105 Meter langer Schubverband bringt Lemwerder II von Tangermünde nach Hamburg Jungfernfahrt der Weserfähre auf der Elbe

Tangermünde·Hamburg·Vegesack. Mit 40 Zentimetern Wasser unter dem Kiel beginnt die Fahrt, mit knapp 40 Zentimetern Luft zwischen Fähraufbauten und Elbbrücken endet sie: 223 Stromkilometer war der Fährneubau Lemwerder II von Tangermünde bis Hamburg-Veddel unterwegs, geschoben und gezogen von einem Schleppverband mit einer Länge von 105 und einer Breite von 23,30 Meter. Aufatmen bei "Kapitän" Franz Petrak erst, als der Schubverband mit der Fähre backbords bei der Norderwerft am Sonnabendmorgen festmachte. Etliche Gefahrenstellen waren mit dem 4,2 Millionen Euro teuren Neubau zu bewältigen.
03.06.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Robert Goldberg

Tangermünde·Hamburg·Vegesack. Mit 40 Zentimetern Wasser unter dem Kiel beginnt die Fahrt, mit knapp 40 Zentimetern Luft zwischen Fähraufbauten und Elbbrücken endet sie: 223 Stromkilometer war der Fährneubau Lemwerder II von Tangermünde bis Hamburg-Veddel unterwegs, geschoben und gezogen von einem Schleppverband mit einer Länge von 105 und einer Breite von 23,30 Meter. Aufatmen bei "Kapitän" Franz Petrak erst, als der Schubverband mit der Fähre backbords bei der Norderwerft am Sonnabendmorgen festmachte. Etliche Gefahrenstellen waren mit dem 4,2 Millionen Euro teuren Neubau zu bewältigen.

Am Mittwoch vergangener Woche erfolgte der "TÜV" für die 56 Meter lange und 15 Meter breite Fähre durch den Germanischen Lloyd, eigentlich schon am Donnerstagabend ab SET-Werft in Tangermünde sollte die Überführung der Fähre beginnen. Doch das zunächst vorgesehene Sichern des auf den Fahrspuren platzierten Steuerhauses mit Stahlseilen und Tampen entspricht nicht den Sicherheitsvorschriften, am Abend musste die Kapitänskabine noch mittig auf der Fähre festgeschweißt werden. Mit aufgesetztem Steuerhaus hätte die Lemwerder II nicht unter die Hamburger Elbbrücken gepasst, auch bei anderen Brücken wäre es knapp geworden. Deshalb - und aus Sicherheitsgründen - wird sie auch vom Schubverband elbabwärts verbracht.

Am Freitag um 5 Uhr schaltet "Edda"-Schiffsführer Petrak die beiden Cummins-Diesel seines 500 PS starken Schubschleppers an, sanft setzt sich das ungewöhnliche Gefährt in Bewegung: Linkerhand die Fähre, die mit Tampen und Stahlseilen am 61 Meter langen Schub-Leichter (Behälter) vertäut ist, vor dem leeren Trog zieht mitunter das Schubboot SCH 2334 mit, hinter dem Trog drückt die "Edda". Zwischen den Bäumen, rechts vor der Brücke, die nach Stendal führt, geht die Sonne auf.

Schiffsführer Franz Petrak ist eine Legende, noch aus DDR-Zeiten: Seit nunmehr 50 Jahren ist der drahtige Mann, der im September 70 wird, auf den Binnenwasserstraßen unterwegs, am liebsten auf Elbe und Havel. Er ist der von allen akzeptierte "Kapitän" des Schubverbandes, er kennt jeden Kahn, jeden Mann und beinahe jedes Haus an der Elbe: "Bei dem haben sie erst das Dach gedeckt, nachdem der Bund Gelder für die Flutmauer gezahlt hat", sagt er und weist auf die Siedlung Stiepelse gegenüber von Bleckede, einst eine BRD-Enklave auf der rechten Elbseite, die zur DDR gehörte. Petraks Kommandos kommen leise, berlinerisch genuschelt, und als Vorschläge daher: "Ja, ist vielleicht besser, René, wenn Du mich in die Schleuse hineinziehst."

"Bademeister" ist sein Spitzname. Selbstironisch und ein Stückchen altersweise erzählt Franz, wie er von allen genannt wird, die Geschichte seines spektakulärsten Wassersturzes von etlichen: "Ick war bei der Weißen Flotte in Ost-Berlin und musste die Fenster außen putzen. Ick hab aber immer nur auf die jungen Mädchen gekiekt. Irgendwo fehlte ein Brett, dann bin ick mit weißen Anzug und goldbetresst ins Wasser. Dann war ick ganz schnell weg von der Weißen Flotte." Seine Liebe gehört ohnehin der Binnenschifffahrt, schon immer wollte der Franz fahren. Seine Schiffsführerprüfung, nachdem er sechs Jahre zuvor als Hilfsbootsmann unterwegs war, machte er 1964 bei der Deutschen Binnenschiffreederei - das "staatseigene" Unternehmen mit Sitz in Berlin stellte zu DDR-Zeiten mit 236 Schleppern, 124 sogenannten Selbstfahrern und 955 Schleppkähnen die größte Binnenschiffflotte Europas.

"Franz fährt wieder wie ein junger Gott", funkt René Didenken an einen Binnenschiffer-Kollegen. Didenken ist nicht nur Schiffsführer auf dem vorderen "Schuber" SCH2334, er ist seit 1998 auch Eigner des 300 PS starken Schiffes aus dem Bestand der Binnenreederei. René schätzt das auf der DDR-Werft Rosslau gebaute Boot, fährt seit Jahren im Team mit Jens Joppich. Die beiden Binnenschiffer machten 1989 zusammen die Schiffsführer-Prüfung in Schönebeck, seitdem sind sie ein Team.

Ja, Franz fährt wie ein Gott. Gerade mal 40 Zentimeter hat er beim Werftstandort Tangermünde unter dem Kiel, nur 1,60 Meter beträgt dort der Wasserstand der Elbe. Ein falsches Manöver und der Verband saugt sich im Sand fest, ganz abgesehen von den wandernden Sandbänken. "Die sind immer woanders, viel Erfahrung muss man auf der Elbe haben, ein bisschen Glück gehört auch dazu." Franz Petrak redet nicht gerne über die Gefahren, schon gar nicht, bevor er am Ziel ist.

Immer wieder präsent: die Ex-DDR

Die Idylle der weiten Elblandschaft zwischen der Altmark und dem Havelland, dem Wendland und dem Mecklenburgischen Elbetal mit See- und Fischadlern täuscht, die deutsch-deutsche Geschichte hat in Form von abgerissenen Brücken, alten DDR-Wachtürmen und Niemandsland an den Ufern Zeichen hinterlassen, noch mehr aber im Gedächtnis der Männer. Immer wieder wird von Pässen für "Westreisen" erzählt, von der Abnahme, wenn sich ein Binnenschiffer scheiden ließ, und und und. Sinnierend schaut Franz Petrak auf einen Wachturm bei Schnakenburg, sagt aber nichts...

Nach elf Stunden Fahrt bei zwölf Stundenkilometer im Schnitt fährt der Verbund bei Hitzacker Zickzack: die gefürchteten Sandbänke. René Didenken erklärt die Fahrweise mit Zeigen auf das Display, das nicht nur jede Ortschaft an der Elbe, die Flusskilometer und die Biegungen, sondern auch sich dort bewegende Schiffe mit Kennzeichnung und die Tonnen zeigt. "Du musst die roten Doppeltonnen backbord anfahren, dort etwas weiter siehst Du die Ausfahrt, dann musst Du steuerbord die anderen Doppeltonnen anfahren." Der Schiffsführer des vorderen Schubbootes hat Zeit für Erklärungen, hinten wird gefahren und gesteuert, nur die Schraube dreht beim vorderen Schuber mit, René Didenken schaltet sich aktiv nur in das Navigieren des Schubverbundes ein, wenn er hinten von Franz per Funk die ruhigen Anweisungen bekommt.

Gegen 20 Uhr sind wir endlich vor der Schleuse Geesthacht, haben Glück und erhalten mit einem 86 Meter langen Tanker Einfahrt in die rund 200 Meter lange Schleuse. Der Tanker fährt steuerbord in die Schleusenkammer, der Schubverband backbord, sodass Fähre und Tanker links zusammen rund 140 Meter ergeben. Passt, wackelt und hat Luft. Für heute ist nach dem Schleusen erst mal Feierabend, um 22Uhr machen die Matrosen Ulf Klink, Dieter Linneberg und Jens Joppich den Verband hinter der Schleuse fest, nach 17 Stunden Fahrt. 16 Stunden Fahrt sind normal für die Binnenschiffer, gefahren wird im 14/7- oder im 21/7-Rhythmus - 14 oder 21 Tage auf dem Wasser, sieben Tage frei.

Um 5 Uhr geht es am Sonnabend weiter, die kritischste Stelle der ganzen Fahrt soll vor 8.57 Uhr genommen werden - dann ist Tiede bei den Elbbrücken in Hamburg-Veddel. 8,40 Meter Luft sind zwischen Wasser und den beiden Brücken, doch die Lemwerder II hat eine Höhe von acht Metern - mit abgenommenen Steuerhaus. Schiffsführer Franz Petrak dirigiert Matrose Ulf Klink aufs Brückendeck der Fähre, sicherheitshalber. René Didenken macht vorn das Schiebedach seiner Kabine auf, steckt den Kopf durch. Die Spannung ist greifbar um 8.45 Uhr, Franz schaut noch einmal in seine Unterlagen, nimmt Fahrt raus. Ganz langsam schiebt sich das Gefährt unter die erste Elbbrücke - die 40 Zentimeter stimmen. Bei der zweiten Elbbrücke, über die die Bahnstrecke führt, wird es noch knapper: ein knapper Unterarm Platz zwischen Deck und dem stählernen Brückengewirr. Der Rest ist beinahe Routine. Eindrehen in den Reiherstieg, Verbindung zwischen Norder- und Süderelbe, dort liegt die Norderwerft, Festmachen um 10 Uhr

an einem Chemietanker. Gernot Tischler von der SET-Werft Tangermünde geht dort mit drei Kollegen an Bord, bei der Werft wird das Steuerhaus an seinen Platz gehievt und angeschraubt. Die fünf Männer der Crew wirken erst jetzt richtig entspannt, "Kapitän" Petrak ist erleichtert: "So'n Sondertransport wollte ich eigentlich nie wieder machen." Die Waldschlösschen-Brücke bei Dresden war auch sein Job.

Noch einmal Verholen zum Liegeplatz Holthusen-Kai, dort wird auf den Seeschlepper "Wega" gewartet, der die Fähre über die Nordsee in die Weser bringt. Doch dafür muss das Wetter stimmen - nicht mehr als drei Windstärken dürfen über der Nordsee wehen.

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