Bürgerinitiative protestiert Kein kampfloser Abschied von den Bäumen

Auf der Bauausschuss-Sitzung des Beirats Östliche Vorstadt ist die Bürgerinitiative Neues Hulsberg-Viertels erneut vehement für die Bäume auf dem Gelände eingetreten. Ein Postkartenidyll verschwindet.
20.04.2018, 18:47
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Kein kampfloser Abschied von den Bäumen
Von Sigrid Schuer

Gundhild Stürwald kann sich empören. Aber dabei bleibt sie sachlich – und beharrlich. Die Anwohnerin der Tresckowstraße ist Mitglied der Bürgerinitiative Neues Hulsberg-Viertel. Auf der Sitzung des Bau-Ausschusses Östliche Vorstadt reichte sie Fotos herum, die den Ist-Zustand auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Mitte dokumentieren. Zu sehen ist unter anderem ein Idyll von sechs alten Eichen, die gefällt werden sollen. Die originelle Postkarten-Aktion an die Bremer Politik hat bisher aber nur wenig Resonanz bekommen. Die Beiratsmitglieder aber zeigten sich beeindruckt.

Die vielen kleinen, grünen Oasen hat Gundhild Stürwald auch gefilmt. Bedroht ist unter anderem auch die Wiese vor der Kinderklinik, die das Gelände gegen den Lärm der Bismarckstraße abschirmt. Gefordert ist nämlich eine leere Fläche für den Katastrophenfall. „Und das soll alles entbehrlich sein? Das ist in puncto Klimaschutz wirklich nicht zeitgemäß“, empörte sich Stürwald. Die Hoffnung der Bürgerinitiative: Vielleicht geschieht noch ein kleines Wunder, sodass zumindest einige Bäume erhalten bleiben. Die bisherigen Pläne sehen vor, 200 der 350 Bäume auf dem Areal zu fällen.

Der Widerspruch, das die Bürgerinitiative mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Baugenehmigungsverfahren eingelegt hat, ist bislang wirkungslos geblieben. Außerdem wollen die Mitglieder der Bürgerinitiative wissen, wo die versprochenen Ersatzbäume gepflanzt werden sollen. Gundhild Stürwalds Bedenken: Wenn erst einmal viele der Bäume gefällt seien, „dann knallt die Sonne erbarmungslos auf Asphalt und Steine“. Die Nachbarin des Neuen Hulsberg-Viertels empfindet die Baumfällungen als „zweite Enteignung des öffentlichen Raumes“ und betont: „Das werden wir nicht hinnehmen!“ Unterstützung bekommt die Bürgerinitiative von dem sachkundigen Bürger der Linken, Peter Böhme. Marion Skerra, Stadtplanerin Region Mitte im Bauressort, die wegen eines anderen Termins nicht bis zum Schluss bleiben konnte, sagte der besorgten Anwohnerin ein persönliches Treffen zu.

Im Auftrag der Grundstücksentwicklung Klinikum Bremen-Mitte hat das Büro Block-Daniel 2011 den Baumbestand dokumentiert und 417 Bäume ermittelt, inklusive der Bäume auf den angrenzenden Privatgrundstücken. 21 mussten laut Hanna Pape, im Bau- und Umweltressort unter anderem für den Baumschutz zuständig, gefällt werden, weil sie krank gewesen seien und die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben gewesen sei. Peter Böhme mokierte sich über das mit Steuergeldern finanzierte Gutachten: Bei einer Überprüfung des Baumbestandsplanes am 29. Mai 2015 habe Hanna Pape festgestellt, dass nach den ersten Fällungen nicht mehr 396 auf dem Gelände standen, sondern nur noch 372. Abgestorbene Bäume und Sträucher, die als Bäume aufgenommen worden waren, mussten nachträglich aus der Liste gestrichen werden. Andere wurden hinzugefügt.

Übrig geblieben seien 351 Bäume, nachdem seit 2016 weitere 21 kranke, nicht mehr verkehrssichere Bäume gefällt worden seien, erläuterte Hanna Pape. Weitere 40 Bäume seien nicht länger nach der Baumschutzverordnung geschützt. Aufgrund des Alters einer großen Anzahl von Bäumen auf dem bisherigen Klinikgelände sei auch weiterhin davon auszugehen, dass Bäume aufgrund mangelnder Verkehrssicherheit gemäß der Baumschutzverordnung aus den Schutzbestimmungen entlassen und gefällt werden müssten, heißt es in ihrer Expertise. "Jeder Baum, für den ein entsprechender Antrag gestellt wird, wird von der Unteren Naturschutzbehörde in Augenschein genommen und beurteilt, ob die Begründung des Fällantrages nachvollzogen oder ob die Verkehrssicherheit durch eine baumpflegerische Maßnahme wiederhergestellt und so eine Fällung vermieden werden kann.“ Hanna Pape lobte die Gesundheit Nord, die akribisch und „fachlich versiert“ die Bäume auf dem Gelände auf ihren Gesundheitszustand hin überprüfen lasse und damit der Verkehrssicherungspflicht genüge. „Es wird versucht, die Bäume durch Rückschnitte und Kronensicherungsmaßnahmen zu erhalten.“

Peter Böhme hinterfragte das Procedere kritisch: „Es ist doch merkwürdig, dass immer dort Bäume verschwinden, wo kurz darauf Baustellen entstehen!“ Hanna Pape konterte, dass sie das so nicht bestätigen könne. Und Böhme echauffierte sich darüber, dass man wohl nicht mehr davon reden könne, dass mehr als die Hälfte der Bäume erhalten bleibe: „Es sind nur noch 30 Prozent." Woraufhin Hanna Pape einräumte, dass alte Bäume bei Bauarbeiten leiden. Der Stress habe Folgen. "Wir konnten beispielsweise an Eichen Pilzbefall feststellen, die sonst noch nie krank waren.“ Auf dem Areal gebe es viele Bäume mit besonderem Schutzbedarf, sagte Stadtplanerin Marion Skerra. Sie betonte aber auch, dass zehn Prozent an öffentlichen Grünflächen und eine Spielfläche von 2000 Quadratmetern für 18 Kita- und Kindergruppen im Neuen Hulsberg-Viertel ausreichen müssten. Mitglieder der Bürgerinitiative sehen auch das anders: „Diese 2 000 Quadratmeter bieten keine wirkliche Aufenthaltsqualität, wenn diese grüne Mitte mit Ansprüchen und Funktionen wie einem Hubschrauber-Ersatzlandeplatz überfrachtet wird!“

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