Handels- und Handwerkskammer beklagen hohe Fehlerquote Junge Bremer kämpfen mit der Rechtschreibung

Bremen. Die Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse von Bremer Azubis und Studenten haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Das beklagen Experten aus Handelskammer, Handwerkskammer und Uni. Die Erklärungsansätze sind vielfältig.
23.02.2012, 17:47
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Thomas Joppig

Bremen. Die Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse von Bremer Auszubildenden und Studenten haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Das beklagen Experten aus Handelskammer, Handwerkskammer und Uni. Die Erklärungsansätze dafür sind vielfältig.

Oft sind es beiläufige Momente, in denen deutlich wird, woran es bei manchem Azubi hapert. „In einem Baubetrieb hatte zum Beispiel ein Auszubildender Schwierigkeiten, den Weg zu einem Grundstück zu finden, weil er die Fahrtroute auf dem Plan nicht lesen konnte“, sagt Michael Weiß, Referent für Berufsbildung bei der Handwerkskammer Bremen. „Andere Azubis scheuen sich davor, Formulare oder Berichtshefte auszufüllen, weil sie nicht wollen, dass ihr Chef sieht, dass sie Probleme mit dem Schreiben haben.“

Immer öfter müssten Handwerksbetriebe Defizite auffangen. Weiß sieht die Hauptverantwortung bei den Schulen. „Natürlich haben es Jugendliche aus den sogenannten bildungsferneren Elternhäusern schwerer, weil sie von den Eltern weniger gut an Dinge herangeführt werden. Auch Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es nicht  leicht, wenn in der Familie kaum Deutsch gesprochen wird“, sagt er. „Dennoch kann nicht sein, dass Jugendliche die Schule mit einem Abschluss verlassen und trotzdem noch immer grundlegende Defizite im Lesen und Schreiben haben.“

18 Wörter - 13 Rechtschreibfehler

Eine Einschätzung, die Karlheinz Heidemeyer, Geschäftsführer für Aus- und Weiterbildung bei der Handelskammer Bremen, teilt. In den vergangenen Jahrzehnten habe die Zahl der Azubis, die Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik haben, zugenommen, sagt er. "Neulich hatte ich ein Kündigungsschreiben, das aus gerade mal 18 Wörtern bestand aber 13 Rechtschreibfehler enthielt."

Zwar habe das schlechte Abschneiden Bremens bei der Pisa-Studie und anderen Bildungsrankings zu einem Umdenken in der bremischen Bildungspolitik geführt. „Das Bewusstsein hat zugenommen, dass Schule etwas mit Leistung zu tun hat.“ Dennoch rechnet Heidemeyer damit, dass es noch dauert, bis sich dieses Umdenken auch auf die Rechtschreibkompetenz künftiger Azubis auswirkt.  „Zum einen braucht es Zeit, bis die Reformen der vergangenen Jahre wirklich greifen. Zum anderen dauert es, bis die Jugendlichen, die von diesen Reformen profitiert haben, die Schule beenden und eine Ausbildung beginnen.“ Derzeit sei in Bremer Betrieben noch immer zu beobachten, dass Azubis aus dem niedersächsischen Umland oft bessere Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse mitbringen als Auszubildende, die in Bremen zur Schule gegangen sind.

Auch Studenten sind betroffen

Mit Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik haben aber nicht nur Azubis, sondern auch Studenten zu kämpfen. Hans Krings, Professor für Linguistik und Romanistik an der Universität Bremen, hat den Eindruck, dass sich die Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse der Studierenden in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. In Kursen fragt er die Studenten, was an dem Satz „Die Politiker konnten den Problemen nicht Herr werden“ falsch ist. Sein Fazit fällt ernüchternd aus: „In einem Kursus mit 20 bis 30 Studenten erkennen in der Regel nur zwei bis drei, dass es „der Probleme“ heißen muss.

Krings macht für diese Beobachtung mehrere Gründe verantwortlich.  So habe sich durch die schnelle Kommunikation via SMS und Internet eine Art „Mischform zwischen geschriebener und gesprochener Sprache“ entwickelt. „Viele Leute schreiben so wie sie reden und machen sich keine großen Gedanken über Grammatik und Rechtschreibung.“ Zudem präge auch der Medienkonsum das Gefühl für Sprache und Rechtschreibung: „Die Frage ist, ob sich jemand nur oberflächlich informiert, oder ob er auch jemand auch mal ein gutes Buch oder eine Qualitätszeitung liest oder eine anspruchsvolle Fernsehsendung schaut.“

Mehr Fernsehen als Schule

Er wolle allerdings nicht in Kulturpessimismus verfallen, betont Krings. „Viele Studenten verbessern während des Studiums ihr Sprachgefühl, weil sie sich intensiver und bewusster mit Texten auseinandersetzen.“ Anders als Handels- und Handwerkskammer gibt er nicht den Schulen die Verantwortung für mangelhafte Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse junger Menschen. Er sieht die Gründe eher in der Medienentwicklung:  „Seit Einführung des Privatfernsehens hat sich zum Beispiel der Fernsehkonsum ständig erhöht. Das Fernsehen vermittelt vielen Jugendlichen inzwischen mehr sprachlichen Input als die Schule. Und wenn sie dann vor allem sprachlich wenig anspruchsvolle Sendungen wie etwa Doku-Soaps schauen, prägt das natürlich ihr Sprachgefühl.“

Empirische Studien, die eindeutig belegen, dass Jugendliche immer mehr Rechtschreib- und Grammatikfehler machen, gebe es bislang nicht, betont Krings. Eva Anslinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin  der Akademie für Arbeit und Politik an der Uni Bremen, misstraut denn auch den Klagen von Handels- und Handwerkskammer. „Es wird heute einfach mehr geschrieben als früher.“ Als Beispiele nennt sie die in vielen Betrieben gängige Kommunikation per E-Mail, aber auch die verschärften Dokumentationspflichten in vielen Berufen – zum Beispiel bei Pflegekräften.  „Je mehr geschrieben wird, desto stärker fallen Unsicherheiten in Fragen der Rechtschreibung und Grammatik auf.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+