Peter Bargfrede sammelt Unterschriften „Kein Billigfleisch für Kitakinder“

In fünf Jahren soll es in öffentlichen Einrichtungen kein Fleisch mehr aus Massentierhaltung geben, das fordert das Agrarpolitische Bündnis in einem Bürgerantrag. Peter Bargfrede spricht im Interview unter anderem über Fehler der Landwirtschaft.
03.08.2015, 08:26
Lesedauer: 4 Min
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Herr Bargfrede, Sie sind auf Unterschriftenjagd gegangen. Was war der Anlass?

Peter Bargfrede: Das Agrarpolitische Bündnis ist Initiator eines Bürgerantrages. In einer Forderung haben wir gesagt, dass die Stadt einen Aktionsplan aufstellen soll, dass in fünf Jahren in öffentlichen Gemeinschaftsverpflegungen kein Fleisch mehr aus der Massentierhaltung angeboten werden soll. Und 25 Prozent muss aus dem ökologischen Landbau kommen.

Sie haben inzwischen 1400 von den gesetzlich vorgeschriebenen 4000 Unterschriften zusammen, die man braucht, damit der Bürgerantrag in der Stadtbürgerschaft behandelt wird. Wer hat gesammelt?

Vertreter aus dem Bündnis, darunter Brot für die Welt, BUND, Slow Food oder die Bremer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft, haben Unterschriften gesammelt. Auch auf der Breminale haben wir viele Unterschriften bekommen. Wir hätten gerne eine Online-Petition gemacht, aber die bremische Verwaltung war nicht in der Lage, das einzurichten. Das ist ein Hemmnis. Aber man kann auf unserer Homepage den Bürgerantrag auch ausdrucken und unterschrieben an uns zusenden.

Sie setzen sich im Wesentlichen gegen Billigfleisch in öffentlichen Einrichtungen ein. Warum gehen Sie nicht einen Schritt weiter und fordern ein generelles Verbot?

Wir wollen privat niemandem vorschreiben, was sie essen sollen. Aber wir sehen das bei den öffentlichen Einrichtungen anders. Denn dort wird relativ unkontrolliert Fleisch von großen Caterern eingekauft, und dann geht das in Kitas, Schulen oder Kantinen. Wir wissen, dass vieles davon aus Massentierhaltung stammt. Die Stadt hat hier eine Einflussmöglichkeit und eine Verantwortung für Mitarbeiter, Kinder und Jugendliche. An die Privaten können wir nur appellieren oder dass man generell weniger Fleisch isst. Es ist auch ein Gedanke von mehr Klasse statt Masse.

Ein Problem ist ja sicherlich auch, dass Fleisch nicht gekennzeichnet werden muss.

Das ist auch eine Kritik von uns. Ich kann nicht feststellen, ob Fleisch aus einer artgerechten Haltung herstammt. Wir haben das nicht in den Bürgerantrag mit aufgenommen, weil das wäre eine Bundesgesetzgebung. Deswegen ist Öko-Fleisch erste Wahl, weil dort gibt es ganz bestimmte Haltungsvorschriften. Im Ökolandbau haben die Tiere in der Regel 50 Prozent mehr Platz als im konventionellen Bereich. Wir brauchen eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht, wie bei den Eiern.

Was ist eigentlich Billigfleisch beziehungsweise wie viel sollte Fleisch denn kosten?

Preismäßig ist das gar nicht so einfach zu sagen. Wenn hochwertiges Fleisch verglichen mit Gemüsepreisen gleich viel oder sogar weniger kostet, dann kann doch irgendwas nicht stimmen. Das liegt unserer Meinung nach auch daran, dass die Kosten aus der Fleischproduktion sich nicht im Preis niederschlagen. Es wird die Umwelt belastet oder mit Antibiotika belastet oder wir beanspruchen große Flächen in Südamerika mit Sojaanbau. Diese Kosten finden sich in den Fleischprodukten nicht wieder.

Und wie steht es um Billiggemüse?

Wir sind der Meinung, dass in der Landwirtschaft viel verkehrt läuft. Der Einsatz von Mineraldüngern und Pestiziden bedeutet eine große Umweltbelastung. Durch den Einsatz von Gülle wird unser Trinkwasser gefährdet. Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat hat hormonwirksame Eigenschaften. Das ist grundsätzlich eine problematische Entwicklung. Die Preise sind im konventionellen Anbau geringer, weil man nicht so viel Handarbeit machen muss, und man kann Beikräuter totspritzen. Das darf man im Ökolandbau nicht, und der Arbeitseinsatz ist einfach höher.

Essen Sie selbst Fleisch und wissen Sie, woher das Fleisch dann kommt?

Ich bin sozusagen Flexitarier. Ich esse ganz wenig Fleisch, maximal einmal in der Woche, meistens weniger. Ich esse zum Beispiel Fleisch im Biobiss im Alten Fundamt. Da weiß ich, woher das Fleisch kommt.

Was sind im Wesentlichen die negativen Folgen der Massentierhaltung?

Viel zu viele Tiere leben auf einem Quadratmeter und bekommen häufig Antibiotika. Und das geht leicht auf uns Menschen über, und es werden Antibiotika-Resistenzen entwickelt. Außerdem leiden die Tiere. Die Hühner haben Erkrankungen an den Füßen oder ihre Federn fallen aus. Schweinen werden die Schwänze kupiert. Das können wir nicht weiter verantworten. Das andere sind die ökologischen Aspekte. Es wird viel zu viel Gülle in den Tierfabriken produziert, die unser Grundwasser belastet. Die Nitratgehalte sind zu hoch, das kann Krebs erzeugen. Fast 70 Prozent der nutzbaren Ackerflächen werden für die Produktion von Fleisch verwendet. Wenn wir weniger Fleisch essen würden, dann könnten mehr Menschen ernährt werden.

Bekommen Sie manchmal auch Gegenargumente zu hören?

Ein Hauptargument ist, dass man das doch nicht bezahlen kann. Ein bisschen ist was dran. Aber durch ein verändertes Einkaufsverhalten in den öffentlichen Küchen und eine Speiseplanoptimierung, kann man den Preisabstand reduzieren.

Warum ist Ihnen das Thema persönlich so wichtig?

Ich bin ja nicht nur Mitglied im Agrarpolitischen Bündnis, sondern auch in der Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft. Wir setzen uns schon seit 25 Jahren für eine umweltverträgliche Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung ein. Ich selbst komme vom Land und weiß, wie früher Tiere gehalten worden sind. Das war auch nicht alles Gold. Aber wie Tiere heute gehalten werden, in diesen agrarindustriellen Einrichtungen, das tut mir richtig weh. Wir brauchen da dringend eine Ernährungs- und Agrarwende, damit wir unser Verhältnis zu den Tieren wirklich verändern.

Zur Person: Peter Bargfrede gehört zum Aktionsbündnis, das Unterschriften sammelt. Der Bürgerantrag ist unter www.buendnis-bremen.de zu finden. Ausgefüllte Listen können an die Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft, Am Dobben 43a, 28203 Bremen, geschickt werden.

Das Interview führte Ina Schulze.

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