Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge startet Putzaktion

Jugendliche reinigen Stolpersteine

Bahnhofsvorstadt. Über 500 Gedenksteine für Opfer des Nationalsozialismus sind in Bremen mittlerweile verlegt worden. Mit der Zeit verlieren aber deutlich an Glanz. Und so hat der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine Putzaktion vor dem Finanzamt gestartet.
11.04.2011, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Bastienne Ehl
Jugendliche reinigen Stolpersteine

Jugendliche aus dem Jugendarbeitskreis Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Finanzsenatorin Karoline Linnert vor

ROLAND SCHEITZ

Bahnhofsvorstadt. Über 500 Gedenksteine für Opfer des Nationalsozialismus sind in Bremen mittlerweile verlegt worden. Mit der Zeit verlieren einige der Messingtafeln auf den kleinen Betonquadern aber deutlich an Glanz. Manche sind sogar so dreckig, dass man sie kaum noch wahrnimmt - das jedenfalls haben die Mitglieder des Jugendarbeitskreises Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge festgestellt, und, wie vor ihnen schon andere Bremer, eine Putzaktion gestartet.

Ausgerüstet mit Bürste, Putzlappen und Politur haben sich die Jugendlichen am Rudolf-Hilferding-Platz, direkt vor dem Finanzamt ans Werk gemacht und als allerersten den Stein von Oskar Goldberg wieder auf Hochglanz poliert. "Also, die Politur auf einen weichen Lappen geben, einreiben und danach polieren", liest Bürgermeisterin und Finanzsenatorin Karoline Linnert die Hinweise zur Anwendung vor, die auf der Tube der Spezialpolitur stehen. Die Jugendlichen tun, was man ihnen gesagt hat, und kurz darauf glänzt die Messingtafel wie neu. "Jetzt ist Herr Goldberg wieder auf Vordermann gebracht. Schließlich gehört er zu uns: Er war hier Finanzbeamter, bevor er vertrieben und schließlich ermordet wurde", sagt Karoline Linnert.

Der Stein erinnert an das Schicksal des Obersteuersekretärs Oskar Goldberg, der Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung geworden ist. Oskar Goldberg war jüdischer Herkunft und Konfession. Verheiratet war er mit der Katholikin Selma Voigt. Die so genannte "Mischehe" gewährte ihm zunächst einen gewissen Schutz vor Verfolgung. Das Ehepaar hatte auch eine erwachsene Tochter, Alma, die 1911 auf die Welt gekommen war.

Oskar Goldberg war 23 Jahre lang im Staatsdienst beschäftigt, bis er nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten suspendiert wurde. Nach der Entlassung versuchte er, als Steuerberater jüdischer Geschäfte und Unternehmen sein Geld zu verdienen. Im September 1939, dem ersten Kriegsmonat, suchte Oskar Goldberg Verwandte im Rheinland auf, um von dort nach Holland zu fliehen.

Seine Angehörigen ließen ihn allerdings nachts auf freiem Gelände allein zurück. Im November 1939 wurde der Bremer verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Am 13. Januar 1940 erhielt Selma Goldberg die Nachricht vom Tod ihres Mannes - angebliche Todesursache: "Körperschwäche". Am 14. Januar 1940 konnte sie den Toten sehen und stellte dabei Spuren schwerer Misshandlung fest. Selma Goldberg starb 1951. Die Tochter überlebte die Nazizeit ebenfalls, aber ob sie heute noch lebt, ist nicht bekannt.

Die Idee für die Putzaktion hatten die Mitglieder des Bremer Jugendarbeitskreises im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge selbst. "Wir haben immer wieder Steine gesehen, die richtig dreckig waren und deshalb überhaupt nicht mehr richtig wahrgenommen wurden. Und da haben wir uns vorgenommen, sie wieder sauber zu machen", sagt Sina Lürßen aus der Neustadt. Die rund 30 Jugendlichen aus dem Arbeitskreis haben geplant, noch in diesem Jahr jene Steine wieder aufzupolieren, die in der Nähe ihres Jugendraums an der Rembertistraße liegen. "Das werden so in etwa zwölf bis 15 Plätze sein. An manchen Orten liegen ja auch mehrere Steine", sagt die Schwachhauserin Isa Nolle, Jugendreferentin des Volksbundes. Tipps, wie man die Steine richtig behandelt, hat den Jugendlichen Barbara Johr, die Leiterin des Projekts Stolpersteine von der Landeszentrale für Politische Bildung, vorab gegeben. "Frau Johr hat uns gesagt, welche Politur die beste ist", sagt Lina Madaj aus Grolland, die seit 2008 beim

Jugendarbeitskreis dabei ist. "Sie hat uns auch gesagt, was beim Putzen zu beachten ist. Mit Bürste oder Lappen darf man nicht zu kräftig polieren, sonst zerkratzt man die Oberfläche, sagt die 21-Jährige. Auch die Pflege von Gedenksteinen will gelernt sein.

Mehr über das Projekt Stolpersteine im Internet unter www.stolpersteine-bremen.de.

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