Autorinnen haben bei Leuwer die Biografien mutiger Bremer Demokratinnen vorgestellt Kaisen Paroli geboten

„Starke Frauen – radikal sozial und demokratisch“: In dem Buch der Edition Falkenberg sind neun Porträts von Bremerinnen vereint. Gisela Menger und Verena Behrens haben es herausgegeben und es gemeinsam mit Inge Buck und Renate Meyer-Braun bei Leuwer vorgestellt.
30.11.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Sigrid Schuer

„Starke Frauen – radikal sozial und demokratisch“: In dem Buch der Edition Falkenberg sind neun Porträts von Bremerinnen vereint. Gisela Menger und Verena Behrens haben es herausgegeben und es gemeinsam mit Inge Buck und Renate Meyer-Braun bei Leuwer vorgestellt.

„Das Schlimmste ist der Frühling. Das ist die schlimmste Zeit, um inhaftiert zu sein“, hat Käthe Popall der Autorin Inge Buck erzählt, die sie interviewt hatte. „Wenn man die Vögel draußen singen hört, dann hat man das Gefühl, man schafft es nicht.“ Die politisch engagierte Bremerin, die auch der Wandervogel-Bewegung angehört hatte, war mit 28 Jahren inhaftiert worden und hatte zwischen 1935 und 1945 zehn solcher Frühjahre im Zuchthaus erdulden müssen.

In dem von Gisela Menger und Verena Behrens in der Edition Falkenberg herausgegebenen Buch „Starke Frauen – radikal sozial und demokratisch“ schildert Inge Buck den Menschen Käthe Popall, die als Widerstandskämpferin und erste Bremer Senatorin unbeugsam ihren Weg gegangen ist. „In Käthe Popalls Lebensgeschichte spiegelt sich auch die Zeitgeschichte“, betont Inge Buck, die als Hochschullehrerin für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen tätig ist. „Das Gewerkschaftshaus war ihr Zuhause. Ab 1932 wechselte sie in der Arbeiterbewegung in das kommunistische Lager und unterzog sich Parteischulungen.“

Die illegale Arbeit als Kurierin im antifaschistischen Widerstand war gefährlich und unkalkulierbar. „Sie hat sich immer wieder zu motivieren verstanden und ihre Gefühle diszipliniert. Ihr Wahlspruch lautete: Was einen nicht umschmeißt, macht einen stärker.“ Käthe Popall überstand auch die Einzelhaft. „Ich lebte damals in Angst und Schrecken. Tag und Nacht brannte das Licht in der Zelle“, erzählte die gebürtige Neustädterin später. „Ich konnte vor Aufregung kaum schlafen und habe immer gezittert. Ich lebte in der ständigen Angst, etwas falsch zu machen und Mitangeklagte zu belasten.“

Den Autorinnen ging es darum, „lebendige Geschichte aus weiblicher Sicht zu erzählen und dabei immer auch zu fragen: Wo stehen wir als Frauen heute?“ Das wird auch in dem Beitrag von Renate Meyer-Braun deutlich, die bis 2003 Professorin im Bereich Sozial- und Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Sozial- und Zeitgeschichte war. Sie hat unter anderem die Antifaschistin und Frauenpolitikerin Anna Stiegler porträtiert, aber auch „Frau Bürgermeister Annemarie Mevissen“.

Äußerst plastisch schildert Renate Meyer-Braun das enorme Potenzial der ersten Bremer Bürgermeisterin Annemarie Mevissen. Ähnlich wie Käthe Popall sei sie von Wilhelm Kaisen sehr patriarchalisch behandelt worden, urteilt die Wissenschaftlerin. Wenn sie sich in der Bürgerschaft zu Wort meldeten, wurden die Politikerinnen oft schlicht von Kaisen ignoriert. Zunächst habe der Bremer Bürgermeister Käthe Popall das Amt der Gesundheitssenatorin übertragen, aber die Chefärzte lehnten die Zusammenarbeit mit ihr als Frau und Kommunistin ab. Angesichts dieses Ärgers habe Kaisen zu Popall gesagt: „Die machen dich fertig!“, und sie in das Flüchtlingsressort versetzt. Immer noch aktuell ist ein Zitat von ihr: „Die Flüchtlinge sind doch nicht freiwillig hierher gekommen“, hat sie damals geäußert. Als Mitglieder der KPD keine Senatsposten mehr innehaben durften, schied Käthe Popall aus und verließ Bremen.

Die zweifache Mutter Annemarie Mevissen kultivierte als Jugendsenatorin linke Töne, indem sie die Einheitsschule propagierte. Ursprünglich sollte sie Bildungssenatorin werden, doch dagegen gab es Widerstände, sodass sie von Kaisen das Amt der Jugendsenatorin angetragen bekam. „Sie hatte keine Aufgaben. Sie sollte lediglich Vorschläge zur Jugendpolitik erarbeiten“, berichtet Renate Meyer-Braun. Das fand Annemarie Mevissen empörend. Sie drohte Kaisen schriftlich mit ihrem Rücktritt. Der Bürgermeister reagierte mit einem bitterbösen Brief und wetterte: „Ich habe mich in Ihnen getäuscht!“ Ein Schlüsselerlebnis für die Politikerin. Sie nahm sich vor: „Dem werde ich zeigen, was ich kann!“ Unerwartet bekam sie Schützenhilfe aus dem bürgerlichen Lager. Und dann begann Annemarie Mevissen, mit Elan zu wirbeln. Sie schuf ab 1952 Kinderspielplätze und Jugendfreizeitzentren, außerdem setzte sie sich für den internationalen Jugendaustausch ein. Als Wohlfahrtssenatorin läutete sie Mitte der 1960er-Jahre eine moderne Alten- und Jugendpolitik ein und schuf jede Menge Kindertagesheime. „Weshalb hatte Annemarie Mevissen eigentlich nicht die Chance, Präsidentin des Senates zu werden, als Wilhelm Kaisen 1965 zurücktrat ?“ fragte sich Renate Meyer-Braun.

Der Senat zog Hans Koschnick vor, der wesentlich weniger Senatserfahrung hatte. Annemarie Mevissen wurde zu Bremens erster Bürgermeisterin gewählt – und von der Presse als „einziger Mann im Senat“ gefeiert, als sie den Mut bewies, mit den gegen die Erhöhung der Fahrpreise demonstrierenden Schülern und Studenten zu verhandeln. Mitte Januar 1968 hatte die Polizei versucht, die sogenannten Straßenbahnunruhen gewaltsam niederzuschlagen. „Draufhauen, draufhauen, nachsetzen“, lautete der Befehl. Annemarie Mevissen schritt ein. An der Domsheide erklomm die Bürgermeisterin eine Streusandkiste und beschwichtigte die Demonstrierenden: „Die Politiker haben die Verpflichtung, sich Ihnen zu stellen“, sagte Annemarie Mevissen. „Wir verhandeln weiter. Gehen Sie ruhig nach Hause.“ Eine starke Frau, kein Zweifel.

„Starke Frauen“, Edition Falkenberg, 236 Seiten, 17,90 Euro. Renate Meyer-Braun, Hannelore Cyrus, Edith Laudowicz, Cecilie Eckler-von Gleich, Inge Buck und Gisela Menger porträtieren Annemarie Mevissen, Marie Mindermann, Rita Bardenheuer, Anna Stiegler, Ottilie Hoffmann, Käthe Popall, Auguste Bosse, Auguste Kirchhoff und Hermine Berthold.

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