Nachts im Museum

Keine Besucher, keine Einnahmen

Das Bremer Übersee-Museum ist zum zweiten Mal in diesem Jahr geschlossen. Dabei wurde kurz vor dem Lockdown erst eine neue Sonderausstellung eröffnet. Die Lichter im Gebäude am Hauptbahnhof bleiben aber aus.
22.11.2020, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Text: Mario Nagel Fotografie: Tom Wesse

Seit Ende Oktober ist die Sonderausstellung „Junge Wilde – Tierisch erwachsen werden“ im Bremer Übersee-Museum eröffnet. Sie zeigt, auf welch unterschiedliche Art und Weise Insekten, Reptilien, Vögel oder Säugetiere ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Wie verschieden selbst Eier aussehen können. Und welche ersten Schritte der tierische Nachwuchs macht. Auf 800 Quadratmetern hat das Museum zahlreiche Exponate ausgestellt. Auch einige Stationen zum Mitmachen sind aufgebaut, sie richten sich in erster Linie an Kinder. Mit Erfolg: In den ersten Tagen strömten hunderte Menschen durch die Gänge, teilweise gab es Wartezeiten. Doch seit dem 3. November war kein Besucher mehr da.

Das Museum ist seither geschlossen, bis zum Ende des Monats wird das auch so bleiben - mindestens. Die Lichter im Gebäude-Komplex am Bremer Hauptbahnhof gehen deshalb nicht erst aus, wenn der Letzte das Museum verlassen hat. Sie gehen gar nicht erst an. Zumindest nicht komplett. „Wir laufen hier ja in einen dunklen Raum nach dem anderen“, sagt Michael Stiller, Leiter der Abteilung Naturkunde, bei einer Sonderführung für den WESER-KURIER. Er steht gerade im Übermaxx, dem Schaumagazin des Übersee-Museums. Hier lagert ein Großteil der rund 1,2 Millionen Objekte, die das Museum besitzt.

Doch die Vitrinen und Schränke stehen im Dunkeln, die Exemplare und Belege, also das physische Objekt und ein erklärender Text, sind kaum zu erkennen. In den sechs ständigen Ausstellungen, die im Übersee-Museum unter dem Namen „Die Welt unter einem Dach“ laufen, ist aufgrund einer dezenten Beleuchtung schon etwas mehr zu sehen: Im Ozeanien-Teil steht ein überdimensionales menschliches Herz. Es ist mit Absperrband umwickelt, denn normalerweise dürften die Kinder darin herumklettern. Die vier Kois schwimmen im Teich des Asien-Teils dagegen munter herum, auch wenn sie nicht von unzähligen Besuchern begutachtet werden.

Dass die Besucher ausbleiben, habe jedoch enorme finanzielle Auswirkungen: „Die Einbußen sind immens, unsere Einnahmen sind im Keller“, sagt Charlotte Altenmüller, Sprecherin des Übersee-Museums. Auch zwischen Mai und Oktober hätten sich die Zahlen nur auf einem sehr niedrigen Niveau bewegt. „Unsere rund 65 Mitarbeiter arbeiten deshalb vorrangig aus dem Homeoffice“, sagt Michael Stiller. Von dort aus sollen die Angestellten einen Teil der Insektendatenbanken, Vogel- oder Pflanzensammlungen des Museums digitalisieren.

Es handle sich um hunderttausende Belege, sagt Michael Stiller. „Das ist eine Heidenarbeit.“ Vor allem für die Aushilfskräfte sei das eine ungewohnte, aber notwendige Situation. Die Studenten und Rentner würden in der Regel schließlich die Aufsicht in den Ausstellungen übernehmen oder an der Kasse sitzen. „Aber wir wollten sie nicht in Kurzarbeit schicken und schon gar nicht kündigen“, sagt Stiller und liefert die Begründung gleich hinterher: „Wenn sie weniger oder überhaupt kein Geld mehr bekommen, könnten sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten.“

Aus diesem Grund versuchen sie im Übersee-Museum nun, auch die Arbeiten zu verrichten, die schon etwas länger liegengeblieben waren. So hat Präparatorin Ruth Nüß gerade in der Museumswerkstatt einen Tapir aus Mittelamerika auf dem Tisch liegen. Das Exemplar sei bereits 1978 ins Übersee-Museum gekommen, doch erst jetzt wäre die Zeit da, es für die Ausstellung aufzubereiten, sagt sie. In den Büros sei sogar noch mehr los als vor der Schließung, sagt Stiller. Im kommenden Jahr stünden einige Projekte an, die nun eben früher vorbereitet würden. „Wir versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren