Über die Journalistin Irmgard Enderle Kämpferin für die Demokratie

Im Sommer 1945 kehrte Irmgard Enderle aus dem schwedischen Exil zurück nach Deutschland und wurde in Bremen eines der Gründungsmitglieder des WESER-KURIER. Ein Porträt.
08.03.2020, 08:30
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Kämpferin für die Demokratie
Von Lisa-Maria Röhling

Als Irmgard Enderle im Sommer 1945 aus dem Exil in Schweden zurückkehrte, war an Stillstand nicht zu denken. „Je bewußter alle dabei bestrebt sind, die Ehrfurcht von dem Mitmenschen zur Geltung zu bringen, desto mehr bewahrheitet sich das Lied: Hell aus dem dunklen Vergangenen leuchtet die Zukunft hervor!“, schrieb sie am 1. Mai 1946 im WESER-KURIER.

Diese Dunkelheit hatte Enderle selbst erlebt: Die Nationalsozialisten hatten die Journalistin und Sozialdemokratin 1933 inhaftiert, sie war zwei Monate nach der Festnahme durch die Gestapo erst in die Niederlande, dann nach Belgien und schließlich nach Schweden geflohen. Doch nach dem Krieg, nach dem Ende der Naziherrschaft, kehrte Enderle zusammen mit ihrem Mann August zurück nach Deutschland, um den politischen Neuanfang zu gestalten.

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Das Paar ließ sich vorerst in Bremen nieder. Auch wenn Enderle und ihr Mann nur knapp zwei Jahre in der Hansestadt verbrachten, hat sie einen erheblichen Eindruck hinterlassen. Sie gehörte zu den Journalistinnen und Journalisten, die den WESER-KURIER mitgründeten und ist eine der fünf Frauen, die den Bremer Frauenausschuss ins Leben riefen.

Als Enderle den im Herbst 1945 durch die Militärregierung lizenzierten WESER-KURIER mitaufbaute und im Frühjahr 1946 erste Artikel unter dem Namen Enderle-Rasch schrieb, hatte sie schon eine beachtliche Karriere hingelegt. Am 28. April 1895 wurde sie in Frankfurt als Irmgard Rasch geboren. Ihr Vater war Lehrer an einem Gymnasium, die Tochter engagierte sich schon mit 14 Jahren in einer Mädchengruppe der Wandervogelbewegung. Irmgard Rasch legte 1917, inmitten des Ersten Weltkrieges, ihr Lehrerinnenexamen ab. In diesen Jahren besuchte sie bereits die ersten politischen Versammlungen von Kriegsgegnern.

Über Umwege auch zur politischen Bewegung

Bei dem Beruf als Lehrerin blieb es nicht: Rasch studierte Pädagogik und Volkswirtschaft an der Universität Berlin. Dort fand sie über Umwege auch zu der politischen Bewegung, die ihr Leben entscheidend mitprägen sollte: Über verschiedene, linksgerichtete Vereinigungen kam sie zum Spartakusbund und schließlich zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), in deren Parteizentrale sie fortan arbeitete.

Während Rasch sich intensiv in der Partei engagierte, wagte sie in den 1920er-Jahren auch die ersten journalistischen Exkurse in linkspolitischen Blättern wie der KPD-Tageszeitung „Klassenkampf“ in Halle oder der „Roten Fahne“ in Berlin. In einem 1949 selbst verfassten Lebenslauf beschrieb sich Rasch als Gewerkschafts- und Wirtschaftsredakteurin – Themengebiete, die sie nach dem Krieg beibehalten würde.

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Anders war es um ihre Mitgliedschaft in der KPD bestellt: Als Anhängerin der sogenannten rechten Brandler-Gruppe schloss die KPD-Führung Rasch aus der Partei aus. 1932 wandte sie sich der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zu, der auch der spätere Bundeskanzler Willy Brandt angehörte, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Dort lernte sie auch August Enderle, Journalist und Politiker, kennen. Die beiden heirateten 1933 und ließen sich in Breslau nieder.

Enderle beendete ihre deutlich sozialistisch ausgerichtete Parteiarbeit mit der „Machtergreifung“ der Nazis nicht, im Juni 1933 verhaftete sie die Gestapo. In ihrem Lebenslauf gab Enderle an, sie sei wegen „illegaler Tätigkeiten“ festgenommen worden, erklärte das mit ihrer SAPD-Mitgliedschaft. Schon nach kurzer Zeit entkam sie der Haft – ob sie floh oder als „einfache Hausfrau“ entlassen wurde, darüber gibt es widersprüchliche Angaben.

Ein enger Kreis von Exil-Aktivisten

Auch wenn die Haft kurz war: Dem Ehepaar Enderle war klar, dass sie nicht in Deutschland bleiben konnten. Im August flohen sie in die Niederlande und erreichten über Belgien schließlich Schweden. In Stockholm gehörten sie zu einem engen Kreis von Exil-Aktivisten in Skandinavien rund um Willy Brandt und unterstützten unter anderem den Widerstand in Norddeutschland. Dabei zählten die Enderles zu den führenden Köpfen der Bewegung, das Ehepaar gehörte mit Brandt zu den Hauptautoren des im Juli 1944 veröffentlichten Pamphlets „Zur Nachkriegspolitik deutscher Sozialisten“. Darin erklärten die Aktivisten, wie eine demokratische Revolution in Deutschland aussehen könnte und wie die Außenpolitik eines solchen Staates. Noch während ihrer Zeit in Schweden trat Enderle zur SPD über.

Auch in der Emigration blieb Enderle begeisterte Journalistin. Unter dem Pseudonym J. Reele schrieb sie für die schwedische Gewerkschaftspresse und die „Rote Revue“ in Zürich. Nebenbei arbeitete Enderle als Übersetzerin und Lehrerin.

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Das Kriegsende bedeutete einen Neuanfang für Irmgard und August Enderle, die 1941 von den Nationalsozialisten ausgebürgert worden waren. Als sie sich in Bremen niederließen, beteiligten sie sich intensiv am Wiederaufbau der SPD und der Gewerkschaften in der Hansestadt. Beide waren Teil der Gründungsredaktion des WESER-KURIER, Irmgard Enderle beschäftigte sich in ihren Artikel vor allem mit wirtschaftlichen und frauenpolitischen Themen, die oft auf der Sonderseite „Die Stimme der Frau“ erschienen.

In einem Artikel vom 16. März 1946 machte sie klar, dass nach den Jahren des Nationalsozialismus und dem mitunter blinden Vertrauen von Frauen in Hitlers Politik es nun an der Zeit sei, Frauen demokratische Rechte zu geben. „Jetzt gilt es zu beweisen, daß wir deutschen Frauen wert sind, demokratische Freiheiten zu besitzen und daß wir verstehen, sie auszunutzen“, schrieb Enderle. „Es geht nicht um Frauenrechte, es geht im eigentlichen Sinne um Frauenpflichten.“

Frauen als Arbeitnehmerinnen ernst nehmen

Enderles Idee war, dass es für die deutsche Wirtschaft wichtig sei, Frauen als Arbeitnehmerinnen ernst zu nehmen. „Erstens kann die Frau gar nicht mehr aus dem Erwerbsleben ausgeschaltet werden, dazu gibt es zu viel Arbeitsnotwendigkeit, zu viele Gebiete, auf denen sie sich längst ausgezeichnet und unentbehrlich gemacht hat“, fand Enderle. „Zweitens wären wir weit ab von der erstrebten Demokratie, wenn nicht endlich auch die Frauen genauso wie die Männer ein Recht auf Erwerbstätigkeit und Auswahl des Berufs haben sollen.“ Entscheidend für Enderle war die Anerkennung von Hausarbeit: „Auch die Hausfrau ist berufstätig! Ihre Arbeit ist notwendig, und es ist grundfalsch, diesen Beruf nicht als vollwertig anzusehen.“

Auf der Basis dieser Ideen der Gleichberechtigung und der Unterstützung von Frauen gründete Enderle mit Käthe Popall, Agnes Heineken, Anna Klara Fischer und Anna Stiegler den Bremer Frauenausschuss, der sich noch heute für die Rechte von Frauen in Bremen einsetzt. Den Aufbau des Vereins verbanden sie mit einer kämpferischen Aufforderung: „Wir rufen den Frauen Bremens zu: Steht nicht vergrämt und gleichgültig beiseite! Kommt und helft! Es geht um eurer Lebensglück, es geht um eure Kinder.“

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Im März 1947 zogen die Enderles nach Köln, die letzte Station im Leben der Eheleute. Irmgard Enderle arbeitete erst als Redakteurin für verschiedene Zeitungen, wurde dann freie Journalistin, Mitglied des Wirtschaftsrates und Vorstand der IG Druck und Papier. Über die Jahre blieben die Eheleute in engem Kontakt mit Willy Brandt, im gleichnamigen Archiv befinden sich noch heute zahlreiche Korrespondenzen, die unter anderem mit WESER-KURIER-Briefpapier verfasst wurden.

August Enderle starb 1959, über die späteren Lebensjahre von Irmgard Enderle ist wenig bekannt. Kurz nach ihrem Tod am 20. September 1985 war es erneut Brandt, der sie in einem Brief an der SPD-Ortsverband Köln-Sülz würdigte. Der ehemalige Bundeskanzler beschrieb sie als belesene, kritische Zeitgenossin und nicht zu erschütternde Sozialistin. „Mir sind vor allem ihre prägnanten Beiträge zu Diskussionen in Erinnerung geblieben“, erklärte Brandt. „Manchen, der in jenen Jahren mutlos zu werden drohte, hat sie wieder aufgerichtet. Sie hat es verdient, dass wir ihrer nicht nur im Vorübergehen gedenken.“

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