Teurer Aufenthalt in der Jugendhilfe

Junge Flüchtlinge finden keine Wohnung

Junge Flüchtlinge haben Probleme eine Wohnung zu finden und bleiben deshalb oft länger als vorgesehen im teuren Jugendhilfesystem. Es scheitert am Mangel an entsprechenden Wohnungen, sagen Experten.
14.11.2016, 00:02
Lesedauer: 5 Min
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Junge Flüchtlinge finden keine Wohnung
Von Kathrin Aldenhoff
Junge Flüchtlinge finden keine Wohnung

Wohnungssuche in Bremen ist nicht einfach. Auf viele Wohnungen kommen bis zu 40 Bewerber. Junge Flüchtlinge haben dann kaum eine Chance.

dpa

Junge Flüchtlinge haben Probleme eine Wohnung zu finden und bleiben deshalb oft länger als vorgesehen im teuren Jugendhilfesystem. Es scheitert am Mangel an entsprechenden Wohnungen, sagen Experten.

Junge Flüchtlinge haben Probleme eine Wohnung zu finden und bleiben deshalb oft länger als vorgesehen im teuren Jugendhilfesystem. „Die Jugendlichen könnten entlassen werden, aber es scheitert daran, dass keine Wohnungen frei sind“, sagt Bernd Schmitt, Geschäftsführer der Diakonischen Jugendhilfe Bremen (Jub). „Wir können sie ja schließlich nicht in die Obdachlosigkeit entlassen.“ Derzeit leben rund 2000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bremen. Die Sozialbehörde geht davon aus, dass in nächster Zeit ein erheblicher Teil von ihnen aus den Jugendwohneinrichtungen entlassen wird. Aber sie geht auch davon aus, dass das bei vielen nicht möglich sein wird – weil sie keine Wohnungen bekommen. Das kann teuer werden.

In Bremen gibt es viele kleine Wohngruppen und Wohngemeinschaften für unbegleitete Minderjährige. Weil die jungen Flüchtlinge keine Wohnungen finden, wandeln Jugendhilfeträger nun Wohnformen um, so sollen Kosten gespart werden. Ein junger Mann, der ausziehen und selbstständig leben könnte, zieht zum Beispiel in eine WG beim Jugendhilfeträger. Die wird dann nicht mehr so intensiv betreut wie die Wohngruppe, in der er vorher lebte. Trotzdem ist die Jugendhilfe noch beteiligt.

Volljährige dürfen nicht grundlos in der Jugendhilfe bleiben

In einem Dokument der Sozialbehörde heißt es: „Das Bemühen, für diese Zielgruppe kleine Wohnungen zu akquirieren, ist zu verstärken, damit sie nicht aus Gründen von fehlenden Wohnungen im teuren stationären System der Jugendhilfe verbleiben. Ist dies aufgrund der angespannten Situation auf dem Wohnungsmarkt nicht möglich, wird ein Wechsel in eine andere gemeinschaftliche Wohnform ermöglicht.“ In diesem Jahr zögen voraussichtlich 168 Personen aus der Jugendhilfe in eine andere Wohnform, im kommenden Jahr 771 Personen.

Ein Verbleib von jungen Volljährigen in der Jugendhilfe sei bei fehlendem erzieherischen Bedarf rechtlich nicht zulässig. Und zudem nicht finanzierbar. Die Behörde will diejenigen, die Asyl beantragt haben oder als Flüchtlinge anerkannt sind, im Anschluss in Übergangswohnheimen unterbringen, wenn sie keine Wohnung finden.

Jub-Geschäftsführer Bernd Schmitt rechnet damit, dass rund 1200 junge Flüchtlinge eine eigene Wohnung oder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft brauchen. Doch sie finden kaum Wohnungen. Auch, weil viele in Deutschland nur geduldet werden. Weil sie minderjährig sind, weil sie hier zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen. Wie viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge geduldet werden, dazu kann die Ausländerbehörde keine Angaben machen. Bei vielen unbegleiteten Minderjährigen ist es nach Angaben der Behörde schwierig, die Identität zu klären, weil sie keine Ausweisdokumente besitzen. Und solange die Identität nicht geklärt ist, bekommen die Jugendlichen in der Regel keine Aufenthaltserlaubnis.

Keine Wohnung mit Status der Duldung

Ein großes Problem: Manche Wohnungsbaugesellschaften in Bremen vergeben keine Wohnungen an Flüchtlinge, die einen Duldungsstatus haben. Das bestätigen Mitarbeiter der Jugend- und der Flüchtlingshilfe. Seine Mitarbeiter erlebten das immer wieder, sagt Bernd Schmitt. Und auch Jutta Becks von der Tochtergesellschaft des Arbeiter-Samariter-Bundes, die sich um die Betreuung von Zuwanderern kümmert, kennt das Problem. „Das mit der Duldung ist ein Problem“, sagt sie. Auch wenn das bei den Wohnungsbaugesellschaften niemand so offen sage. Besonders wenn die jungen Flüchtlinge aus Herkunftsländern kommen, die als sicher deklariert sind, sei es sehr schwierig, eine Wohnung für sie zu bekommen, das weiß sie aus Erfahrung.

Und auch der Sprecher des Flüchtlingsrates, Marc Millies, bestätigt diese Praxis: Wer keine Aufenthaltsgenehmigung über mindestens zwölf Monate hat, bekommt keine Wohnung. „Wir bekommen nie eine schriftliche Auskunft“, sagt er. „Aber mündlich hören unsere Kollegen und Ehrenamtlichen das immer wieder.“ Viele Vermieter oder Wohnungsbaugesellschaften wüssten nicht, was es bedeutet, eine Duldung zu haben, sagt Millies. Nicht jeder mit einer Duldung werde bald abgeschoben.

Auf Nachfrage nennen die Wohnungsbaugesellschaften in Bremen unterschiedliche Regelungen, was die Vermietung an geduldete Flüchtlinge angeht. Die Gewosie vermietet grundsätzlich nicht an Flüchtlinge mit einer Duldung. Laut Genossenschaftsgesetz müssten Mieter eine Aufenthaltsgenehmigung haben, sagt eine Sprecherin. Auch der Espabau verbietet die Satzung die Vermietung an Flüchtlinge, die geduldet werden. In dringlichen Fällen würde man einen Beschluss des Aufsichtsrates einholen, der eine Ausnahme erlaubt, heißt es von Unternehmensseite. Bisher habe man das aber noch nicht gemacht.

Gewoba vermietet jeden Monat gut 45 Wohnungen an Flüchtlinge

Die Gewoba gibt an, auch an Flüchtlinge mit einer Duldung zu vermieten – wenn der Status länger als sechs Monate gilt, und sie aus nicht-sicheren Herkunftsländern kommen, sagt Manfred Corbach von der Gewoba. Jeden Monat würden etwa 40 bis 45 Wohnungen an Flüchtlinge vermietet. „Wir wollen eine behutsame Integration in die Quartiere“, sagt Corbach. Die Situation für junge Flüchtlinge sei sicherlich schwierig, gibt er zu. Vor allem weil der Markt mit Wohnungsangeboten für Ein-Personen-Haushalte sehr eng sei. Auch die Brebau vermietet ein monatliches Kontingent an Geflüchtete, etwa 60 jeden Monat.

Das Unternehmen Vonovia hat nach eigenen Angaben rund 11 000 Wohnungen in Bremen. Aus dem Unternehmen heißt es, der Aufenthaltsstatus von Mietern sei grundsätzlich sehr wichtig. „Uns ist wichtig, dass ein Mieter langfristig in seiner Wohnung bleiben kann“, sagte eine Sprecherin. Jede Vermietung sei eine individuelle Entscheidung, im Vorfeld prüfe Vonovia die Bonität und das Einkommen. Seien alle Kriterien erfüllt, vermiete Vonovia auch an Flüchtlinge mit einer Duldung.

Das erleben die Mitarbeiter von Bernd Schmitt in ihren täglichen Bemühungen, Wohnungen für die jungen Flüchtlinge zu finden, anders. Bernd Schmitt sagt: „Wenn 40 Interessenten zu einem Besichtigungstermin kommen, haben unsere Jugendlichen so gut wie keine Chance.“ Er erzählt von einem jungen Mann, der seit sieben Monaten auf der Suche nach einer Wohnung ist, aber erst einen Besichtigungstermin hatte. Die Wohnung bekam er dann nicht.

Der Status der Duldung
Nicht jeder, der als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist, wird vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als Flüchtling anerkannt. Manche Asylanträge werden abgelehnt. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen Deutschland sofort verlassen müssen. Manche werden geduldet, etwa weil sie schwer krank sind oder weil ihr Herkunftsland nicht zweifelsfrei bestimmt werden kann. Eine Duldung bedeutet nach dem Aufenthaltsgesetz eine „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“, die Ausländerbehörden sprechen sie aus. Zum 30. September lebten in Bremen rund 3100 Menschen mit einer Duldung.
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