Zwei Auftritte in Bremen

Julia Engelmann, die Pop-Poetin

An diesem Wochenende absolviert die Spoken-Words-Künstlerin Julia Engelmann gleich zwei Auftritte in ihrer Geburtsstadt Bremen. Für ihre erstaunliche Karriere hat sie viel gearbeitet.
10.10.2018, 19:46
Lesedauer: 5 Min
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Julia Engelmann, die Pop-Poetin
Von Hendrik Werner
Julia Engelmann, die Pop-Poetin

Heimspiele: Am Freitag und Sonnabend tritt die Künstlerin im Bremer Metropol-Theater auf.

benwolf

Es gibt Geschichten und Gründungsmythen, die schon oft erzählt und aufgeschrieben worden sind – und die doch so sehr bewegen, dass berührbare Zeitgenossen sie wieder und wieder hören und lesen möchten. Der als offizieller Startschuss der Karriere von Julia Engelmann gehandelte Auftritt gehört in diese Kategorie – und ist bei YouTube bestens bezeugt.

Tatort: Universität Bielefeld. Tatzeit: 7. Mai 2013. Hörsaal-Slam, fünfte Folge des einmal mehr bestens besuchten Kleinkunstformats. Julia Engelmann, mit Pailletten-Jeansjacke, glänzender Stirn und blondem Pferdeschwanz, tritt ans Mikrofon, stellt sich dem Auditorium mit eingangs noch dezent kippliger Stimme als Studentin der Psychologie vor – und trägt dann mit sparsamen Gesten und zusehends sicherer Diktion ihren Beitrag „One Day / Reckoning" vor. Den Wettbewerb gewinnt sie zwar nicht.

Aber das Video von ihrer Performance geht viral – und sozusagen durch die Decke. Mehr als zwölf Millionen Mal ist der Clip aufgerufen und geteilt worden. Seinem Nimbus tat es keinen Abbruch, dass der offenbar missmutige oder gar neidische Kommentator einer überregionalen Zeitung den überraschenden Triumph nicht etwa als Resultat von Wahrhaftigkeit gelten lassen wollte, sondern Julia Engelmann eine kalkulierte Ästhetik unterstellte.

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Vielleicht reüssiert die Bremerin an diesem Tag ohnedies nicht wegen ihrer in einigen Belangen spröden Aura, die schon insofern ausbaufähig scheint, als längst nicht alle Handbewegungen und Verse so ansprechend sitzen, wie sie es könnten. Vielmehr avanciert sie wegen des sowohl in emotionaler als auch in popkultureller Hinsicht anschlussfähigen Inhalts ihres Vortrags zu einer Galionsfigur. Von nichts Geringerem als dem Lebensgefühl einer ganzen Generation wird in Engelmann-Porträts später oft die Rede sein – und davon, dass die damals gerade 20-jährige Abiturientin mit ihrer Performance (und ihrer sympathisch semi-professionellen Erscheinung) einen Nerv getroffen habe.

„Lass uns nachts lange wach bleiben“, deklamiert sie in dem Langgedicht, „auf´s höchste Hausdach der Stadt steigen, / lachend und vom Takt frei die allertollsten Lieder singen. / Lass uns Feste wie Konfetti schmeißen, / sehen, wie sie zu Boden reisen / und die gefallenen Feste feiern, bis die Wolken wieder lila sind.“ Werksplitter der populären Sänger Marteria, Casper und Ke$ha sowie weitere mehr oder minder subtile Songtext-Anleihen grundieren das smart arrangierte Stückwerk Engelmanns – und arbeiten dem Eindruck zu, hier trage jemand auf dringliche, relevante und doch unprätentiöse Weise eine denkbar lässig formulierte Befindlichkeitsstudie vor, die Menschen zwischen 20 und 30 Jahren zur innigen Identifikation lade.

Der Rest dieser Erfolgsgeschichte ist so sattsam bekannt wie ihr Auftakt – und frappiert doch, weil er in keiner Weise vorhersehbar erschien: Es folgen der Studienabbruch und die emsige Arbeit an einer Laufbahn als Entertainerin. Mit bemerkenswerten Ergebnissen: Ihr 2014 im Goldmann-Verlag erscheinendes Buchdebüt, das als Hommage an das Aufgehen ihres Sterns ausgerechnet in Bielefeld den Titel „Eines Tages, Baby“ trägt, verkauft sich weitaus besser als gedacht.

Werke mit Wiedererkennungswert

Zunächst werden nur vergleichsweise bescheidene und sporadische Auftritte im Unterhaltungszirkus anberaumt. Doch als auch sie besser als erwartet laufen und das Interesse der Medien unvermindert anhält, wissen die Kulturmarketing-Experten, wie Produkt und Phänomen in den folgenden Jahren tunlichst zu positionieren sind: Werke mit Wiedererkennungswert, Aufstockung des Portfolios, Ausbau des Bekanntheitsgrades. So geht Vollzeitdichterin heute.

Das sieht dann so aus, dass im besagten Münchner Verlag weitere weltläufige Bücher erscheinen („Wir können alles sein, Baby“, 2015; „Jetzt, Baby“, 2016) und Julia Engelmann die lässlichen Lücken zwischen ihren Begabungen auf pragmatische Art schließt: Zur Autorin und Slammerin gesellt sich ab 2017 die Sängerin Julia Engelmann. Nach dem ersten Bühnenprogramm – Titel: „Jetzt, Baby – Poesie und Musik“ – hat die rührige Mittzwanzigerin, gleichfalls im vergangenen Jahr, ihr Debütalbum „Poesiealbum“ mit 14 neuen Popsongs und Lyrik veröffentlicht, das sie an diesem Wochenende gleich zweimal im Bremer Metropol-Theater vorstellen wird – in Kombination mit den Früchten ihres jüngsten Gedichtbandes „Keine Ahnung, ob das Liebe ist“. Des Babys, das die Titel ihrer ersten Veröffentlichungen leitmotivisch durchzog, bedarf sie nimmer. Engelmann funktioniert mittlerweile ohnedies als Marke.

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Früher war Beat-Literatur, heute ist Poetry Slam. Beides sind rhythmische Präsentationsformen von Literatur im öffentlichen Raum, die – im Idealfall – zum Spektakel geraten. Wenn Allen Ginsberg („Howl“, 1955) als Ahnherr solcher Spoken-Words-Performances gelten darf, ist Julia Engelmann seine legitime Enkelin. Während ein poetisch und rhythmisch gestimmter Dichter-Querulant wie Rainald Goetz anno 1983 seinen berüchtigten Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt noch mit irrem Blick, vermeintlich wirrer Wortwahl und kirre machender Diktion bestritt, um das Publikum zu schockieren, so möchte Julia Engelmann mit ihren Texten und ihrer überwiegend dezenten Vortragsweise lieber betören denn verstören – wie auch ihr Bundeslandsmann Bas Böttcher, vormals Rapper, mittlerweile international beachteter Poetry Slammer. Man kann diese beiden Bremer Exportschlager getrost als postpolitisch und metahistorisch bezeichnen, ohne ihre Verdienste zu schmälern.

Es versteht sich von selbst, dass eine solche Karriere nicht möglich ist ohne Sendungsdrang, Zeigefreude und kunstsinnige Anlagen, die zur rechten Zeit zur Entfaltung drängen. Julia Engelmann, die Weggefährten als gleichermaßen begabt und ehrgeizig beschreiben, hat frühzeitig daran gearbeitet, auf Bühnen präsent zu sein – und seien diese zunächst noch so überschaubar. Sie hatte als Kind Klavierunterricht und spielt leidlich Gitarre.

Engelmann wirkte bei meheren Produktionen der Jungen Akteure mit

Schon zu Schulzeiten war sie rührig auf dem weiten Feld der darstellenden Kunst. Bei den Jungen Akteuren, der Nachwuchssparte am Theater Bremen, wirkte sie ab dem Jahr 2006 gleich in mehreren Produktionen mit. Darunter waren die Stücke „Vision Mensch“ (2009) und „8 Väter“ (2010). Anlässlich eines Probenbesuchs zitiert eine Redakteurin dieser Zeitung die damals 17-jährige Schülerin aus Schwachhausen mit diesem ambitionierten, aber auch grammatikalisch gewagten Satz: „Theatermäßig glaube ich schon, dass ich mich da weiterentwickelt habe.“

Entwicklung, Fortschritt, Laufbahn. Für die junge Künstlerin dürften das bereits in einem frühen Stadium ihres Fortkommens Schlüsselbegriffe gewesen sein. Julia Engelmann, die ihr Faible für telegene Auftritte zwischen 2010 und 2012 in der RTL-Soap „Alles was zählt“ ausleben konnte, in der sie die Rolle einer Eishockeyspielerin übernahm, hat ihre Leidenschaft für das Rampenlicht in einem Alter entdeckt, in dem andere junge Leute mit Drogen, Sex und WG-Erfahrungen experimentieren.

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Entsprechend viele (und vielfältige) Anstrengungen hat sie unternommen, ihren Traum von Künstler-Existenz und Prominenz zu realisieren. Das gilt auch für ihre Vorzeigedisziplin: Schon zwischen 2010 und 2012 sind etliche Poetry-Slam-Siege (und noch mehr Teilnahmen) Engelmanns aktenkundig. Der mancherorts als Urszene interpretierte und also missverstandene Auftritt in Bielefeld hat Vorgeschichten, der mittlerweile routinierte Gestus der Künstlerin selbstredend auch.

„Die stille Poetin“ nannte man sie bei einem gruppendynamischen Spiel im Teenager-Alter. Damals habe sie dieses Etikett noch als extrem uncool empfunden, erzählte sie im November 2017 bei einem Bremer Gastspiel, das zum enthusiastisch aufgenommenen Heimspiel geriet. Nun, da sie dank Talent, Fügung und Strebsamkeit ein Star ist, will Julia Engelmann den Ausdruck positiv verstanden wissen. Nicht so sehr im Blick auf ihre eigene Geschichte, sondern vor allem hinsichtlich eines Publikums, in dem manches Talent noch mit seiner künstlerischen Berufung hadern mag. Es ist die hohe Kunst der Motivation, die in vielen ihrer Texte echot. Möge sie ihrer Vorbildfunktion weiterhin gerecht bleiben.

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