Josef K. wartet auf seinen Prozess

Das gibt es doch gar nicht! Stimmt. Eigentlich gibt es in der Geschichte gar nichts, im Grunde nicht mal die Geschichte selbst.
19.10.2017, 00:00
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Von Liane Janz
Josef K. wartet auf seinen Prozess

MIT Schildstraße Figurentheater Mensch, Puppe Kafka - Der Prozess

Roland Scheitz

Das gibt es doch gar nicht! Stimmt. Eigentlich gibt es in der Geschichte gar nichts, im Grunde nicht mal die Geschichte selbst. Seinen Roman „Der Prozess“ schrieb Franz Kafka nie zu Ende. Vieles bleibt im Dunkeln; vielleicht ist das sogar gewollt. Der Regisseur Philip Stemann hat sich an den Stoff gemacht und ihn für die Bühne umgeschrieben. Im Figurentheater „Mensch, Puppe“ in der Schildstraße 21 feiert „Kafka – Der Prozess“ morgen Premiere. Dafür gibt es keine Karten mehr; für das restliche Wochenende sehr wohl.

Werke von oder nach Kafka hat das Figurentheater immer mal wieder im Programm. Jetzt sollte wieder ein Stück aufgenommen werden, dieses Mal etwas Fragmentarisches. Letztlich seien sie beim „Prozess“ gelandet, sagt Philip Stemann. Der sei schon fragmentiert. Und dazu noch aktuell, ergänzt Schauspielerin Claudia Spörri. Allerdings wurde er nie für die Bühne geschrieben, weshalb Philip Stemann ihn überarbeiten und auch kürzen musste. Kafka und seine ursprüngliche Geschichte werden aber zweifelsfrei erkennbar sein, verspricht der Regisseur.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Josef K. Er erfährt, dass er verhaftet und angeklagt wurde, bleibt jedoch auf freiem Fuß. Die Geschichte, die sich nun um ihn entspinnt, setzt er im Grunde selbst in Gang. Vieles passiert nur in seinem Kopf. Oder vielleicht doch nicht? Was ist real und was ist Einbildung? Hat sich K. etwas zuschulden kommen lassen? Und wenn ja, was? Eigentlich hat er doch gar nichts getan? Doch warum fühlt er sich letztlich doch irgendwie schuldig?

K. hätte sich der ganze Sache eigentlich von Anfang an entziehen können, indem er die Anschuldigungen einfach nicht ernst nimmt oder sie komplett ignoriert. Indem er versucht, sich dagegen zu wehren, erkennt er die Anklage und die Strukturen dahinter an. „Man kann es vergleichen mit einem Uhrwerk, das losgeht“, sagt Anna Siegrot, die für die Ausstattung zuständig ist. K.s Gedanken, die er sich macht, Verbindungen, die er für sich zieht, und die Aufklärung, die er nie bekommt, all das ist fürchterlich beklemmend und kommt einer Folter gleich. „Das Verrückte bei dem K. ist, dass er gar nicht in einer Zelle sitzt“, sagt der Schauspieler Leo Mosler. „Eigentlich passiert nichts, wozu er gezwungen wird“, ergänzt Philip Stemann.

Die Rolle des Josef K. übernimmt Leo Mosler. In die rund 20 Figuren um K. herum schlüpfen die Schauspielerinnen Claudia Spörri und Jeannette Luft. Diese Figuren sind mit ein Grund, warum sich der Stoff gut für das Figurentheater eignet. „Die Figuren haben was maskenhaftes“, sagt Leo Mosler. Hinter die verschiedenen Gegenspieler K.s kann niemand blicken, sie und ihre Absichten bleiben im Dunkeln. So bleibt „Der Prozess“ ein Spiel der Interpretationen. Das mag alles ganz düster klingen, doch so wird es gar nicht unbedingt sein, verspricht das Ensemble. „Wir haben sehr viele komische Momente dabei“, sagt Jeannette Luft. Dabei ist weder Kafkas Romanvorlage eine Komödie, noch hat Philip Stemann die Komik absichtlich ins Drehbuch geschrieben. Es seien die Figuren, die in ihrer Absurdität das Ganze so komisch machen, sagt Claudia Spörri.

Zu dem Stück hat Matthias Entrup die Musik komponiert, der eine wichtige Rolle zukommt. „Sie ist ein wichtiger ästhetischer Teil“, sagt Philip Stemann. Sie übernehme eine erzählerische und auch verbindende Funktion im Spiel. Und noch eine dritte Kunstform spielt mit. Der bildende Künstler Christian Plep hat zwölf befreundete Künstlerinnen und Künstler eingeladen, die sich mit Kafka im Allgemeinen beschäftigt haben. Einige davon hatten das schon immer mal vor und haben jetzt gern den Anlass genutzt, ihre Ideen zu dem weltbekannten Schriftsteller umzusetzen, erzählt Christian Plep. Welche Medien und welches Material sie dafür nutzen, blieb jedem selbst überlassen. Die Ergebnisse zum „Kafka-Projekt“ gibt es ab Sonntag, 22. Oktober, zu sehen, wenn um 18 Uhr die Ausstellung im Foyer des Theaters in der Schildstraße 21 eröffnet. Bis zum Ende der Spielzeit werden die Werke hängen bleiben.

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