Mietblock Neuwieder Straße in Bremen

Kampf gegen die Immobilienriesen

Mikidie Akbulut hat viel Übung darin, sich stur zu stellen. Seit Monaten lässt die Mutter alle Mahnungen vom Hauseigentümer links liegen. Für die ist dieser eine Heuschrecke.
19.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Kampf gegen die Immobilienriesen
Von Christian Weth
Kampf gegen die Immobilienriesen

Aykut Tasan ist Quartiersmanager im Schweizer Viertel. 434 Wohnungen hat die Deutschen Annington vor knapp einem Jahr übernommen. Die meisten sind in schlechtem Zustand.

Frank Thomas Koch

Mikidie Akbulut hat viel Übung darin, sich stur zu stellen. Seit Monaten lässt die Mutter alle Mahnungen vom Hauseigentümer links liegen. Sie stapeln sich schon. Akbulut macht es so, wie es mittlerweile mehrere Bewohner des Mietblocks Neuwieder Straße 1 machen. Sie kürzt die Miete, wenn der Eigentümer seinerseits nicht reagiert: auf Risse in Wänden, auf Wasserschäden, auf kaputte Heizungen. Für Mikidie Akbulut ist er eine Heuschrecke. Ein Unternehmen, dass billig Immobilien kauft, so viel Geld wie möglich herauszieht und dann weiterverkauft. Es ist ein Geschäftsmodell, das Bremen unterbinden will – mit einer sogenannten Heuschreckensteuer. Es wäre bundesweit die erste.

Seit knapp zwei Jahren gehört das Hochhaus an der Neuwieder Straße der Managementgesellschaft Grand City Property. Das Unternehmen wirbt auf seiner Internetseite damit, dass es 50 000 Wohneinheiten in allen Größen und Lagen in der gesamten Republik verwaltet. Und dass ihm eine persönliche Betreuung sowie ein positives Wohnumfeld wichtig sind. Mikidie Akbulut könnte darüber lachen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Sie erlebt das Gegenteil: „Niemand kümmert sich.“

Gibt es Mängel, müssten die Mieter dem Eigentümer hinterherlaufen. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern macht das nicht mehr. Sie behält, wie sie sagt, das Geld einfach ein. Zum Beispiel die monatliche Summe für die Garage, die sie seit zwei Jahren nicht nutzen kann, weil sie saniert werden soll, aber immer noch nicht saniert ist. Für den Pförtner, der erst da war, inzwischen aber wieder weg ist. Für Risse in einer Außenwand, durch die der Wind pfeift. Und für einen Wasserfleck an der Decke im Kinderzimmer. Ihre Wohnung will Akbulut deshalb nicht zeigen.

Seit Jahren gibt es Klagen

Was die 42-jährige Mieterin über den Mietblock in Tenever berichtet, erzählen andere andernorts ähnlich. Bewohner der Grohner Düne in Bremen-Nord, von Mietshäusern in Gröpelingen, des Schweizer Viertels. Seit Jahren und Jahrzehnten gibt es Klagen, nicht erst, seit Grand City Property Hunderte von Wohnungen in Bremen gekauft hat. Oder die Deutsche Annington, ein anderer Immobilienriese, der deutschlandweit ganze Wohnquartiere erwirbt. Doch mit dem Eigentümerwechsel ist für viele Mieter in den Wohnblocks nur wenig besser geworden. Oder immer noch nicht so viel, wie sie es erhofft hatten.

Aykut Tasan kommt auf 85 Prozent. So viele der 434 Wohnungen, die von der Deutschen Annington vor knapp einem Jahr im Schweizer Viertel übernommen wurden, sind in schlechtem Zustand. Diese Zahl hat nicht Tasan errechnet, der Quartiersmanager ist, sondern das Institut für Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen. Tasan fordert, dass alle Mängel abgestellt werden. Die Liste liest sich fast genauso wie die der Grohner Düne oder des Mietblocks an der Neuwieder Straße: undichte Fenster, feuchte und schimmelige Wände, schlechte oder gar keine Wärmedämmung.

Erst neulich hat der Quartiersmanager die Versäumnisse wieder vorgetragen. Das war auf einer Versammlung der Bewohner. 122 Frauen und Männer saßen im Publikum und hörten sich an, was Vertreter des Immobilienkonzerns nicht das erste Mal erklärten: dass Millionen Euro investiert werden. Dass manche Mängel längst beseitigt sind. Dass die Sanierung der ersten Wohnungen im nächsten Jahr abgeschlossen sein soll. Und dass sie teurer werden. Für Tasan ein Unding: „Die Wohnungen sind noch nicht mal modernisiert, schon soll die Miete steigen.“

Was Mikidie Akbulut aus Tenever über Grand City Property sagt, will der Quartiersmanager des Schweizer Viertels über die Deutsche Annington nicht sagen. Er hat noch Hoffnung, dass sich das Schlechte zum Guten wendet. Nein, sagt er, von einer Immobilien-Heuschrecke will er im Fall des jetzigen Eigentümers nicht gleich sprechen.

Das macht ein anderer. Für Björn Tschöpe, Chef der SPD-Fraktion in der Bürgerschaft und einer der Initiatoren der Heuschreckensteuer, ist die Sache klar: Beide Unternehmen – Grand City Property mehr als die Deutsche Annington – haben ein Geschäftsmodell, dass in erster Linie spekulativ ist. „Es wird günstig gekauft, wenig investiert, die Verwaltung zentralisiert und auf diese Weise alles aus einer Immobilie herausgeholt, bis sie ausgezehrt ist, um sie dann weiterzuverkaufen.“ Darum will er, dass beim Kauf von Wohnungen im großen Stil die Grunderwerbssteuer erhöht wird, von 5,5 auf 19 Prozent. Tschöpe: „Die rechtliche Prüfung läuft bereits.“

Ob Grand City Property und die Deutsche Annington ebenfalls Rechtliches prüfen, nämlich Schritte wegen der Vorwürfe, sagen sie nicht. Beide weisen jedoch entschieden von sich, eine Immobilien-Heuschrecke zu sein. Bettina Benner von der Deutschen Annington sagt, dass der Konzern kein Private-Equity-Unternehmen mehr ist. Gemeint sind Gesellschaften, die ein hohes Risiko in Kauf nehmen, um schnell Gewinne zu machen, die von Kapitalgebern verlangt werden. Stattdessen werde jetzt auf langfristige Investments gesetzt: „Wohnungen aufzukaufen und sofort wieder mit Gewinn weiterzuverkaufen, ist nicht Gegenstand des Geschäftsmodells.“

Unternehmen sind skeptisch

Es ist ein Satz, den Katrin Petersen von Grand City Property fast genauso sagt. Sie verweist darauf, dass die Gesellschaft bereits einiges im Haus an der Neuwieder Straße und in der Grohner Düne getan hat. Und dass die Gebäude von den Voreigentümern vernachlässigt worden sind. „Wir wollen Schritt für Schritt in diese Gebäude investieren und sie so nachhaltig verbessern.“ Beide Unternehmen sehen die Ankündigung, die Grunderwerbssteuer zu erhöhen, skeptisch.

Das verwundert Fraktionschef Tschöpe ebenso wenig wie die Erklärung von Grand City Property, bereits in Bremer Immobilien investiert zu haben. „Das Unternehmen ist ja praktisch dazu gezwungen worden, weil Jobcenter und das Amt für Soziale Dienste keine Menschen mehr in den Wohnungen unterbringen wollen.“ Überrascht ist er von etwas anderem: von der heftigen Kritik, den es am Plan für eine Heuschreckensteuer von Bremer Immobilienunternehmen gibt. Die, sagt Tschöpe, sind doch gar nicht gemeint. Die kauften doch keine Wohnungen en gros, keine 100 oder 150 Einheiten auf einen Schlag, die für eine Steuererhöhung überhaupt in Betracht kämen. Es gehe um die Immobilienriesen, die überall in Deutschland massenweise Wohnungen aufkauften – und überall in Deutschland den Kommunen die gleichen Probleme bereiteten.

Woher der Begriff stammt

Der Begriff „ Heuschrecke“ in der Immobilienbranche ist vom früheren SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering geprägt worden. Er verglich das Verhalten mancher Investoren mit einer Heuschreckenplage: Sie grasen ab und ziehen weiter. Heuschrecken gelten seitdem als abwertende Metapher für Gesellschaften mit überzogenen Renditeerwartungen, wie Hedge-Fonds oder sogenannte Geierfonds.

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