Mosaic-Expedition der „Polarstern“

Kapitän im Eis

Extreme sind für Stefan Schwarze Routine. Seit 30 Jahren fährt er in die Arktis. Aber die Mosaic-Expedition ist anders: Ein Jahr wird der Kapitän mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ eingefroren sein.
07.09.2019, 08:05
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Kapitän im Eis
Von Nico Schnurr
Kapitän im Eis

„Seit Jahrzehnten reden wir über den Klimawandel, dort ist er greifbar.“ Kapitän Stefan Schwarze wird das Forschungsschiff "Polarstern" in die Arktis driften lassen.

Claudia Pichler/AWI

Die Gefahr klingt wie ein Glockenspiel. Wenn Stefan Schwarze bald an Deck der „Polarstern“ steht, wird er dem Eis zuhören. Arktis, Minusgrade, am Horizont verschwimmen Himmel und Schnee zu einer milchigen Masse. Weiße Trübnis, kein Durchblick. Also wird sich der Kapitän auf seine Ohren verlassen. Ihm reicht der Klang des Knackens, dann weiß er, wie es weitergeht.

Wenn das Eis bricht, verrät es Schwarze, ob sein Schiff vorankommen wird oder stecken bleibt. Dröhnt es dumpf, ist das Eis dünn, Durchfahrt. Hallt es hell, sanftes Klirren, schnell aufeinander folgend wie bei einem Glockenspiel, ist die Schicht dick. Eine Warnung für Kapitän Schwarze, lieber aufzupassen. Die Scholle, die das Schiff umschließt, darf nicht festfrieren. Wenn die größte Arktisexpedition aller Zeiten gelingen soll, muss die „Polarstern“ durch das Eis driften.

Lesen Sie auch

Die Reise beginnt an einem Freitag. Am 20. September werden im norwegischen Tromsø hundert Forscher und Seeleute aufbrechen, zu einer Expedition, von der niemand weiß, wie sie endet. Schwarze, der Kapitän, kennt das ewige Eis, die Kälte, den Klang, das Knacken. Seit 30 Jahren fährt er in die Arktis, er ist die Nähe zum Nordpol gewohnt. Normale Extreme, Routine bei minus 40 Grad, tausend Kilometer vom Festland entfernt. Diesmal aber wird einiges anders, auch für ihn.

Das Projekt, geleitet vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut, heißt Mosaic. Ein Wagnis, über Jahre vorbereitet, 120 Millionen Euro teuer. Die Forscher wollen den arktischen Winter erkunden, um den Klimawandel besser zu verstehen. Monate im Dunkeln, in einer Region, die als Frühwarnsystem gilt. Weil die Klimakrise dort keine Theorie mehr ist, sondern die Folgen längst spürbar sind. Bislang ist der arktische Winter ein Rätsel, weil keiner mehr in die Gegend gelangt, wenn sich die meterdicke Eisdecke einmal geschlossen hat. Schwarze wird das ändern. Er will das Eis überlisten.

Polarstern-Winterexperiment

„Wir brauchen diese Daten, damit endlich alle kapieren, wie ernst es um diese Welt steht“, sagt Kapitän Stefan Schwarze. Ein Jahr ist die "Polarstern" in der Arktis unterwegs. Die Forscher wollen den arktischen Winter erkunden, um den Klimawandel besser zu verstehen.

Foto: Mario Hoppmann /AWI

Tiefer ins Eis hinein

Der Kapitän lässt das Schiff auf einer Scholle einfrieren. Dann soll die „Polarstern“ driften, den weißen Massen hinterher, tiefer ins Eis hinein, Richtung Spitzbergen. Sieben Kilometer am Tag, ungefähr. Wenn alles klappt, doch dafür gibt es keine Garantie. Hat seit über hundert Jahren niemand mehr versucht. Nun traut sich Schwarze. Motoren aus, treiben lassen, nicht steuern. Das Tempo bestimmt das Meereis. Schwarze wird oben an Deck stehen, nicht ständig, aber ab und an, und dann wird er dem Eis zuhören. Knackt es? Klingt es klirrend? Dann greift er ein. Aber irgendwann wird er auch die Route kaum noch korrigieren können. Schwarze wird in den nächsten Monaten zu einem Kapitän, der einen Teil seiner Kontrolle ans Eis abgibt.

Hoya, ein Freitagmorgen. Altes Fachwerk, Rotklinkerbauten, Kopfsteinpflaster. Stefan Schwarze, 57, eisgraue Augen, wacher Blick, wartet vor einem Wirtshaus. Ein massiver Mann mit breiten Schultern und einem Handschlag wie ein Schraubstock. Er deutet nach links, wo der Deich liegt, dahinter die Weser. Dort hat er Segeln gelernt, erst auf einer Jolle, dann auf größeren Booten. Jahrzehnte her. Damals trifft Schwarze auch auf einen alten Mann, der ihm von einer Katastrophe berichtet.

Der Mann ist ein Überlebender der „Pamir“, einem Schiff, das auf dem Weg von Buenos Aires nach Hamburg in einen schweren Sturm geraten ist. Nur sechs von 86 Seeleuten haben überlebt, einen von ihnen kennt Schwarze nun. Er hört dem alten Mann zu, staunt, wie er das Drama bloß andeutet, Lücken lässt, wo andere ausschmücken würden. Der Mann erzählt Schwarze auch, dass er kurz nach dem Unglück wieder zur See gefahren ist. Andere würden sich wundern. Schwarze ist begeistert. Er will auch raus aufs Meer. Irgendwas, glaubt er, muss es mit dieser See auf sich haben, wenn sie selbst einen Mann nicht loslässt, der dort draußen fast gestorben ist.

Lesen Sie auch

Eine Weile später lenkt Schwarze Containerschiffe durch den Indischen Ozean. Er legt in Hongkong an, Malaysia, Japan. Höchstens 48 Stunden im Hafen, keine davon in der Koje. Erst zwölf Stunden Nachtwache an Deck, dann Zähne putzen. Runter vom Schiff, rein in den Zug. Von Kobe nach Kyoto, Tempel anschauen. Abends zurück an Bord, die nächste Nachtschicht. Eine rastlose Zeit, wenig Schlaf. Aufregend und anstrengend. Schwarze ist froh, als das Angebot der „Polarstern“ kommt. Er soll jetzt keine Waren mehr fahren, sondern Wissenschaftler. Das ewige Eis wird zur Erholung, keinen Stress mehr in den Häfen, keine Wellen. Dafür braucht es jetzt Geduld. Im Eis ticken die Uhren anders. In der Arktis lernt Schwarze loszulassen, einfach mal abwarten. „Im Eis fühle ich mich sicher“, sagt er, „aber ich habe schnell gelernt: Zu sicher darf ich mich nicht fühlen. Sonst nimmt mich das Eis in die Zange.“

Auf der Terrasse des Wirtshauses in Hoya wirft sich Schwarze zurück in seinen Stuhl, rührt im Kaffee und setzt eine Kunstpause. Er weiß ja, wie es weitergeht. Gerade hat er mit Märchenonkelstimme Geschichten aus dem Eis erzählt. Sie haben davon gehandelt, wie das ist, an Orte zu kommen, die sonst kaum jemand sieht. Er hat vom Klang des Eises berichtet. Vom Moment, wenn die Sonne das letzte Mal zu sehen ist, kurz bevor die Finsternis kommt und monatelang bleibt. Von Grillfeiern an Deck des Schiffes bei minus 40 Grad. Dann Pause. Schwarze reicht es mit der Kapitänsromantik. „Dieses Abenteurertum lehne ich ab“, sagt er, „das sind Leute, die fahren ohne Berechnung los, völlig unverantwortlich.“ Er nimmt das Eis ernst. Gar nicht anders möglich, wenn man das Risiko kennt. Und Schwarze kennt es ganz genau.

Mitten auf dem Eis ausgesetzt

Es ist noch nicht lange her, da kauert Schwarze im Schnee. Spitzbergen, minus 20 Grad. Der Wind peitscht, und der Kapitän kuschelt sich an einen Kollegen. Mit einigen anderen Entscheidern der „Polarstern“ ist er ausgesetzt worden, mitten auf dem Eis. Ein Überlebenstraining, das zwei Tage dauern soll. Doch das Schiff verspätet sich, alles zugefroren. Also harren Schwarze und die anderen einen Tag länger aus. Sie haben Overalls dabei, Wasser und Kekse. Anfangs macht ihm die Kälte nicht aus, ein Adrenalinrausch, „wie auf Drogen“. Irgendwann lässt das Gefühl nach, die Kälte kriecht in die Knochen. „Man wird gleichgültig“, sagt er, „das ist die größte Gefahr.“

Schwarze hat während des Trainings gesehen, wie einige an ihre Grenzen gekommen sind. Und er weiß, dass es eine Woche dauern kann, bis Hilfe kommt, sollten sie bald ungünstig einfrieren. Wenn man ihn fragt, warum er trotzdem dabei ist, erzählt er vom ewigen Eis, das längst nicht mehr ewig ist. „Seit Jahrzehnten reden wir über den Klimawandel, dort ist er greifbar.“ Schwarze fährt mit, weil er an die Expedition glaubt. „Wir brauchen diese Daten, damit endlich alle kapieren, wie ernst es um diese Welt steht.“ Wenn man das verstanden hat, sagt Schwarze, sind ein paar Tage, eingefroren im Eis, nicht weiter wild.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+