Spendenaktion Jordan unterstützt die Kämpfernatur

Dank der Spendenaktion von "Schmidt's" begleitet ein Assistenzhund nun Benjamin Schmidt aus der Überseestadt.
15.08.2018, 15:29
Lesedauer: 4 Min
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Von Edwin Platt und Ulrike Troue

Benjamin Schmidt ist den Kunden des Neustädter Friseursalons "Schmidt's" von Anja Schmidt unendlich dankbar. Der 16-Jährige sitzt aufgrund der Diagnose Muskelschwäche, Muskelschwund als Erbkrankheit im Rollstuhl und wohnt mit seiner Mutter Ramona in der Überseestadt. „Ich habe mir immer einen Hund gewünscht“, sagt Benjamin und streichelt Jordan, seinem Labrador, liebevoll über den Kopf.

Dass ihm nun ein Assistenzhund zur Seite steht, ist auf eine Spendensammlung für die Aktion "Kindertraum" zurückzuführen, die Friseurin Anja Schmidt anlässlich ihres 25-jährigen Firmenjubiläums mit ihrem Team aufwendig initiiert und die ihren Abschluss mit dem "Fest der Jubiläen" Anfang Juni auf dem Neuen Markt gefunden hat. Stolze 4000 Euro hat Anja Schmidt durch die große Spendenbereitschaft ihrer Kunden und von Nachbarn für die "Aktion Kindertraum" zusammenbekommen, eine in Hannover ansässige Organisation, die bundesweit agiert.

An diese hatte sich Benjamin gewandt, nachdem er bei der Behindertenmesse in Düsseldorf, die er mit seiner Mutter besucht hat, Assistenzhunde erlebt hat. Danach hat er im Internet recherchiert und festgestellt, dass es fertig ausgebildete Assistenzhunde, aber auch Assistenzhunde in Ausbildung gibt. Letztere absolvieren zusammen mit ihren Besitzern eine Ausbildung. Außerdem stieß der 16-Jährige im Netz auf gab die Aktion "Kindertraum", die hilft Träume zu verwirklichen. Seine Mutter Ramona Schmidt, die dem Hundewunsch ihres Sohnes lange nicht nachgeben wollte, weil sie darin eine weitere Belastung als Alleinerziehende eines früh schwer behinderten Kindes sah, überlegte sich dann: „Solch ein Hund konnte Entlastung sein.“

Große Alltagshilfe

Das bestätigt sich nun im Alltag. „Jordan hebt für mich Sachen auf, die runtergefallen sind. Er stupst mich, an wenn ich am Bankautomaten Geld hole und jemand kommt dicht ran. Er kann für mich das Licht an- und ausschalten“, beginnt Benjamin den Nutzen seines Assistenzhundes aufzuzählen. „Jordan haben wir als Hundebaby mit seinem Wurf kennengelernt. Er war der erste des Wurfs, der auf meinen Schoß kam“, fügt der tierliebe junge Mann hinzu, der seine Krankheit annimmt und kämpft.

Ein kürzliches Problem war laut Benjam Schmidt der defekte Fahrstuhl auf Gleis 9 des Bremer Hauptbahnhofes. Er stellt sich solchen Herausforderungen, musste einen Umweg machen. Darüber hinaus trainiert regelmäßig im Verein, fährt an Wochenenden Quad und ist im Schützenverein, wo er mit Sportpistole und Luftgewehr schießt. „Man kann Vorbild sein für andere Behinderte“, sagt er mit Blick aufs Quadfahren, bei dem er auf Privatgelände von Trisomie 21-Betroffene auf den Sozius steigen lässt und sie kutschiert.

Als Benjamin zwei Jahre alt war und noch in Cottbus wohnte, begannen seine gesundheitlichen Beschwerden – und damit eine lange Reihe von Arzt- und Krankenhausbesuchen. Im Alter von drei Jahren trennten sich Mutter und Vater. Fieber bis 42 Grad, Atemnot, keine Nahrungsaufnahme, nicht gehen können, und wenn, dann fiel Benjamin um. Das waren nur einige seiner Symptome, denen diverse Ärzte und Krankenhäuser nachgingen. Im Alter von vier Jahren stand Benjamins Diagnose fest: Muskel-Dystrophie. Ferner wurde seine Mutter Ramona noch mit der Prognose konfrontiert, dass ihr Sohn eine geringere Lebenserwartung habe als gesunde Gleichaltrige.

Dann wurde Benjamin mit fünf Jahren in einer Schule für Körperbehinderte in Cottbus eingeschult. Die Schule am Waller Ring hat er ab dem zehnten Schuljahr besucht. Dort erreichte er den Realschulabschluss. Benjamin wollte weiter lernen, versuchte sich am Fachabitur. Inzwischen hat der 16-Jährige eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann begonnen.

Benjamin und Ramona Schmidt haben immer gekämpft. Das wird in ihren Erinnerungen deutlich. Zeitweise war Benjamin auf den Elektrorollstuhl angewiesen. Die Atemaussetzer in vielen Nächten bereiteten ihm wie auch seiner Mutter Sorgen. Seine Diagnose Muskelschwäche, Muskelschwund als Erbkrankheit heißt, nie mehr gesund zu sein. Sie heißt für Mutter und Sohn aber auch: Nie aufgeben!

Deshalb hat es Benjamin, bezogen auf frühe Prognosen, weit gebracht. Der 16-Jährige möchte seine Berufsausbildung mit 19 Jahren abgeschlossen haben und dann Nordeuropa bereisen. Seine Arbeitswege legt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln alleine zurück. Mit der Bundesbahn hat er Erfahrungen, kündigt seine Reise und Hilfewünsche telefonisch an und muss sich gelegentlich damit abfinden, dass einige alleinige Touren nicht möglich sind, weil Hilfen an Bahnsteigen fehlen.

Doch damit kann er sich arrangieren. Schließlich ist seine Freizeit durch seinen neuen tierischen Freund knapper geworden. Sein Labrador ist 15 Monate alt, noch nicht ganz ausgewachsen, und sollte mit zwei Jahren voll als Assistenzhund ausgebildet sein. Diese Ausbildung kostet insgesamt 12 000 Euro, und die Jubiläumsspende aus der Neustadt ist die Summe, die Schmidts dafür noch gefehlt hat. Jordan hat eine Lebenserwartung von 13 bis 14 Jahren. Gemeinhin gehen Assistenzhunde mit neun Jahren in den Ruhestand, können aber bei ihrem Herrchen bleiben.

Einmal im Monat fahren Benjamin und Ramona Schmidt nun mit Jordan zur Ausbildung. Sie zeigen, was sie eingeübt haben und nehmen neue Aufgaben mit. Und wie jeder andere Hundebesitzer auch hat Benjamin die Aufgabe, mehrmals am Tag mit Jordan Gassi zu gehen. Nur während der Ausbildungszeit springt Ramona Schmidt ein.

Weitere Informationen

Wer sich für die Aktion Kindertraum interessiert, kann sich an Stefanie Schmeling-Vey, Spender- und Projektbetreuung, unter der Telefonnummer 05 11 / 47 39 43 95 oder per E-Mail an s.schmeling-vey@aktion-kindertraum.de wenden. Mehr auch online unter www.aktion-kindertraum.de.

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