Der dritte Band „Stolpersteine in Bremen“ ist NS-Opfern aus dem Ostertor und der Östlichen Vorstadt gewidmet

Kein schönes Land in ihrer Zeit

Mitte·Östliche Vorstadt. Von ihrem Mieter Richard Holst ist Selma Beverstein, geborene Rothschild, gemobbt und um ihren Besitz gebracht worden. Der Mann, ein „NS-Volksgenosse“, durfte sich ungestraft bereichern.
21.03.2016, 00:00
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Von Monika Felsing und Liane Janz
Kein schönes Land in ihrer Zeit

Die Journalistin Marlies Backhus erzählt die Lebensgeschichten.

Walter Gerbracht

Von ihrem Mieter Richard Holst ist Selma Beverstein, geborene Rothschild, gemobbt und um ihren Besitz gebracht worden. Der Mann, ein „NS-Volksgenosse“, durfte sich ungestraft bereichern. Selma Beverstein aber wurde nach Minsk deportiert und ermordet. Vor dem Steintor 155 erinnert ein Stolperstein an die jüdische Hutmacherin. Ihr Schicksal wird im dritten Stolpersteinband geschildert, und bei der Buchpremiere im Wallsaal der Stadtbibliothek war auch ein Foto von ihr und ihren Schwestern zu sehen.

Das ehrenamtlich arbeitende Redaktionsteam unter Leitung von Barbara Johr und Peter Christoffersen hat Biografien von Bremerinnen und Bremern recherchiert, die in der Nazizeit diskriminiert, denunziert, deportiert und ermordet worden sind. Im dritten Band „Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche“ geht es um Menschen aus dem Ostertor, dem Steintor, dem Fesenfeld, dem Peterswerder und vom Hulsberg. Schirmherr des Projektes ist Bau- und Verkehrssenator Joachim Lohse. In einer sehr persönlichen Rede über die Auseinandersetzung mit NS-Unrecht und mit Rechtsradikalismus würdigte der grüne Politiker die Arbeit des Vereins „Erinnern für die Zukunft“. Gerade in der gegenwärtigen politischen Situation sei es wichtig, die Verbrechen der Nazis und die Opfer im Gedächtnis zu behalten.

Die Journalistin Marlies Backhus trug einzelne Lebens- und Leidensgeschichten als berührende Collage vor, im Bewusstsein, dass Angehörige von NS-Opfern im Publikum saßen. Wie der 83-jährige Zeitzeuge Otto Polak aus der Neustadt, der in der Kohlhökerstraße 6 in die jüdische Schule gegangen war und 1941 als einziges von 50 Kindern rechtzeitig versteckt werden konnte. Barbara Johr begrüßte ihn und andere Angehörige besonders herzlich. „Das war, weiß Gott, kein einfacher Gang für Sie. Das ist uns sehr bewusst.“

Das Ehepaar Moses und Recha Rotschild aus der Schierker Straße 15 war in die Niederlande geflohen. Die beiden wurden 1943 von Westerbork aus nach Sobibor verschleppt und dort ins Gas geschickt. Ihr Sohn Oskar wurde 1942 von Westerbork nach Auschwitz deportiert. Er überlebte das KZ und auch noch den Todesmarsch nach Buchenwald, starb aber 1945 kurz nach seiner Befreiung. Seine Schwester Hella und deren Mann Philip van Coevorden wurden ebenfalls nach Auschwitz deportiert, wo Hella ermordet wurde. Ihr Mann wurde später für tot erklärt.

Bei Schülern und Lehrerkollegen gleichermaßen beliebt war Hermann Böse, der am Realgymnasium in Schwachhausen unterrichtete, das heute als Gymnasium nach ihm benannt ist. Der herzkranke Sozialist wurde 1942 von der Gestapo verhaftet und so schwer misshandelt, dass er drei Tage nach seiner Entlassung starb. Sein Stolperstein liegt in der Besselstraße 21.

Für ein Einfühlungsvermögen frei von Rührseligkeit steht die Bremer Gruppe Paradawgma, und das kommt Gedenkfeiern zugute. Als Trio spielten die Musiker im Wallsaal neu arrangierte Instrumentalstücke wie den Russischen Trauermarsch aus Hermann Böses Liedersammlung „Das Volkslied“ und schufen vor allem mit Elementen des Jazz eine zugleich würdevolle und energiegeladene Atmosphäre. Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglios „Kein schöner Land in dieser Zeit“ wird bei ihnen „Kein schönes Land in dieser Zeit“. Die Botschaft kommt an.

Wie schnell sich bei der Beschäftigung mit Geschichte Parallelen zur Gegenwart finden lassen, zeigte Barbara Johr am Beispiel der Stolpersteine an der Humboldt-straße 5 für die im Alter von 14 Jahren ermordete Marion-Doritt Orbach und ihre Eltern. Gleichaltrige aus der Gesamtschule Mitte hatten die Patenschaft übernommen. „Die Schüler haben mich gefragt: ‚Warum sind die denn nicht weggegangen, als es gefährlich wurde? Man merkte das doch!’ Und dann hab ich gesagt: ‚Man brauchte ein Land, das einen hat einreisen lassen.’“ Der spontane Kommentar eines Achtklässlers: „Ich sage nur: Lampedusa.“ Da habe jemand etwas verstanden, sagte Barbara Johr. „Das hat mich sehr berührt.“

Mit Bedacht hat der Verein „Erinnern für die Zukunft“ den Bremer Sujet-Verlag für die Buchreihe ausgewählt. „Es ist nicht irgendein Verlag“, betonte Barbara Johr. Der Verleger Madjid Mohit sei im vergangenen Jahr für seine Arbeit für Autoren, die nicht in ihrem Heimatland leben, mit dem Hermann-Kesten-Preis ausgezeichnet worden. „Er weiß, wie es ist, in Frankfurt in Abschiebehaft zu sitzen.“ Und wie es ist, politisches Asyl zu erhalten.

„Stolpersteine in Bremen – Biografische Spurensuche, Ostertor/Östliche Vorstadt“ gibt es für 16,80 Euro im Buchhandel. Gewidmet ist der Band Michael Cochu, der den Initiativkreis mit gegründet hatte und 2015 gestorben ist. Das Buch enthält unter anderem auch Beiträge über das Wilhelm-Wagenfeld-Haus, das ein Gestapo-Gefängnis war, und über den jüdischen Arzt Rudolf Hess. Für weitere Bände werden Spenden benötigt – und außer den Stolperstein- können auch Putzpatenschaften übernommen werden.

Mehr über das Projekt auf www.stolpersteine-bremen.de.

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