Kritik an Vermietungspraxis Kaum noch Zirkus auf der Bürgerweide

Bremen. Eigentlich ist die Bürgerweide ein idealer Veranstaltungsort: Groß, zentral gelegen und durchgängig gepflastert. Ein Traum für große Zirkusunternehmen, sollte man meinen. Doch die finden nur noch selten den Weg nach Bremen – das ist kein Zufall.
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Von Thomas Joppig

Bremen. Eigentlich ist die Bürgerweide ein idealer Veranstaltungsort: Groß, zentral gelegen und durchgängig gepflastert. Ein Traum für große Zirkusunternehmen, sollte man meinen. Doch die finden nur noch selten den Weg nach Bremen – das ist kein Zufall.

Dieter Seeger ist enttäuscht. Seit Langem bemüht sich der Tourneeleiter des Zirkus Charles Knie um einen Platz auf der Bürgerweide. „Wir haben uns für 2010, 2011 und 2012 um einen Gastspieltermin beworben – und jedes Mal eine Absage erhalten.“ Der Grund: Die Bürgerweide, die von der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) vermietet wird, steht nur zwischen Mai und August für Zirkusgastspiele zur Verfügung. Eine Regelung, die bei einigen der großen Manegenunternehmen Deutschlands auf Kritik stößt.

Seit Roncalli vor zwei Jahren auf der Bürgerweide gastierte, hat dort kein Zirkus mehr sein Zelt aufgeschlagen: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Platz mit seinen 100.000 Quadratmetern Fläche das ganze übrige Jahr so begehrt ist, dass wir dort nicht gastieren können“, sagt Knie-Tourneeleiter Seeger. Schließlich benötige der Zirkus inklusive der Parkplätze für die Besucher nur etwa ein Fünftel der Fläche der Bürgerweide.

Das Unternehmen hat sein Winterquartier in Papenburg – und würde die Tournee wegen der vergleichsweise geringen Entfernung zu Bremen gern in der Hansestadt starten. „Aber auf die Bürgerweide können wir nicht, und der Platz an der Nordstraße in Walle ist für uns zu klein“, sagt Seeger. „Im Sommer sind wir meistens im Süden unterwegs. Dort gibt es mehr lukrative Zirkusplätze als im Norden, weil die Wirtschaftskraft in der Bevölkerung größer ist.“ Auch Bremen sei zwar eine gute Zirkusstadt, „aber 500 oder 600 Kilometer Transport für ein einziges Drei-Wochen-Gastspiel lohnen sich bei einem so großen Unternehmen wie unserem nicht“.

Zirkusbegeisterte Bremer

Auch Manfred Künitz, Pressesprecher des Circus Renz-Manege, hält die Vermietungspraxis der Bürgerweide für problematisch: „Im Sommer ist es vielen Leuten zu warm, um in den Zirkus zu gehen. Viele Unternehmen legen deshalb in dieser Zeit eine Sommerpause ein.“ Circus Probst würde ebenfalls gern in Bremen gastieren. „Die Stadt hat ein sehr zirkusfreundliches Publikum“, weiß Laurenz Thoen, Tourneeleiter mit 30-jähriger Berufserfahrung. „Aber der Zeitraum, in dem die Bürgerweide frei ist, passte bislang nicht in unsere Tourneeplanung.“

Glück hatte hingegen der Circus Universal Renz. Er gastiert voraussichtlich im Juni auf der Bürgerweide. „Zu Ostern sind wir in Vegesack, danach geht es rauf nach Schleswig-Holstein, und im Rückweg kommen wir dann auf die Bürgerweide“, erklärt Zirkus-Sprecher Holger Fischer. „Wir haben uns seit langem um den Platz beworben. Schön, dass es nun geklappt hat.“ Große Zirkusse haben es seiner Ansicht nach immer schwerer, geeignete Plätze zu finden. „Zum einen gibt es immer mehr Konkurrenzveranstaltungen, zum anderen vergeben viele Städte ihre Plätze sehr kurzfristig.“ Letzteres sei aber auch auf die wachsende Unzuverlässigkeit mancher Zirkusunternehmen zurückzuführen. „Manche Zirkusse buchen Plätze und kommen dann doch nicht, deshalb sind manche Städte dazu übergegangen, ihre Zusagen sehr kurzfristig zu erteilen, damit die Unternehmen ihre Route nicht mehr ändern können.“

Beim Circus Barelli hat man es derweil nach eigenen Angaben aufgegeben, sich um die Bürgerweide zu bewerben: „Wir handeln uns jedes Mal eine Absage ein“, sagt Maria Barelli. „Viele Zirkusse haben inzwischen schon dicht gemacht, weil sie zuletzt immer weniger geeignete Plätze fanden.“

Zirkusszene schrumpft

In der Tat schrumpft die deutsche Zirkus-Szene: Allein in den vergangenen zwei Jahren haben mit Barum, Busch-Roland, Fliegenpilz und Flic Flac gleich vier große Zirkus-Unternehmen dicht gemacht. In der deutschen Manegen-Branche gelten derzeit nur noch etwa zehn dauerhaft reisende Unternehmen als groß genug, um sich die Tagesmieten von 500 bis 1000 Euro für einen Standplatz auf der Bürgerweide überhaupt leisten zu können.

Claus Kleyboldt, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, begründet das enge Zeitfenster für Zirkusgastspiele in erster Linie mit dem Platzbedarf für andere Veranstaltungen: „Wir haben nichts gegen Zirkusunternehmen, und versuchen auch außerhalb des vorgegebenen Zeitraums immer wieder, Gastspiele zu ermöglichen. Aber durch die Osterwiese, den Freimarkt, die HanseLife oder das Reitturnier Euroclassics ist die Bürgerweide schon etliche Wochen im Jahr belegt.“

Bei großen Veranstaltungen in der Bremen-Arena oder in den Messehallen sei es zudem wichtig, dass auf der Bürgerweide ausreichend Parkplätze zur Verfügung ständen, sagt Kleyboldt. Zwar räumt er ein, dass auch während des Freimarkts mitunter große Konzerte in der Bremen-Arena stattfinden. „Allerdings gibt es in dieser Zeit auch Park-and-Ride-Angebote. Und die werden intensiv genutzt.“ Roncalli, der 2011 oder 2012 wieder auf die Bürgerweide will, habe dort zwar auch schon mal außerhalb des vorgegebenen Zeitraums gastiert, „aber der braucht auch nicht so viel Platz, weil er kaum Tiere hat“.

Interessenkonflikt

Doch die Zirkusflaute in Bremen hat noch einen zweiten Grund: Die WFB vermietet nicht nur die Bürgerweide, sondern auch die Bremen-Arena und die angrenzenden Hallen. Dort tritt sie zum Teil auch selbst als Mitveranstalter in Erscheinung – zum Beispiel von Events wie „Holiday on Ice“. Für Kleyboldt bedeutet diese Kombination denn auch einen Interessenkonflikt. „Jede zusätzliche Veranstaltung, die wir auf die Bürgerweide holen, nimmt ja auch Kaufkraft vom Markt.“ Deshalb wolle man eine zu große Ballung von Events in der Hauptsaison zwischen Herbst und Frühjahr vermeiden. Die WFB habe auf der Bürgerweide nun mal in erster Linie eine Verantwortung gegenüber den Veranstaltungen in der Bremen-Arena und den angrenzenden Hallen.

Die Bremen-Arena für einen Tag zu mieten kostet laut Kleyboldt ein Vielfaches von dem, was ein Zirkus für einen Standplatz auf der Bürgerweide zahlen muss: Je nach Veranstaltung werden zwischen 15.000 und 25.000 Euro fällig. Da müsse man nun mal Prioritäten setzen, sagt der Geschäftsführer. „Dafür werden wir bezahlt.“

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