50 Jahre nach dem Wiederaufbau der Bremer Stadtwaage

Jubiläum für ein gerettetes Baudenkmal

Bremen. Dass eines der schönsten Bremer Bauwerke noch - oder besser: wieder - existiert, grenzt an ein Wunder. Nachdem die Stadtwaage 1944 durch Bomben zerstört worden war, stand ihr Wiederaufbau lange auf der Kippe. Heute wird der 50. Jahrestag ihrer Wiedereinweihung gefeiert.
12.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Erika Thies

Bremen. Dass eines der schönsten Bremer Bauwerke noch - oder besser: wieder - existiert, grenzt an ein Wunder. Nachdem die Stadtwaage 1944 durch Bomben zerstört worden war, stand ihr Wiederaufbau nämlich lange auf der Kippe.

Zu verdanken war er dann vor allem dem damaligen Landesdenkmalpfleger Rudolf Stein als einem unermüdlichem Kämpfer und der Sparkasse als der neuen Eigentümerin. Am 12. April 1961 fand die Wiedereinweihung statt. Mit einem Jubiläumsempfang vor Ort wird daran heute erinnert.

Lüder von Bentheim, des "ehrbaren Rates Steinhauer" (um 1455-1613), krönte sein Lebenswerk mit der Renaissance-Fassade des Bremer Rathauses. Aber auch die Sandsteinarbeiten für die Stadtwaage (1587/88) und das Kornhaus (1591) gehen auf ihn zurück. Beide Gebäude lagen an der Langenstraße - und beide verbrannten am 6. Oktober 1944 beim 137. Luftangriff auf Bremen. Ihm fielen unter anderen auch der Schütting, das Gewerbehaus und weite Teile der Neustadt zum Opfer.

Das Kornhaus, das der Stadtwaage sehr ähnlich sah, wurde danach nicht wieder aufgebaut. Die Stadtwaage aber erhob sich schließlich doch noch wieder wie der Phönix aus der Asche. Andächtig stehen nicht nur Touristen, sondern auch Bremer immer wieder vor dem Gebäude, bewundern die architektonische Pracht, freuen sich über die pausbäckigen Engelsköpfe und gehen vielleicht auch hinein - zu einer Günter-Grass-Ausstellung, einem Konzert, einem Vortrag oder ins Büro der Kammerphilharmonie.

Kaisen war begeistert

"Ein Schmuck- und ein Erinnerungsstück aus der bremischen Vergangenheit" sei hier wiedererstanden, schwärmte Bürgermeister Wilhelm Kaisen heute vor 50 Jahren. Der damalige Sparkassendirektor Emil W. Richter erlebte den Einweihungstag nicht mehr. Er starb im Oktober 1960. Ohne sein Eingreifen hätte Denkmalpfleger Stein letztlich wohl auf verlorenem Posten gestanden. Wie sein Amtsvorgänger Gustav Ulrich arbeitete Stein von Anfang an gezielt auf den Wiederaufbau der Stadtwaage hin. Erste Arbeiten hätten begonnen, meldete unsere Zeitung im Frühjahr 1950. Es sei daran gedacht, hier das Gästehaus des Senats einzurichten.

Bald schon kümmerte sich die Bildhauerklasse der Kunstschule auf dem Lagerplatz der Denkmalpflege um die aus der Ruine geborgenen Reste. Die Klasse flickte zerstörten Fassadenschmuck zusammen und fertigte Fehlendes nach Vorlagen oder Fotos neu an. Indessen wurden an der Langenstraße die Fundamente und das Kellergeschoss fertig.

Im September 1953 kam es plötzlich zum Baustopp. Nicht etwa aus Geldmangel, sondern weil man heftig über die Rückfront stritt. Die alte Stadtwaage war wegen eines direkt angrenzenden Hauses von hinten nicht sichtbar gewesen. Die neue würde ein freistehendes Gebäude sein. Professor Kraemer aus Braunschweig lieferte Entwürfe, gegen die sich Widerstand erhob. Vier Bremer Architekten hatten mit ihren Vorschlägen auch kein Glück.

Letztlich würde das Problem aber zu lösen sein. Schlimmer war, dass nicht feststand, wozu eine wiedererstandene Stadtwaage eigentlich da sein sollte. Ihrem ursprünglichen Zweck hatte sie auch vor der Zerstörung schon nicht mehr gedient. Seit dem Mittelalter gab es Stadtwaagen in jeder größeren Stadt. Mit der Vereinheitlichung der Maßsysteme verloren sie im 19. Jahrhundert ihre Bedeutung.

Als 1857 in Bremen noch eine neue "Centimal-Brückenwaage" für maximal 35000 Pfund angeschafft wurde, bestand die einstige Wiegepflicht schon nicht mehr. In das Haus an der Langenstraße zogen deshalb 1877 das Generalsteueramt und das Katasteramt ein. 1927 folgte auf sie die Norag (Nordische Rundfunk AG) mit ihrem Bremer Zwischensender, der nach der Zerstörung des "Funkhauses" im Bunker weitermachte.

Was aber sollte sich künftig in einer wiederaufgebauten Stadtwaage abspielen? Es gab Ideen, von denen letztlich keine zündete. Angedacht war sogar, die durch den Krieg heimatlos gewordene Bürgerschaft dort unterzubringen. Dann sprang die Volksbücherei, die in dem Gebäude ihre neue Zentralstelle bekommen sollte, in letzter Minute ab.

Auf unbestimmte Zeit verschoben

Das von Wirtschaftskreisen und vom Focke-Museum favorisierte "Haus des Kaufmanns" war nicht durchsetzbar. Mit dem Verkehrsverein und der Volkshochschule klappte es auch nicht. Im Februar 1956 hieß es, der Wiederaufbau der Stadtwaage gehe in Kürze weiter; im März wurde er auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die Bauverwaltung wollte am liebsten abreißen. Die Deputation für das Bauwesen war fürs Weiterbauen. Der starke Mann in der SPD, Richard Boljahn, verkündigte schon im Voraus, seine Fraktion werde den Abriss befürworten. Im Mai 1958 stimmte dann auch der Senat zu. Alles schien verloren. Da trat die Sparkasse auf dem Plan, tauschte eine ihrer Immobilien an der Domsheide gegen das Ruinengrundstück an der Langenstraße ein - und hatte als Eigentümerin freie Hand.

Denkmalpfleger Stein war wie erlöst. Die umstrittene Rückfront entwarf er nun selbst. Den Wettbewerb für fünf Reliefs am hinteren Giebel gewann die junge Bildhauerin Ingeborg Ahner-Siese. Ihr Mann Ludwig Ahner führte die Arbeiten aus. Auf das Richtfest am 30. März 1960 folgte am 12. April 1961 die Einweihung.

Die tags darauf im Erdgeschoss eröffnete Sparkassenfiliale wechselte im Jahr 2000 hinüber in die Sögestraße. In der Stadtwaage aber wurde im Juni 2001 die Günter Grass Stiftung eröffnet. Und als im Mai 2005 dann auch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit ihrer Verwaltung dorthin umgezogen war, da ist aus dem bisherigen "Literaturhaus" offiziell das "Kulturhaus" Stadtwaage geworden.

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