Sozialarbeiter über Konzept „Housing First“

„Wir geben einen Vertrauensvorschuss“

Ingo Bullermann ist Geschäftsführer der Neue Chance gGmbH, ein Träger des Projektes „Housing First“ in Berlin. Es dient als Vorbild für ein neues Konzept zur Wohnungslosenhilfe, das in Bremen starten soll.
01.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir geben einen Vertrauensvorschuss“
Von Timo Thalmann
„Wir geben einen Vertrauensvorschuss“

Housing First soll Obdachlose erreichen, bei denen die bisherigen Hilfen schwer oder gar nicht gegriffen haben.

Daniel Bockwoldt /dpa
Die Bremer Sozialbehörde will einen neuen Ansatz bei der Beseitigung von Obdachlosigkeit erproben. Das Konzept nennt sich Housing First. Sie sind Geschäftsführer eines Trägers, der so etwas seit 2018 in Berlin umsetzt. Was unterscheidet Housing First von den bisherigen Hilfen, um Wohnungslosen wieder ein Dach über dem Kopf zu verschaffen?

Ingo Bullermann: Kurz gesagt, stehen bei uns die eigenen vier Wände am Beginn der Hilfe. Klassischerweise liegt dieses Ziel sonst am Ende eines Hilfsplans, wie er sich für die Betroffenen aus dem Sozialgesetzbuch ableitet.

Dass Wohnungslosen vor allem mit einer Wohnung geholfen ist, klingt simpel und logisch. Was hat diesen offensichtlichen Ansatz, zuerst für Unterkunft zu sorgen, bislang verhindert?

Es geht nicht um eine Unterkunft. Den Anspruch darauf hat jeder Wohnungslose. Das wird mit Sammel- und Notunterkünften in den Kommunen auch angeboten. Es geht bei Housing First aber um die eigene, richtige Wohnung, in der jemand als Hauptmieter lebt. Das steht sonst wirklich am Ende eines Hilfsplans, denn Wohnungslosigkeit geht zumeist mit einer Vielzahl von Problemlagen einher. Die Menschen haben gesundheitliche Sorgen, nicht selten liegt eine Suchterkrankung vor.

Sie sind überschuldet oder brauchen Betreuung, um überhaupt den Alltag zu bewältigen. Darum gibt es einen Hilfeplan, in dem Ziele und Fristen festgelegt werden, zum Beispiel bis wann eine Schuldnerberatung oder die Suchtberatung aufzusuchen ist. So sollen die Probleme nach und nach gelöst werden. Die erste eigene Wohnung ist dann meistens die Wohnung, die ein Träger anmietet und bereitstellt, gekoppelt an den Hilfeplan. Der Wohnungslose wird darin zum Untermieter, bevor er – im Erfolgsfall – tatsächlich irgendwann in die eigene Wohnung umzieht.

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Sie halten diesen auf eine gewisse Dauer angelegten Prozess für falsch?

Nein, auf gar keinen Fall! Wir als Träger begleiten auf diese Weise viele Menschen auf ihren Weg zurück in ein geordneteres Leben und das funktioniert auch. Aber es gibt Betroffene, die stehen diesen Prozess nicht durch, die es nicht schaffen, Vereinbarungen und Termine einzuhalten. In solchen Fällen muss die Hilfe auf Grundlage des Hilfeplans manchmal erfolglos beendet werden. Housing First geht darum den umgekehrten Weg. Das Konzept geht davon aus, dass die eigene Wohnung am Anfang des Prozesses bei den Betroffenen neue Kräfte freisetzt, ihre Probleme eigenständig anzugehen. Die Hilfe endet bei Housing First nicht mit der Übergabe der Wohnungsschlüssel, sondern fängt genau damit an. Die Hilfe ist außerdem zeitlich und inhaltlich viel flexibler als in den üblichen Hilfeangeboten.

Ingo Bullermann

Ingo Bullermann

Foto: Neue Chance gGmbH
Was sagen Ihre Erfahrungen nach zwei Jahren? Funktioniert der Ansatz in der Praxis?

Das Berliner Modellprojekt ist auf drei Jahre angelegt. Unser Ziel war und ist es, in dieser Zeit 40 Menschen einen eigenen Mietvertrag zu verschaffen, den sie dann auch langfristig bedienen können. Aktuell sind rund 30 in der Projektbetreuung, von denen niemand seine Wohnung unfreiwillig wieder verloren hat. Rein quantitativ sind wir also auf einem guten Weg. Die eigentliche Herausforderung für uns als Sozialarbeiter ist es, das Wollen des Betroffenen zu akzeptieren. Er gibt Takt und Tempo der begleitenden Hilfe vor, die im Vergleich zum eingangs erwähnten Hilfsplan theoretisch unbegrenzt andauert.

Wenn jemand zum Beispiel sein Suchtproblem kennt, aber es jetzt warum auch immer nicht angehen kann und will, dann ist das in Ordnung. Wir machen ihm Angebote, wir weisen auf Möglichkeiten hin, wir machen gesundheitliche Konsequenzen deutlich, aber die Hilfe ist nicht davon abhängig, dass er auf Angebote eingeht. Die Betreuung orientiert sich an dem Willen des Betroffenen und die Erfahrungen zeigen uns bislang, dass die vielfältigen Problemlagen dann tatsächlich nach und nach angegangen werden. Wir arbeiten nicht gegen Widerstände an, sondern dort und daran, wo die Betroffenen gerade motiviert sind. Housing First bedeutet, einen Vertrauensvorschuss zu geben. Das ist ein wirklicher Wechsel der Grundhaltung in der Sozialarbeit.

Der Berliner Wohnungsmarkt dürfte noch schwieriger sein als in Bremen. Woher nehmen Sie die Wohnungen für Ihre eher schwierige Klientel?

Wir arbeiten in einem interdisziplinären Team mit knapp sechs Vollzeitstellen für Housing First. Eine Stelle dient allein der Akquise von Wohnraum. Bislang funktioniert das. Wir haben städtische und private Wohnungsunternehmen dabei. Auch kleine private Vermieter akzeptieren unsere Leute. Wir bieten ihnen etwa zusätzliche Sicherheiten bis zu drei Monatsmieten für mögliche Schäden, was in den zwei Jahren aber noch nie genutzt werden musste. Dadurch, dass die Mieten vom Amt übernommen werden, gibt es zudem verlässliche Zahlungen und nicht zuletzt sind wir bei Problemen jederzeit ansprechbar. Das ist alles gar nicht so unattraktiv für Vermieter.

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Wie viel kostet es den Berliner Senat, die erwähnten 40 Menschen in eine eigene Wohnung zu bringen?

Das Modellprojekt erhält in den drei Jahren Laufzeit eine Zuwendung von rund 1,1 Millionen Euro. Die Aufwendungen für Wohngeld und Sozialhilfebezug für die Menschen, die zuvor kaum Hilfen erhalten haben, kommen hinzu. Das klingt aber nach mehr, als es ist. Die Kosten für 40 Plätze in Wohnheimen über drei Jahre dürften höher liegen. Ich weiß aber nicht, ob so eine rein fiskalische Betrachtung dem Konzept gerecht wird, zumal die gesellschaftlichen Kosten von Obdachlosigkeit dabei noch gar nicht berücksichtigt sind. Am Ende geht es doch schlicht um die grundgesetzlich garantierte Würde des Einzelnen und seine Chance auf gesellschaftliche Teilhabe.

Das Gespräch führte Timo Thalmann.

Info

Zur Person

Ingo Bullermann (52) ist Sozialarbeiter und Geschäftsführer der Neue Chance gGmbH, die zusammen mit dem Verein Berliner Stadtmission Träger des Projektes Housing First in Berlin ist.

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Zur Sache

Experten und Politiker beraten Konzept

Rund 40 Vertreter aus Politik, Verwaltung, von Wohnungsbaugesellschaften sowie den Akteuren der Wohnungslosenarbeit in Bremen wie zum Beispiel der Inneren Mission kommen an diesem Donnerstag zu einer Fachtagung zusammen, um sich über das neue Konzept Housing First zu informieren.

Neben Ingo Bullermann, der aus der Berliner Praxis eines entsprechenden Projektes berichten wird, erläutert Steffen Schäfer vom Sozialamt Karlsruhe, wie die Behörde in der badischen Metropole Wohnraum für Wohnungslose sichert. Sylvia Rietenberg als dritte Referentin leitet beim Paritätischen in Nordrhein-Westfalen einen Housing-First-Fonds zum Ankauf von Wohnungen und wird ebenfalls über ihre Erfahrungen sprechen.

Auch in Bremen gehen die Verantwortlichen davon aus, dass die Akquise von Wohnraum eine wesentliche Herausforderung bei Housing First darstellen wird. Potenziellen Vermietern sollen deshalb finanzielle Anreize und Absicherungen in Aussicht gestellt werden. Zusätzlich sind Mittel zum Ankauf von Belegrechten in Wohnungen vorgesehen. Für das eigentliche Projekt sind jährlich 400.000 Euro eingeplant. Wie in Berlin will der Senat einen externen Projektträger beauftragen.

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