Kritik: Knapper Finanzrahmen macht vernünftige Jugendarbeit unmöglich / Bündnis fordert 30 Prozent mehr Jugendhäuser in Bedrängnis

Bremen-Nord. Die Nordbremer Jugendeinrichtungen stehen mit dem Rücken zur Wand. In dieser Woche findet ein Krisentreffen betroffener Einrichtungen aus ganz Bremen in Oslebshausen statt.
17.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Denker

Die Nordbremer Jugendeinrichtungen stehen mit dem Rücken zur Wand. In dieser Woche findet ein Krisentreffen betroffener Einrichtungen aus ganz Bremen in Oslebshausen statt. Ein genauer Blick in die Jugendhäuser und -klubs zwischen Farge und Grambke offenbart den Mangel: Energie- und Personalkosten schmälern die Mittel für die tatsächliche Jugendarbeit.

Genau 108 706 Euro bekommt im laufenden Jahr das Jugendzentrum Burglesum, das von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) betrieben wird. Das hört sich zunächst nach viel Geld an. Letztlich fließen jedoch nur 15 000 Euro davon in die programmatische Jugendarbeit. Der Rest wird für die stetig steigenden Betriebskosten und für Gehälter benötigt. Das ist nur ein Beispiel von vielen, die Lage im Jugendfreizeitheim ist symptomatisch. Wie berichtet, stehen Jugendeinrichtungen in Bremen-Nord vor dem Kollaps. Dem Jugendclub im Fockengrund droht das Aus.

Kann unter den jetzigen finanziellen Rahmenbedingungen noch vernünftige Jugendarbeit geleistet werden? „Ich würde sagen, nein“, sagt die vertretende Einrichtungsleiterin des Jugendzentrums Burglesum, Simon Wörmann. „Es geht nur noch darum, das Programm aufrechtzuerhalten. Die Qualität leidet. Außerdem müssen wir immer mehr Zeit in politische Lobby-Arbeit stecken. Das merken auch die Jugendlichen. Wir haben deshalb weniger Zeit für sie.“

Im Freizeitheim Farge, das von der Caritas betrieben wird, ist es laut Einrichtungsleiterin Thea Fabry nicht so schlimm. Rund 157 000 Euro bekommt das Freizi für dieses Jahr. Dennoch wirbt die Jugendeinrichtung regelmäßig Drittmittel ein, um „ein weiteres halbes Jahr zu überbrücken“. Es sind auch hier die Energie- und Betriebskosten, die einen massiven Teil des Finanzkuchens fressen, der eigentlich in die praktische Jugendarbeit fließen soll. „Das Freizi steht unter Denkmalschutz. Wir heizen uns um Kopf und Kragen.“ Eine Schließung hält Thea Fabry zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch für unwahrscheinlich. Genauso wie Blumenthals Ortsamtsleiter Peter Nowack.

575 000 Euro öffentliche Gelder, berichtet der Ortsamtsleiter, fließen dieses Jahr aus dem Topf für stadtteilbezogene Jugendarbeit nach Blumenthal. Davon blieben unter dem Strich knapp 160 000 Euro für die praktische Arbeit. Laut Nowack halte man jedoch einen Betrag von 10 000 Euro zurück, um im Laufe des Jahres zumindest etwas nachfinanzieren zu können. Zum Vergleich: Auf Burglesum entfallen in diesem Jahr insgesamt 366 000 Euro, die Einrichtungen im Mittelzentrum Vegesack müssen allesamt mit 457 000 Euro auskommen.

Auch hier behilft man sich: Ortsamtsleiter Heiko Dornstedt achtet nach eigenen Angaben darauf, dass Jugendeinrichtungen Zuwendungen von anderer Seite bekämen: Erst kürzlich hat er eine Spende an eine Vegesacker Einrichtung weitergeleitet. Dornstedt weiß: „Der tatsächliche Finanzbedarf ist nun einmal höher als die Summen, die die Einrichtungen bekommen.“ Ob „Lilas Pause“, „We united“, oder „TiQ“, das Jugendfreizeitheim Alt-Aumund oder das Jugendcafé: Für Dornstedt ist es wertvolle Arbeit, die in den Jugendeinrichtungen geleistet werde. Zum Beispiel der Treffpunkt im Quartier, kurz „TiQ“: Dort werde sich besonders stark Jugendlichen im Bereich Hünertshagen gewidmet. Eine Zeit lang, so Dornstedt, habe es dort Probleme mit Jugendlichen gegeben. Die Arbeit im „TiQ“ trage nun dazu bei, dass sich die Situation dort wieder entspannt habe.

Kann aber Sozialarbeit vor dem Hintergrund der angespannten Finanzsituation noch funktionieren? Insbesondere in sozialen Brennpunkten, wo es maßgeblich um Integration geht? Beantworten mag das zunächst niemand in Bremen-Nord. „Das ist alles sehr brisant. Es müsste anders gefördert werden“, deutet Einrichtungsleiter Matthias Scholz vom Jugendcafé Haven Höövt an.

Doch schon die Personalsituation spricht für sich: Ein Vollzeit- und ein Teilzeitbeschäftigter kümmern sich im Jugendcafé gegenüber der Grohner Düne um bis zu 50 Jungen, die von 15 bis 21 Uhr hier ihre Freizeit verbringen.

„Es müsste in einem anderen Rahmen investiert werden“, sagt Scholz.

Das soll nun offenbar passieren: Matthias Ehmke vom Amt für Soziale Dienste, Fachbereich Junge Menschen, jedenfalls gibt sich optimistisch, dass im kommenden Jahr mit einem neuen Rahmenkonzept die Karten neu gemischt werden. „In diesem Konzept werden neue und modernere Ansprüche an die Jugendarbeit gestellt“, berichtet er. Heinz Dargel, Geschäftsführer des Caritas-Verbandes Bremen-Nord, hatte bereits im vergangenen Jahr gegenüber unserer Zeitung erklärt, dass die Jugendlichen in den Einrichtungen nicht mehr nur nach Freizeitangeboten suchten. Viele kämen zum Beispiel mit knurrendem Magen.

Innerhalb der Sozialbehörde jedenfalls rechnet man mit einer Aufstockung der Budgets. „Sicher nicht um 30 Prozent“, wie das Bündnis „30 Prozent mehr Zukunft“ aktuell fordert, doch geht man davon aus, dass zwei Millionen Euro mehr an öffentlichen Mitteln für die Jugendarbeit notwendig sind, um zumindest den Stand von vor zehn Jahren zu halten. Momentan ist nach Informationen dieser Zeitung von einer Aufstockung der Stadtteilbudgets für Jugendförderung um 3,5 Prozent die Rede.

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