Deutscher Name zu zungenbrecherisch – Bremer Modeschöpfer von Christian Dior umgetauft Jürgen Michaelsen wurde in Paris zu Yorn

Bei der Zeitung anzurufen, das kam dem bekannten Pariser Modeschöpfer Jürgen Michaelsen alias Yorn sonst nie in den Sinn. Doch ein Beitrag in unserer Rubrik „Bremisches vor 50 Jahren“ erfreute ihn so sehr, dass er doch zum Hörer griff. Und da gerade ein Treffen seiner alten Bremer Abiturklasse bevorstand, ergab sich die Gelegenheit für ein Interview.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Erika Thies

Bei der Zeitung anzurufen, das kam dem bekannten Pariser Modeschöpfer Jürgen Michaelsen alias Yorn sonst nie in den Sinn. Doch ein Beitrag in unserer Rubrik „Bremisches vor 50 Jahren“ erfreute ihn so sehr, dass er doch zum Hörer griff. Und da gerade ein Treffen seiner alten Bremer Abiturklasse bevorstand, ergab sich die Gelegenheit für ein Interview.

In „Bremisches vor 50 Jahren“ war zitiert worden: „Das erste, was der Dior-Schüler und Stern am Modehimmel der Seinestadt“ hier im Frühjahr 1964 von seiner Mutter zu hören bekam, sei ein Befehl gewesen. Er musste sofort zum Friseur. Damals war sein Abitur im Gymnasium an der Hermann-Böse-Straße acht, inzwischen ist es fast schon 59 Jahre her.

Hein Ammer, Peter Aselmann, Bernd Holtzmann, Joachim Kausch, Jan Meyerkort, Jürgen Michaelsen, Klaus Puvogel, Erwin Riemer, Wulf Peter Schiering, Peter Scholtz, Reinhard Strube und Harald Weihnacht: Das waren die Zwölf aus der 13 s/b, die sich im Februar 1956 über die bestandene Reifeprüfung freuen konnten. Aus Jürgen war schon ein knappes Jahr später Yorn geworden. Modekönig Christian Dior hatte seinen neuen Assistenten kurzerhand umgetauft, weil ihm dessen typisch deutscher Vorname allzu zungenbrecherisch erschien.

Der Bremer Kaufmannssohn Jürgen Michaelsen hatte schon als Schüler begeistert Modezeichnungen angefertigt. Ein nach dem Abitur gehorsam begonnenes Studium zum Textilingenieur schmiss er nach kurzer Zeit. Seine Schwester Ursula kannte eine Chefsekretärin im Hause Dior. Ihr verdankte es der damals 19-Jährige, dass er eines Tages klopfenden Herzens mit einer Mappe voller Entwürfe vor dem berühmtesten aller französischen Modeschöpfer stand, der ihn dann auch prompt engagierte. Woraufhin nach Bremen ein Jubel-Telegramm abging. Michaelsen: „Die einzige, die nicht vom Stuhl fiel, war meine Großmutter Marie.“ Sie sagte: „Lasst den Jungen doch.“

So begann die Erfolgsstory eines Bremers, der rückblickend vieles in seinem Leben als eine Folge glücklicher Umstände ansieht, und der trotz Hauptwohnsitz in Monte Carlo und weiterer Wohnsitze in Südfrankreich und in der Normandie nie den Kontakt zu seiner Heimatstadt verlor.

Schon die erste eigene Kollektion machte ihn bekannt. „Neuer Pariser Modestern stammt aus Bremen“ erfuhren die Leser unserer Zeitung bereits im Juli 1961 auf der Seite „Aus aller Welt“. Im Juli 1962 berichtete der „Elefant“, die Schülerzeitung des Gymnasiums an der Hermann-Böse-Straße, stolz über ihn. Bei späteren Bremen-Besuchen interviewten ihn unsere früheren Kolleginnen Carola Brunk und Margot Walther.

Von den Treffen der einstigen 13 s/b versäumt er möglichst keines. Das „s“ im Klassennamen stand für „sprachlicher Zweig“, und dankbar spricht Yorn alias Jürgen vom Französisch-Lehrer Dr. Aselmann, aus dessen Unterricht er außer soliden Sprachkenntnissen auch eine Liebe zu Frankreich mitnahm. „Er hat sich an meiner Laufbahn dann sehr gefreut.“

Die jüngst in dem in New York erschienenen Prachtband „Monsieur Dior. Once upon a time“ aufgestellte Behauptung, dass „the young good-looking German“ anfangs nur „about three words“ Französisch gesprochen und seine Sprachkenntnisse letztlich den Mannequins verdankt habe, ist also unzutreffend. „Mon petit“, mein Kleiner, er spreche jetzt ja sogar akzentfrei, wunderte sich neulich ein inzwischen 83-jähriges einstiges Dior-Starmannequin. Dabei klingt aber auch sein Deutsch bis heute so, als habe er Bremen gestern erst verlassen.

Was ist dran an dem Hinweis im Internet, dass er auch mal Schauspieler gewesen sei? Die amüsierte Antwort lautet: Daran war, drei Tage nach seinem Antritt bei Dior, eine Wette mit dem anderen Assistenten, Yves Saint-Laurent, schuld. Er werde, hatte der junge Bremer übermütig geprahlt, innerhalb eines Jahres in Paris auch auf der Bühne stehen. Es ging um eine Kiste Champagner, die Yorn gewann. Nicht umsonst hatte er einst als Statist im Theater am Goetheplatz Don José sogar mal die Tatwaffe zu Carmens Ermordung reichen dürfen.

Von den zwölf Abiturienten der einstigen 13 s/b blieben nicht wenige in Bremen ansässig. Die Klassentreffen sind üblicherweise immer hier. Mal lud Jürgen Michaelsen die Mitschüler aber auch nach Südfrankreich ein, in sein Haus in Moissac, das er vor 40 Jahren als Ruine übernommen hatte. Als die Herren in dunklen Anzügen erschienen, stattete er sie erst mal mit Pullovern aus. zurück

Mit Rotkohl zurück nach Frankreich

Einem der Fünf, die jetzt beim Treffen im Jürgenshof dabei sein konnten, schwante vorher schon: „Dann gehen wieder all’ die Fotos von den Enkelkindern rum.“ Michaelsen reiste im Auto mit Westhighland-Terrier „Gatsby“ an und wohnte bei der Schwägerin in Oberneuland. Aus Bremen nahm er wieder diverse Gläser mit Rotkohl mit – für das Weihnachtsmenü in Frankreich. Dazu lädt er abwechselnd seine beiden Neffen mit ihren Familien ein.

Was ist an ihm typisch bremisch? Da stutzt Jürgen Michaelsen alias Yorn kurz und nennt dann: eine gewisse Disziplin und Haltung, Höflichkeit, Zuverlässigkeit. Aber, setzt er gleich hinzu, steif sei er nicht, sondern aufgeschlossen, neugierig, reiselustig und: „Ich war immer positiv.“ Wer vom Leben verwöhnt werde, ergänzt er dann nachdenklich, müsse auch zurückgeben. Vor längerer Zeit saß er bei einem offiziellen Essen neben einer Herzspezialistin vom Pariser Hospital Necker und kümmert sich dort seitdem um kranke Kinder.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+