Kommentar über Bremens Image in Deutschland

Kauzig, niedlich und unverstanden

Bremen wird in überregionalen Medien weniger beachtet als andere Länder, sogar wenn gewählt wird. Und wenn über den Stadtstaat berichtet wird, dann nicht immer positiv. Silke Hellwig zieht eine Zwischenbilanz.
27.10.2018, 12:32
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Kauzig, niedlich und unverstanden
Von Silke Hellwig
Kauzig, niedlich und unverstanden

Dass Mercedes in Bremen mehr als 400.000 Autos pro Jahr produziert, ist nur wenigen Deutschen bekannt.

Christian Walter

So ein Tamtam wie um die Bayern- oder die Hessen-Wahl wurde wohl noch nie gemacht, wenn die Bremer an die Urnen traten. Das liegt nicht an einer gewissen politischen Eintönigkeit namens SPD, die – mit oder ohne Verluste – noch jede Wahl gewonnen hat. Namhafte Zeitungen stellen ihren Lesern vor den Wahlen zwar stets und vielzeilig die Lage der Amtsinhaber und des Stadtstaats vor, die Öffentlich-Rechtlichen räumen am Wahlabend auch beste Sendezeit ein, gewiss. Aber weder die Redaktion des altehrwürdigen ARD-Presseclubs noch Maybritt Illner sehen sich veranlasst, die Lage in Bremen vor oder nach der Wahl in einer ihrer Sendungen durchzuhecheln.

Bremen bleibt auch sonst weitgehend unter dem Radar. Wenn das Bundesland in überregionalen Medien ausführlicher beachtet wird, wird es meist auf die Sozial- und Bildungskennzahlen reduziert: Arbeitslosigkeit – hoch, Armutsquote – hoch, Schulden – hoch, Bildungsniveau – niedrig. Obendrein wuchsen in den vergangenen Monaten die Worte BAMF, Skandal und Bremen unheilvoll zusammen. Oder in den Berichten wird die Kleinheit Bremens herausgestrichen: Bremen, ein Dorf mit Straßenbahn und eigenartigen Traditionen wie der frauenfreien Eiswette, wie kauzig, liebenswert und niedlich. Und die Bewohner erst, so tapfer gegenüber Geberländern und potenziellen Länderzusammenlegern, ganz die norddeutsche Version der Bewohner eines gewissen gallischen Dorfs. Dass Bremen die Stadtmusikanten verortet, weiß so gut wie jedes Kind. Dass Mercedes hier mehr als 400.000 Autos pro Jahr produziert, ist nur wenigen Erwachsene bekannt, sofern sie südlich des Grünkohl-Äquators leben.

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Wer beispielsweise auf der Online-Startseite der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nachschaut, was unter „Bremen: Alle Nachrichten und Informationen der FAZ zum Thema“ in jüngster Zeit aufgeführt ist, findet vor allem eins: Werder. Werder gegen Schalke, Per Mertesackers Abschied, Claudio Pizarro. Dazwischen ein Text zu Mordermittlungen „bei Bremen“ sowie einer zum Bremer Schulkonsens, allerdings unter der Überschrift „Der Weg führt weiter in den Abgrund“.

Vor diesem Hintergrund ist es nachgerade als Erfolg zu verbuchen, dass Bremen kürzlich gleich zwei Mal in Medien mit großer Leser- beziehungsweise Zuschauerzahl Beachtung fand, ohne jeden Wahlkampf-Bezug. Das Magazin „Spiegel“ traf in Israel auf Carsten Sieling nebst Ehefrau, und das ZDF-Magazin „Frontal 21“ in Bremen auf Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt. Wenn man Letzteres treffen nennen kann: Die Senatorin ging einem Mikrofon des ZDF wortlos aus dem Weg. Ein Redakteur hielt es in der Hand, der mit ihr über Vorwürfe gegen die Psychiatrie im Klinikum Bremen-Ost sprechen wollte.

Sielings mussten im „Spiegel“ unter dem Titel „Kurz raus“ als Beispiel für den Sinn „deutscher Politikerreisen“ herhalten. In Bremens Partnerstadt Haifa liefen sie offenbar dem Autor Alexander Osang in die Arme, der mit Worten umzugehen weiß, in diesem Fall zum Nachteil der Sielings. „Seine Frau kicherte die ganze Zeit, als wäre sie auf einer Klassenfahrt“, schreibt er. In der Mitte des Artikels prangt ein Amateurfoto von einem Treffen zwischen Sieling und „einheimischen Politikern mit beeindruckenden Bäuchen“, bei dem „Dr. Sieling wie das Opfer einer Entführung wirkte“. Das ist schon komisch und auch so gemeint, aber nicht unbedingt die Art von Eigenwerbung, die man sich als Politiker in einem Magazin mit rund 6,5 Millionen Lesern erhofft.

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Pech gehabt, Bürgermeister-Brille richten, weitermachen, in der nächsten Ausgabe wird ein anderer aufs Korn genommen. Und es kann schlimmer kommen. Willi Lemke, damals Bildungssenator, sang in der ARD gleich nach der „Tagesschau“ mit Mike Krüger „Bodo mit dem Bagger“. Es handelte sich nicht um eine Satiresendung. Denn selbst TV-Satiremagazine übersehen Bremen oft, wenngleich nicht komplett. Oliver Welke spottete in der „Heute-Show“ (bis zu vier Millionen Zuschauer) über Sielings Vorgänger Jens Böhrnsen „den erkennt doch nicht mal die eigene Familie, wenn er abends auf dem Sofa sitzt“. Und dem damaligen Kulturstaatsminister Bernd Neumann lauerte 2011 bei der CDU-Medianight eine „Extra-3“-Reporterin auf. Sie fragte: „Angenommen, das Internet ist voll, wo sollen die Daten dann zwischengelagert werden?“ Neumann, offensichtlich verblüfft, antwortete: „Wie das jetzt im Einzelnen von Unternehmen zu regeln ist, weiß ich nicht“, verströmte aber Zuversicht. Er tut es auch weiterhin, auf Youtube – jedenfalls bis das Internet voll ist.

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