Lesepaten kommen in die Oberschule an der Hermannsburg / Bücherraum eingerichtet

Jung und Alt stecken die Nase ins Buch

In der Oberschule an der Hermannsburg ist in den vergangenen Wochen ein neues Projekt angelaufen. Paten kommen regelmäßig in die Bildungseinrichtung, um mit Schülern gemeinsam zu schmökern. Wichtig ist nicht nur die Lesezeit, sondern auch die sich entwickelnden zwischenmenschlichen Beziehungen.
08.05.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Annica Müllenberg
Jung und Alt stecken die Nase ins Buch

Bettina Brandt (links) und Sylvia Dreeke haben das Projekt Lesepaten angeschoben.

Walter Gerbracht

In der Oberschule an der Hermannsburg ist in den vergangenen Wochen ein neues Projekt angelaufen. Paten kommen regelmäßig in die Bildungseinrichtung, um mit Schülern gemeinsam zu schmökern. Wichtig ist nicht nur die Lesezeit, sondern auch die sich entwickelnden zwischenmenschlichen Beziehungen.

Im Schrank des neu eingerichteten Bücherraums der Oberschule an der Hermannsburg reihen sich die Exemplare aneinander: Märchen, Romane und Abenteuergeschichten sind darunter. Voll ist das Regal aber noch nicht. Es soll sich in den nächsten Monaten füllen. In der Ausbildungsstätte hat ein neues Förderprojekt begonnen. Sechs Lesepaten kommen in die fünften Klassen und schenken jeweils einem Schüler oder einer Schülerin einmal pro Woche bis zu eineinhalb Stunden Zeit, um gemeinsam Bücher zu lesen. Wenn „ihr“ Pate kommt, dürfen die Mädchen und Jungen den Unterricht verlassen, um in die Welt der Literatur abzutauchen. Im Bücherraum riecht es noch ein wenig nach Farbe, denn die bunten Schmetterlinge und Blumen sind noch nicht lange an den Wänden. Die knallroten Sofas laden in einer gemütlich-ruhigen Wohnzimmeratmosphäre zu einer entspannten Auszeit ein.

Die Lesepatenschaften sind ein Gemeinschaftsprojekt des Vereins „Forum Ältere Menschen Bremen“ (FÄMB) und der Oberschule an der Hermannsburg. „Es handelt sich nicht um Nachhilfe. Eher soll die Lust am Lesen geweckt werden“, betont Bettina Brandt. Die Freiwilligen- und Projektkoordinatorin vom FÄMB war bei einer Veranstaltung zufällig auf Sylvia Dreeke, Leiterin des Zentrums für unterstützende Pädagogik (ZuP) an der Schule, gestoßen. Letztere war auf der Suche nach genau dem, was Brandt versuchte anzubieten: Lesepatenschaften. „Als Schule haben wir uns sehr gut auf den Einsatz der Paten vorbereitet. Im Vorfeld haben wir Leistungsdiagnostik für alle Kinder des fünften Jahrgangs betrieben. Wir wissen also, welche Schüler gefordert oder gefördert werden müssen“, erklärt die ZuP-Leiterin. Schon im vergangenen Jahr wurde ein erster Anlauf genommen. Allerdings handelte es sich bei den Freiwilligen um junge Leute, die durch berufliche Verpflichtungen schnell wieder verhindert waren. Deshalb lag Dreeke viel daran, Menschen zu begeistern, die das Berufsleben schon hinter sich haben.

Aufbau von Beziehungen

Das FÄMB möchte das Leben von Senioren interessanter gestalten. Die Vermittlung älterer Menschen in ehrenamtliche Tätigkeiten soll Einsamkeit vermeiden sowie die Integration von Jung und Alt fördern. Nach dem Aufruf meldeten sich sechs Damen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren aus Huchting und der Neustadt. Bei allen spielt das Buch eine große Rolle im Leben. „Sie haben sich unglaublich gefreut auf das, was sie nun erwartet“, erinnert sich Brandt an die erste Begegnung. Bis auf eine waren alle Ehrenamtlichen neu in der Rolle der Lesepatin. Motivation ist für viele, dass sie ihren Kindern und Enkeln vorgelesen haben.

Nachdem die Jahrgangsleiterin gemeinsam mit den Lehrkräften die ersten Schüler für das Projekt vorgeschlagen hat, dürfen diese nun an einem festen Tag in der Woche 45 Minuten oder eineinhalb Stunden ihren persönlichen Paten kennenlernen. Zwei sind jeweils pro Klasse vorgesehen. „An unserer Schule gibt es Lernzeiten, in denen arbeiten die Schüler selbstständig. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, wenn sie den Unterricht für die Lesezeit verlassen“, erklärt Dreeke. Ziel ist, dass zwischen Pate und Schüler ein Vertrauensverhältnis entsteht. „Es geht auch um den Aufbau von Beziehungen. Heutzutage wohnen Eltern und Großeltern nicht mehr unbedingt in einer Stadt oder im selben Land. Deshalb ist es etwas Besonderes, wenn ein Mensch sich nur Zeit für den jeweiligen Schüler nimmt“, sagt Brandt und ergänzt, „angedacht ist, dass das Duo über die fünfte Klasse hinweg zusammenwächst.“ Sie ist sich sicher, dass auf diese Weise auch soziale Kompetenzen wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und generationsübergreifender Respekt gefördert werden. „Natürlich kann das auch einmal schiefgehen. Deshalb sollen die Frauen und die Schüler sich nun erst einmal langsam aneinander gewöhnen.“ Im Juni folgen erste Erfahrungsgespräche. Wenn diese positiv ausfallen, werde überlegt, das Projekt über mehrere Jahrgänge auszuweiten.

Bis dahin wird der Bestand im Regal des Bücherraums schon angewachsen sein. „Zwar wählen die Kinder, was sie lesen möchten. Die Paten sollen aber auch Bücher vorschlagen“, so Brandt. Es entsteht nicht nur ein Austausch zwischen Schüler und Senior, sondern auch zwischen alten und neuen Geschichten.

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