Unerreichbare Briefkästen

Kein Einwurf unterm Glasdach

Der Briefkasten hinterm Hauptbahnhof war plötzlich weg, zwei weitere vor dem früheren Postamt 5 sind versiegelt: Wer konventionelle Kommunikationswege wählt, hat es nicht immer einfach.
25.11.2017, 13:59
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Frank Hethey
Kein Einwurf unterm Glasdach

Versiegelt, weil beschädigt: Das Glasdach ist marode, deshalb sind die Briefkästen vor dem ehemaligen Postamt außer Betrieb.

Frank Thomas Koch

Einen ganz gewöhnlichen Brief einzustecken, kann mitunter zur Geduldsprobe werden. Diese leidige Erfahrung musste Rosemarie Heidemann machen, eine Rentnerin aus Schwachhausen. Nach alter Gewohnheit lenkte die 77-Jährige ihre Schritte zum Briefkasten am Hintereingang des Hauptbahnhofs. Doch entgegen aller Erwartung fand sie am vermeintlichen Standort nichts weiter vor als gähnende Leere. „Ohne einen Hinweis auf einen anderen war der Briefkasten einfach verschwunden“, sagt sie.

Ärgerlich genug, aber Rosemarie Heidemann wollte nicht einfach unverrichteter Dinge kehrtmachen, sondern „marschierte“ nach eigenem Bekunden unverdrossen weiter zum ehemaligen Postamt 5. Dumm nur, dass sie auch dort ihr Schreiben nicht loswurde. Konsterniert stellte sie fest: Kein Einwurf möglich bei den beiden Briefkästen vor dem Gebäude. „Die waren wieder ohne Hinweis auf einen anderen Briefkasten beide versiegelt“, sagt sie. Eine Metallschiene verrammelt den Schlitz, auf der Klappe findet sich die dürre Mitteilung „Vorübergehend gesperrt“.

Für Rosemarie Heidemann eine unzureichende Auskunft. „Oft stehen Leute vor den Briefkästen und sind empört“, beobachtet sie. Empört gar nicht einmal so sehr wegen der Sperrung, sondern weil kein Grund dafür angegeben ist und keine Alternative genannt wird. In den Augen der Rentnerin nicht gerade eine transparente Kommunikation, deshalb misstraut sie der Verlautbarung auf der Klappe des Briefkastens. Vielleicht stimme es ja doch, was gerüchteweise die Runde mache – dass man sich seine Post bald irgendwo abholen müsse, weil sie nicht mehr zugestellt werde. „Kann man die Post dort auch hinbringen?“, fragt die Rentnerin sarkastisch.

Lesen Sie auch

Die Deutsche Post wiegelt ab. „Die Anzahl der Briefkästen ist seit Jahren stabil“, sagt ein Postsprecher. Es gebe auch keinerlei Pläne, daran etwas zu ändern. Hin und wieder müssten Briefkästen aufgrund von Bauarbeiten verlegt werden, ihre Gesamtzahl werde dadurch aber nicht tangiert. Oder jedenfalls nicht wesentlich. Der eine oder andere verschwinde schon mal, weil er nicht oder kaum noch genutzt werde. „Dafür entstehen in Neubaugebieten aber wieder neue, das muss man auch berücksichtigen.“

Dass die Post nicht einfach die Zahl der Briefkästen beliebig verringern kann, unterstreicht die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde. In der „Post-Universaldienstleistungsverordnung“ (PUDLV) sind die Vorgaben detailliert festgelegt. In Paragraf 2 heißt es dazu: „Briefkästen müssen so ausreichend vorhanden sein, dass die Kunden in zusammenhängend bebauten Wohngebieten in der Regel nicht mehr als 1000 Meter zurückzulegen haben, um zu einem Briefkasten zu gelangen.“ Solange diese Maßgabe nicht unterschritten wird, gibt es für die Bundesnetzagentur keinen Grund zum Einschreiten. Dabei dürfte es auch fürs Erste bleiben. Denn: „Die Deutsche Post unterhält viel mehr Briefkästen, als sie eigentlich müsste“, sagt Agentursprecher Olaf Peter Eul.

Glasdach beschädigt

Und warum dann die versiegelten Briefkästen vor dem früheren Postamt 5? Dafür gibt es laut Deutscher Post eine einleuchtende Erklärung. Nicht etwa aus eigener Machtvollkommenheit seien die Schlitze verschlossen worden, sondern weil die Polizei es vor knapp zwei Wochen gefordert habe. Der Grund: Das Glasdach über den Briefkästen ist beschädigt, einzelne Teile haben sich gelöst und sind heruntergefallen. Mithin eine Maßnahme zum Schutz der Kunden, darum auch die Warnbarke unter der Gefahrenstelle. Es soll sich eben keiner mehr nähern. Auch nicht, um die kleine Aufschrift auf der Klappe zu entziffern. Was die fällige Reparatur des schadhaften Glasdachs angeht, erklärt sich die Deutsche Post für nicht zuständig. Das sei Sache des Eigentümers – und Eigentümer ist die Post schon lange nicht mehr.

Bleibt der so plötzlich verschwundene und nun ebenso plötzlich wiederaufgetauchte Briefkasten am Hinterausgang des Hauptbahnhofs. Nur auf der einschlägigen Internetseite der Post mit den Standorten sämtlicher Briefkästen in Deutschland wurde er in den vergangenen Wochen noch angezeigt. Inklusive der Leerungszeiten. Freilich suchte man den Briefkasten vergeblich, weit und breit fand sich keine Spur – Rosemarie Heidemann hatte sich nicht geirrt. Ein Indiz für das langsame Sterben der lieb gewonnenen gelben Behälter?

Die Deutsche Post dementiert. Einzig und allein wegen des Freimarkts habe man den Briefkasten entfernt, sagt eine Postsprecherin. „Weil es schwer gewesen wäre, bei dem Trubel die Leerung vorzunehmen.“ Fragt sich nur, warum die alten Verhältnisse so lange nicht wiederhergestellt wurden. Immerhin vergingen mehr als drei Wochen seit dem Ende des Freimarkts, bis der Briefkasten sein Comeback erlebte. Die Verzögerung habe mit der Arbeitsbelastung der Servicetechniker zu tun, versicherte die Postsprecherin. Und versprach: „Sie können sicher sein: Der Kasten kommt wieder.“ Was dann auch der Fall war. Für Rosemarie Heidemann kein völlig unbekanntes Phänomen, ein paar mal hat sie das Wechselspiel zu Freimarktzeiten schon erlebt. Nur noch nie, dass es mit dem Wiederaufbau so lange dauerte.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+