Autobiografie eines Prominenten wahrgenommen. Die Botschaft in solchen Büchern sei oft: Ich war früher alkoholabhängig, ich war früher drogensüchtig. „Wahrscheinlich taugen solche Sprüche, um in die Schlagzeilen zu kommen, aber sie enthalten die trügerische Botschaft, man könne einmal erworbene Sucht später einfach wieder ablegen“, sagt Stüven. „Eine stoffliche Sucht begleitet den Süchtigen durch das ganze Leben, wie ein drückender Rucksack, den man nicht absetzen kann.“

Bevor er sich zehn Monate lang an den Computer setzte, um das Buch zu schreiben, hatte er sich mit Literatur über Sucht beschäftigt. Das Ergebnis war eine Enttäuschung für ihn. Eine Ausnahme, die das Thema Sucht nicht einfach autobiografisch abhandele, sei Hans Falladas Roman „Der Trinker“. Stüven hält das 1944 geschriebene Werk für zeitlos, nur stört ihn dessen Ende. „Mir gefällt nicht, dass die Geschichte in der Ausweglosigkeit endet. Das wollte ich in meinem Roman anders machen.“ Dafür verweist er auf das seiner Meinung nach einzige hoffnungsvolle Mittel gegen die Angst: die Liebe.

Das Buch „Im Schatten der Schwebefähre“ ist unter www.wilfried-stueven.de für 10,70 Euro erhältlich. Lesungen sind am Sonntag, 26. Oktober, 16 Uhr an der Schwebefähre in Osten, Fährstraße 1. Und am Donnerstag, 4. November, um 19 Uhr in den Räumen des Vereins für Ambulante Versorgungsbrücken, Humboldtstraße 126.

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