Studierende der Universität Bremen haben Stadtteilrundgänge ausgearbeitet

Jüdisches Leben gestern und heute

Einmal quer durch Hastedt und weiter nach Schwachhausen hat ein Seminar der Uni Bremen im vergangenen Semester geführt. Bei "Jüdisches Leben in Bremen - gestern und heute" erarbeiteten Studierende Stadtführungen und besuchten die Jüdische Gemeinde. In dem ersten Teil, über den wir heute berichten, ging es um die Anfänge jüdischen Lebens in Hastedt und die Ausweisung vieler Juden 1938. Der zweite folgt in einer späteren Ausgabe.
25.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Liane Janz

Einmal quer durch Hastedt und weiter nach Schwachhausen hat ein Seminar der Uni Bremen im vergangenen Semester geführt. Bei "Jüdisches Leben in Bremen - gestern und heute" erarbeiteten Studierende Stadtführungen und besuchten die Jüdische Gemeinde. In dem ersten Teil, über den wir heute berichten, ging es um die Anfänge jüdischen Lebens in Hastedt und die Ausweisung vieler Juden 1938. Der zweite folgt in einer späteren Ausgabe.

Hastedt. Juden hatten es in Bremen schon vor der Zeit des Nationalsozialismus nicht leicht. Das ist Studierenden des Instituts für Ethnologie und Kulturwissenschaften an der Universität Bremen in dem Seminar "Jüdisches Leben in Bremen – gestern und heute" deutlich geworden. Sie haben recherchiert, Stadtrundgänge organisiert, das Jüdische Museum in Berlin besucht und sich die Synagoge und Gemeinderäume in der Schwachhauser Heerstraße zeigen lassen.

Die erste Führung brachte die Seminarteilnehmer zum Haus der Familie Lundner in Hastedt, über das der Stadtteil-Kurier im Zusammenhang mit einer Gedenkreihe berichtet hat. Noch im 18. Jahrhundert habe Hastedt vor den Toren Bremens gelegen, gegen 1782 hätten sich dort die ersten Juden niedergelassen, informierte die Studentin Helen Wilde ihre Kommilitonen. Die Hastedter Juden mussten ihr Bleiberecht durch Schutzbriefe ständig erneuern, an den Stadttoren gab es strenge Kontrollen.

Mit der französischen Besatzung wurde das Klima liberaler, das Leben der Juden aber nur kurzfristig leichter, weil sich das Blatt 1814 wieder wendete. Große Einschnitte in die Rechte der Juden veranlasste Johann Smidt, damals noch als Senator, der sich 1814/15 auf dem Wiener Kongress für eine kleine, aber folgenschwere Umformulierung in den Beschlüssen stark machte.

"1934 lebten in Hastedt circa 110 Juden. Nur etwa 40 haben den Holocaust überlebt", beendete Helen Wilde ihr Referat, bevor es in das ehemalige Haus von Salomon und Chana Lundner und deren Kindern Israel, Beate, David und Ella in der Plattenheide 40 ging. Das Haus von Salomons Eltern Sara und Juda Wolff Lundner in der Fliederstraße war eine weitere Station.

Keiner aus der Bremer Familie Lundner hat den Holocaust überlebt – und nur acht der rund 50 Familienmitgliedern, die der Stammbaum aufweist. Ihre Nachkommen leben im Ausland. Die Künstlerin Kim Böse, die heutige Bewohnerin des Hauses, hat zum Andenken an Lundners in ihrer Wohnung in der Plattenheide eine Ausstellung eingerichtet, die nach Absprache besucht werden kann. Die Familie Lundner wurde im November 1938 nach Polen deportiert. "Die Ausweisung betraf aus Polen stammende Juden", sagte Julia Schlecht. Auch in Polen habe es eine antisemitische Politik gegeben, und dort habe man die von den Nazis des Landes verwiesenen Menschen auch nicht haben wollen. "Sie wurden mit Gewalt über die polnische Grenze getrieben", ergänzte Seminarleiterin Silke Betscher.

Auf freiem Gelände und in großer Kälte mussten sie tagelang ausharren, ihr Hab und Gut hatten sie in Bremen lassen müssen. Das Inventar aus Häusern, in denen jüdische Familien gelebt hatten, wurde versteigert. Diese Auktionen wurden als solche auch in den Lokalzeitungen angekündigt.

Einigen Studentinnen und Studenten kamen da Zweifel an der Behauptung vieler Deutscher, sie hätten nichts davon mitbekommen, was mit den Juden in der Nazizeit geschehen sei. Von den Versteigerungen jüdischen Eigentums, von den Ausweisungen und anderen Repressalien hatten viele etwas mitbekommen – das wurde den Seminarteilnehmern deutlich.

Die erste Führung durch Hastedt endete auf dem jüdischen Friedhof in der Deichbruchstraße, wo die Studentinnen Lisette Kiefer und Maike Lindenberg über die Tradition jüdischer Friedhöfe sprachen. Den Hastedter gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts. "Er liegt so versteckt, dass er in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 übersehen wurde", sagten die Studentinnen. Am Nachmittag des 10. November aber steckten Angehörige der SA die Kapelle in Brand und verwüsteten Gräber. Nach dem Krieg wurde der Friedhof wieder instand gesetzt und die Kapelle wieder aufgebaut, 1952 dann zusammen mit einem Ehrenmal für getötete Bremer Juden eingeweiht.

Auf dem Hastedter jüdischen Friedhof werden keine neuen Gräber mehr ausgehoben, weil der Platz nicht mehr reicht. Nur verstorbene Angehörige von Familien, die schon ein Grab auf dem Friedhof haben, dürfen dort noch beigesetzt werden. Anders als auf christlichen Friedhöfen werden die jüdischen Gräber nie eingeebnet. "Der Friedhof ist ein Ort der Ewigkeit", sagte Maike Lindenberg. Die jüdischen Friedhöfe in Bremen stehen unter der Obhut der Jüdischen Gemeinde. Die hat ihren Sitz in der Schwachhauser Heerstraße.

Die erste israelitische Gemeinde in Bremen wurde 1803 gegründet. Ihre Mitgliederzahlen schwankten, was vor allem auch der willkürlichen Verweigerung des Aufenthaltsrechts für Juden in Bremen zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschuldet war. 1933 hatte die Gemeinde dann mehr als 1300 Mitglieder. Mehr als die Hälfte wurde deportiert, andere wanderten aus. 1945 wurde erneut eine israelitische Gemeinde mit etwas mehr als 100 Mitgliedern gegründet, 1961 die Synagoge in Schwachhausen eingeweiht.

"Die Gemeinde ist Anfang der Neunzigerjahre durch die Zuwanderung aus dem Osten enorm gewachsen", erzählt Pawel Kogan den Studenten auf einer Führung durch die Räume der Gemeinde. Der gebürtige Lette ist im Vorstand der Gemeinde für Finanzen zuständig. Die Jüdische Gemeinde im Lande Bremen hat inzwischen 1000 Mitglieder.

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