75 Jahre WESER-KURIER

So sieht ein Tag beim WESER-KURIER aus

Viele Rädchen greifen ineinander damit Web-, Social-Media-Auftritt und Printausgabe des WESER-KURIER entstehen können. Die Produktion ist in den vergangenen Jahren schneller und aktueller geworden.
19.09.2020, 06:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
So sieht ein Tag beim WESER-KURIER aus
Von Christian Hasemann

Es ist halb sieben Uhr morgens. Viele Menschen schlafen noch, darunter auch die meisten Redakteure des WESER-KURIER. Im Newsroom, dem zentralen Knotenpunkt des WESER-KURIER, brennt aber schon Licht. Eine Kaffeetasse dampft, aber nicht wegen des Koffeins sind die Online-Redakteure schon hellwach, sondern wegen eines Brandes in der Nacht.

„Wir bekommen Hinweise darauf, dass etwas passiert ist, häufig über soziale Medien, von Lesern, aber auch von Kollegen, die vielleicht in der Nähe wohnen“, sagt Ina Schulze aus der Onlineredaktion. Denn die Pressestellen der Behörden sind in der Regel nachts und in den frühen Morgenstunden nicht besetzt. Die Online-Redaktion arbeitet in einem Zwei-Schicht-System. Die Onliner sind die ersten Redakteure, die morgens kommen und unter den letzten, die abends das Licht ausmachen. Sie beobachten nicht nur die Nachrichtenlage, sondern beliefern die verschiedenen Kanäle der Sozialen Medien mit Nachrichten und kümmern sich um die Seiten des Onlineauftritts.

Recherche bei Polizei und Feuerwehr gehört zum Alltag

An diesem Morgen schreiben sie die erste Nachricht für die Homepage des WESER-KURIER und verbreiten die Meldung in den Sozialen Medien – die Leser sollen so schnell wie möglich informiert werden, vielleicht auf ihrem Smartphone auf dem Weg zur Arbeit oder noch auf dem Tablet am heimischen Frühstückstisch. Noch ist es eine kleine Meldung, die gelieferten Informationen dürftig.

Zu den Aufgaben in der Online-Redaktion gehört es am frühen Morgen, genauere Informationen von der Polizei und Feuerwehr in Erfahrung zu bringen. Der Artikel auf der Internetseite des WESER-KURIER wird mit jeder neuen Information aktualisiert. Gleichzeitig erreicht die Nachricht über E-Mail und Kurznachrichten die Blattplaner und andere Redakteure. Die ersten Autoren der Lokalredaktion treffen gegen 9 Uhr in der Redaktion ein, da wissen sie schon im Groben, was passiert ist.

Um 10 Uhr landet die Meldung über den Brand in der Morgenkonferenz als Thema in der Lokalredaktion. In der Konferenz werden Themen besprochen und vergeben, sowie die Lokalseiten für die kommende Ausgabe besprochen. Die Autoren stellen ihre Ideen und Themen vor, die Ressortleitung übernimmt die Planung für den Lokalteil, denn sie müssen im Anschluss in die 11-Uhr-Konferenz der Ressortleiter und der Chefredaktion. Die Morgenkonferenz ist auch der Ort der Blattkritik für die lokale Berichterstattung: Was war gut? Was war nicht so gut? Was geht besser?

An diesem Vormittag wird entschieden, Platz für den Brand zu schaffen und einen anderen Artikel zu verschieben. Aus der Meldung soll ein Aufmacher werden, ein großer Artikel auf dem oberen Drittel einer Seite, entweder auf Seite eins oder Seite drei, vielleicht sogar auf der Titelseite – je nach dem, was die Recherchen des Tages ergeben.

Digital statt analog

Auf der technischen Seite hat sich in der Produktion einer Zeitung in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. Schreibmaschinen und Bleilettern sind seit Jahrzehnten aus den Redaktionen in die Technikmuseen umgezogen (siehe Bericht auf Seite 7). In den vergangenen Jahren hat sich die technische Entwicklung noch beschleunigt – und damit auch die Arbeit für die Redakteure. Terminplanung, Seitenlayout und Druckvorbereitung, das alles geschieht nur noch digital. Die Redakteure haben im Prinzip von überall Zugang zum Redaktionssystem, können noch vom Ort des Geschehens Vorabmeldungen schreiben. Aktuelle Fotos und erste Einschätzungen werden in Sekunden verschickt. Während alte Berufe, wie die des Setzers, verschwanden, sind neue entstanden: Online-Redakteure und Social-Media-Manager, um nur zwei zu nennen.

Bei aller Beschleunigung: Für hintergründige Artikel braucht es nach wie vor Zeit und die richtigen Kontakte. In dem Fall der Brandmeldung bedeutet dies: Rausfahren, mit den Nachbarn sprechen, Zeugen ausfindig machen, die Szenerie auf sich wirken lassen. Erst so wird mit den offiziellen Statements der Behörden ein abgerundeter Text für die kommende Ausgabe. Während sich Redakteurin und Fotografin absprechen und auf den Weg zum Brandort machen, arbeiten im Pressehaus die Kollegen an den übrigen Seiten der kommenden Ausgabe.

Mittags wird im Pressehaus die technische Umsetzung der gedruckten Zeitung von morgen vorbereitet. In der sogenannten Spiegelkonferenz sitzen Zentraldesk und Blattplanung zusammen. „Wenn dort besondere Wünsche bestehen, zum Beispiel für mehr Platz, dann versuchen wir das umzusetzen“, sagt Stefan Dammann, der unter anderem verantwortlich für die Blattplanung und den Leitstand ist. Bei unvorhergesehenen Ereignissen sei das auch im Betrieb noch möglich. Nicht weniger als 24 Seiten und nicht mehr als 32 Seiten sollen es sein. „Ab 32 Seiten wird es kompliziert, da müssen die Maschinen im Druckhaus extra ausgerüstet werden“, sagt Dammann.

Schnelleres Tempo

Es ist eine Vermittlerrolle, die die Produktionsplanung und der Leitstand einnehmen. „Unsere Aufgabe ist, die Seiten aus den Redaktionen und die Anzeigen der Vermarktung zusammenzuführen und technisch einwandfreie Dateien an das Druckhaus zu schicken“, sagt Dammann. Zu seinen Aufgaben gehört auch, zu prüfen, ob der Druck, zum Beispiel durch besondere Ereignisse, verschoben werden kann. „Die Produktionskette kann dabei nur bis zu einem bestimmten Punkt geändert werden, denn die Zeitung muss ja pünktlich bei den Lesern sein.“

Über die zunehmende Geschwindigkeit in der Zeitungsproduktion sagt Dammann: „Aus heutiger Sicht war die Produktion damals endlos langsam, während die Redakteure heute schon von vor Ort etwas schicken können.“ Die technische Weiterentwicklung veränderte aber auch das Arbeitsprofil der Redaktionen. „Aus redaktioneller Sicht wurden die Artikel früher mit mechanischen, später mit elektrischen Schreibmaschinen geschrieben. Danach gab der Autor seinen Artikel ab und ging nach Hause oder zu seinem nächsten Termin.“ Mit der Einführung von Datensichtgeräten in den 1990er-Jahren und später von Computern, kann die Redaktion die Seiten selbst gestalten.

Der Leitstand schickt die einzelnen Druckdateien nach und nach in das Druckhaus in Woltmershausen. Im CTP-Verfahren (heißt Computer to Plate) werden die Buchstaben und Fotos aus Bits und Bytes per Laser auf die Druckplatten aus Aluminium gebrannt. Ab 18 Uhr kommen dort die ersten fertigen Seiten der Regionalausgaben als Computerdateien an, etwas später die der Hauptausgabe. Darunter ist auch der Artikel über den Brand – nun mit umfangreichen Aussagen von Polizei, Feuerwehr, Anwohnern und professionellen Fotos von der Brandstelle auf der ersten Seite des Lokalteils.

Die Drucker beginnen um 19.30 Uhr mit ihrer Nachtschicht. Dann muss die 74 Meter lange und zwölf Meter hohe Druckmaschine vorbereitet werden. Ein Methusalem: Die Maschine ist über 30 Jahre alt, viele Handgriffe sind notwendig. Der Hauptdruck beginnt gegen 23 Uhr und endet in der Regel nachts um 1.30 Uhr. Das Papier kommt von Papierrollen. Eine Rolle wiegt eine Tonne, das reicht für knapp 20 000 Zeitungen.

In der Druckhalle herrscht jetzt ohrenbetäubender Lärm, Gehörschutz ist Pflicht. Die fertigen Zeitungen rattern über ein Wirrwarr aus Laufbändern an den Decken zum Versand, dort werden sie verpackt und abgeholt. Gegen Mitternacht werden die Frühausgaben abgeholt und gegen 3 Uhr die letzten Packen der Hauptausgabe, um an Kioske und Supermärkte sowie Zusteller verteilt zu werden.

Während im Druckhaus der Wohnhausbrand auf das Papier gepresst wird, erlöschen im Pressehaus nach und nach die Lichter. Die Spätschicht der Online-Redaktion bereitet bis 22.30 Uhr den nächsten Tag vor, die Print-Spätdienst am Zentraldesk ist in der Regel bis 23.15 Uhr im Dienst und der Leitstand beendet gegen 23.45 Uhr seine Arbeit.

Lesen Sie auch

Info

Zur Sache

Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+