Grabpflege auf Osterholzer Friedhof

Jugendliche beschäftigen sich mit Biografie von Kriegsopfern

30 Jugendliche aus zehn Nationen pflegen beim Workcamp des VDK-Landesverbandes Bremen Grabstätten von Opfern aus Arbeits- und Konzentrationslagern und beschäftigen sich mit einigen Biografien.
12.08.2019, 21:52
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus
Jugendliche beschäftigen sich mit Biografie von Kriegsopfern

Der 16-jährige Michael Soklakov aus Russland (rechts) und andere jugendliche Teilnehmer des Workcamps reinigen einzelne Grabplatten und Wege auf dem Gräberfeld K auf dem Osterholzer Friedhof.

Holthaus

Man sieht an der aktuellen Lage, dass man Faschismus nicht vergessen soll und darf“, sagt Ronja Pohl. „Die Wahlergebnisse der AfD zeigen das, und das muss man den Leuten erzählen“, fährt die Teilnehmerin des Workcamps „Moin Europe! – Bremen international“ des Bremer Landesverbandes des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Zusammen mit 29 anderen Jugendlichen aus zehn verschiedenen Nationen ist sie noch bis Sonntag, 18. August, im Lidice-Haus untergebracht und unter anderem damit beschäftigt, die Grabstellen der Opfer des Zweiten Weltkrieges auf dem Osterholzer Friedhof zu pflegen.

„Zwangsarbeit passiert heute noch, es ist wichtig, dass man darüber spricht“, meint die 20-Jährige aus der Bremer Neustadt, während sie einzelne Grabplatten auf dem Gräberfeld K von Ablagerungen befreit. Darunter liegen nicht nur Lazarettschwestern und Soldaten, sondern auch die Überreste von 1367 Opfern aus Arbeits- und Konzentrationslagern des Bremer Umlands.

„Und dort liegen auch ganz viele Kriegsteilnehmer des ‚Letzten Aufgebots‘“, informiert Anke Büttgen, Bildungsreferentin des Volksbundes. „Menschen aus Bremen, die noch für den sogenannten ‚Volkssturm‘ eingezogen wurden und gefallen sind.“

Berührungsängste abbauen

Wenn die jugendlichen Workshop-Teilnehmenden auf dem Friedhof ankommen, gebe es erst einmal Berührungsängste, berichtet Büttgen. „Doch nach einiger Zeit bauen sie eine Beziehung auf, verlieren die Distanz und gewöhnen sich an die Kriegsgräberstätte.“ Trotz des bedrückenden Ortes seien die Jugendlichen bei der Pflege der Anlage guter Dinge. „Es ist wichtig, dass es auch Programmpunkte gibt, die Spaß machen“, erzählt die Bildungsreferentin über das Programm des zweiwöchigen Camps. So fährt die Gruppe an einem Tag nach Bremerhaven ins Auswandererhaus, an einem anderen an den Strand. Auch eine Nachtwächtertour durch Bremen steht auf dem Programm.

Neben diesen Ausflügen beschäftigt sich die Gruppe intensiv mit den Themen Gedenken, Flucht und Zwangsarbeit. Dafür besucht sie den Farger Bunker Valentin und das Lager Sandbostel. Darüber hinaus beschäftigen sich die jungen Leute mit einigen Biografien der Opfer: „Es ist wichtig zu zeigen, dass sie genauso Menschen sind wie die Teilnehmenden“, sagt Anke Büttgen. Die aktuellen Geschehnisse werden beim Besuch des Geflüchtetendenkmals auf dem Friedhof der Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen thematisiert. Dort gibt es einen Workshop zum Thema ‚Flucht‘ und die Teilnehmenden gestalten ein Graffito mit einem Bremer Künstler.

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„Jedes Mal, wenn ich im Camp bin, spüre ich eine starke Verbundenheit, und die Atmosphäre ist gut“, sagt Maria Istrate aus Rumänien über ihre Motivation. „Wir wollen den Gefallenen des Zweiten Weltkriegs Respekt zollen, ungeachtet der Nationalität.“ Die 19-Jährige sieht die derzeitigen Probleme zwischen den Nationen als rein politisch an, zum Beispiel zwischen Russland und der Ukraine, „das sind nicht Probleme zwischen den Menschen“. Davon ist auch Michael Soklakov aus Russland überzeugt. „Ich lebe hier in einem Raum mit einem Ukrainer, wir sind Freunde. Und ich habe Verwandte in der Ukraine. Das ist überwiegend ein politischer Konflikt, keiner zwischen Menschen.“ Der 16-Jährige besucht das Camp, um zu helfen und die Erinnerung wach zu halten: „In Russland haben wir auch solche Stätten, nur anders: unordentlicher. Die Menschen dort respektieren Friedhöfe, kümmern sich aber nicht darum.“

Ebenfalls aus Russland stammt die 27-jährige Alla Lysenko. Sie ist eine von vier Gruppenleitern und erzählt: „Meine erste Begegnung mit dem Volksbund war vor zehn Jahren in Wolgograd, dem früheren Stalingrad und meiner Heimatstadt. Ich bin geschichtlich interessiert, und das hat mich angesprochen. Nach einigen Teilnahmen am Camp bin ich nun als Teamerin dabei.“ Sie habe bereits als Lehrerin gearbeitet, sagt sie, und wolle den Kontakt zu den Jugendlichen nicht verlieren.

Kultur des Erinnerns muss aufrechterhalten werden

Teamer Berat Yildirim stammt aus der Türkei. „Ich möchte mehr Verantwortung übernehmen und lernen, mit Problemen umzugehen“, so der in Istanbul lebende 19-Jährige. „Wir haben in der Türkei keine internationalen Projekte wie die Kriegsgräberfürsorge.“ Der Volksbund sei in seiner deutschsprachigen Schule, die er besucht, bekannt und beliebt: „Aus unserer Schule machen viele mit, auch wegen der Sprachschulung.“

Die Erinnerung an die Toten des NS-Regimes aufrechterhalten – seit jeher gibt es Stimmen, „es jetzt auch mal gut sein zu lassen“. Anke Büttgen hat eine klare Meinung dazu, warum die Kultur des Erinnerns aufrechterhalten werden muss: Internationale Konflikte würden im Kleinen beginnen, doch kleine Konflikte könnten sich schnell ausbreiten. Kriegsgräberstätten seien daher nicht nur Stätten des Gedenkens, sondern auch des Mahnens. Und Landesgeschäftsführer Matthias Sobotta berichtet von Plänen, Kriegsgräber zu Gedenkstätten ausbauen zu wollen, mit Dokumentationszentren und Schautafeln: „Um aus der Geschichte seine Rückschlüsse ziehen und daraus lernen zu können.“

Weitere Informationen

Am Freitag, 16. August, gibt es um 14 Uhr am Gräberfeld K des Osterholzer Friedhofes eine öffentliche Gedenkveranstaltung. Unter anderem werden einige Teilnehmende über ihre Erfahrungen und Gefühle während des Workcamps berichten.

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