"Tatort"-Rezension: "Wegwerfmädchen" Keine leichte Kost

Hannover. "Tatort" und "Polizeiruf 110" versammeln jeden Sonntagabend Millionen vor dem Fernseher. Die Onlineredaktion des WESER-KURIER nimmt alle Folgen kritisch ins Visier. Dieses Mal: "Wegwerfmädchen".
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Keine leichte Kost
Von Sarah Haferkamp

Hannover. Zwangsprostitution, Korruption und eine emotional verstrickte Ermittlerin – der aktuelle Tatort aus der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover sorgt für ein beklemmendes Gefühl beim Zuschauer.

Schon die ersten Szenen des Hannoveraner Tatort weisen darauf hin – dieser Krimi wird keine leichte Kost. Zu sehen sind zwei osteuropäische Mädchen auf einer exklusiven Feier. Sie tragen schöne Kleider, trinken Champagner und werden bejubelt. Plötzlich ist ein Mann zu sehen, der eines der Mädchen gewaltsam in den Nebenraum verschleppt. Ein anderer gibt eine Spritze. Schnitt. Müllsäcke werden verschnürt, abtransportiert und in einem Müllwagen entsorgt. Eines der Mädchen steigt später aus einem Müllberg – das andere wird tot aufgefunden.

Puh – denke ich mir. Es geht also um das Thema Zwangsprostitution. Im weiteren Verlauf des Films wird jedoch klar: Hier wird nicht ausschließlich ein Rotlicht-Drama inszeniert. Die Verstrickungen gehen tief. Nicht nur der Rotlichtkönig und Vorsitzende des örtlichen Motoradclubs „Hunnen“ hat seine Finger mit im Spiel. Der Staatsanwalt, ein Immobilien-Mogul und diverse weitere hochrangige Männer der Stadt Hannover lassen ihre Kontakte spielen, um den Mordfall und das damit verknüpfte Schicksal anderer Mädchen zu vertuschen. Umso überraschender das Ende - der Mörder stellt sich. Der Menschenhändlerring kommt ungeschoren davon. Charlotte Lindholm ist enttäuscht – der Zuschauer auch. Es bleibt ein Gefühl von Machtlosigkeit.

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Die Krimis mit Charlotte Lindholm waren bisher selten gut anzusehen. Zu sehr standen ihre Privatleben im Fokus. Die mittlerweile alleinerziehende Lindholm hat Probleme mit Männern. Das weiß jeder, der regelmäßig den Sonntagskrimi schaut. Auch in „Wegwerfmädchen“ gibt es neben den Ermittlungen zum Mordfall die private Baustelle Mann. Beide Handlungsstränge laufen erst parallel zueinander, bis der Zuschauer irgendwann merkt, dass ihre aktuelle Liebe Jan Liebermann indirekt in den Fall verwickelt ist. Sowieso ist fast jede Person, die erst in einem harmlosen Kontext im Film erscheint, in irgendeiner Art und Weise mit den Mädchenhändlern verstrickt. Das macht die Geschichte unglaublich spannend und gleichzeitig auch ungeheuerlich. Der Zuschauer stellt sich schnell die Frage, ob es in der Realität ähnlich zugehen könnte.

Um nicht nur den Mordfall zu lösen, sondern vor allem auch den Hintermännern auf die Schliche zu kommen, geht die Kommissarin über rechtliche Grenzen. Das ist ungewöhnlich und gefällt. Es ist Charlotte Lindholm augenscheinlich ein persönliches Anliegen, den Hintermännern und dem Korruptions-Klüngel den Garaus zu machen und das kauft man ihr auch ab. Umso erstaunlicher ist dann das abrupte Ende des Krimis, in dem „nur“ der Mord aufgeklärt wird. Denn eigentlich geht es doch um viel mehr. Und genau deshalb ist der aktuelle Tatort auch ein Zweiteiler. In der kommenden Woche ermittelt Charlotte Lindholm weiter. Nur dieser Umstand lässt den Krimi-Abend versöhnlich enden.

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