Hornissen sind friedfertige Insekten - solange man sie in Ruhe lässt Keine Panik!

Oberneuland/Horn-Lehe. Allein ihre Erscheinung ist beachtlich: 18 bis 28 Millimeter misst eine Hornisse. Die Königin bis zu 35 Millimeter.
17.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Silja Weißer

Oberneuland/Horn-Lehe. Allein ihre Erscheinung ist beachtlich: 18 bis 28 Millimeter misst eine Hornisse. Die Königin bis zu 35 Millimeter. Kein Wunder also, dass so manch einer beim Anblick der Vespa crabro dem Volksmund glauben schenken mag: „Drei Stiche töten ein Pferd, zwei Stiche einen Menschen.“ „Das Sprichwort ist Blödsinn“, weiß Imker Dieter Rudolph. Der 78-Jährige war 32 Jahre Vorsitzender des Imkervereins Bremen von 1875. Seine Aufgabe jetzt: Beraten und beruhigen. Zwar habe die Hornisse einen größeren Stachel, aber ihr Gift sei nicht gefährlicher als das einer Wespe. Allergiker natürlich ausgenommen.

Wie schmerzhaft es jedoch sein kann, wenn Hornissen sich zur Wehr setzen, bekam die Oberneulanderin Christa Auguste Osterbrink am eigenen Leib zu spüren, bei dem Versuch, ein Hornissennest aus ihrem Garten zu entfernen.

Nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub wies eine Nachbarin sie auf die schwarz-gelben Insekten hin. Sie befürchtete, dass die Tiere in ihren Garten herüberfliegen würden. Das Hornissenvolk befand sich in einem Vogelhaus am Gartenschuppen.

Osterbrink tat das, was sie kurze Zeit später bitter bereuen sollte: Ohne Kopfbedeckung, im Top und mit kurzer Hose bekleidet, schnappte sie sich abends den Nistkasten, um ihn auf den Weg hinter ihrem Gartentor zu legen. Die Folge: mehrere Stiche am Kopf, davon einer im und einer hinter dem Ohr. Eine Spaziergängerin mit Hund versuchte Osterbrink noch zur Hilfe zu kommen – vergeblich.

„Das war der reinste Wahnsinn“, erinnert sich die Frau mit Schrecken an die Attacken der gereizten Tiere. Jenen Abend musste Osterbrink in der Notaufnahme verbringen. „Ich konnte nicht mehr stehen, hatte höllische Schmerzen, die Einstichstellen waren dick angeschwollen“, berichtet sie. Erst einige Stunden später, nach einer Betäubung am Ohr und einer Infusion gegen die Schmerzen, wurde sie nach Hause entlassen. „Mit den Stichen hatte ich noch eine Woche lang zu tun“, erzählt sie.

Ihr Vorgehen bereut Osterbrink: „Ich hätte mich vorher informieren sollen“, räumt sie ein. Doch auch nach der schmerzhaften Erfahrung fragt sie sich, wie sie die unter Artenschutz stehenden Tiere hätte entfernen oder gar im Garten tolerieren sollen. Ihre beiden Töchter müssten morgens ihre Fahrräder aus dem Schuppen holen und nachmittags wieder hineinstellen. Und das neben einem Hornissenschwarm?

Ein Zusammenleben mit Hornissen ist möglich, versichern Beate und Bernd Voigt. Das Ehepaar wohnt am Lehester Deich Seite an Seite mit den großen Brummern. Direkt über ihren Köpfen, an einem Rollladenkasten an der Terrasse, hat ein stattliches Volk sein Zuhause eingerichtet. Angst haben Voigts nicht vor den Tieren. „Wenn man keine hektischen Bewegungen macht, tun sie nichts“, weiß Bernd Voigt aus Erfahrung.

„Hornissen werden nur sauer, wenn man sie direkt angreift“, bestätigt Henrich Klugkist, Diplom-Biologe im Bremer Umweltressort. „Wurst, Kuchen und süße Getränke mögen sie nicht“, führt er aus. Sie ernährten sich von Nektar, Pflanzensäften und Insekten. Und so lautet Voigts Devise: Einfach aussitzen. „Wir müssen das durchleiden“, meint Bernd Voigt.

Ein Hornissenvolk lebt etwa sechs Monate, von Frühjahr bis Herbst, weiß Imker Rudolph. Dann stirbt das Volk aus. Im Frühjahr beginnt die junge Königin, wenn sie aus der Winterruhe erwacht ist, mit dem Aufbau eines neuen Volkes. Das verlassene Nest werde dann jedoch nicht wieder bezogen, erläutert Rudolph.

„Da hatten wir aber weniger Glück“, entgegnet Bernd Voigt. Bereits zum dritten Mal haben sich Hornissen am Rollladenkasten eingenistet. Im Winter wird das Ehepaar Voigt den Dachdecker kommen und den Nistplatz abdichten lassen. Denn bei allem Respekt vor den Tieren: Das knisternde Geräusch höre man auch im Wohnzimmer. Lüften oder die Terrassentür auflassen sei ein schwieriges Unterfangen. „Neulich mussten Handwerker einen Teppich über die Terrasse ins Haus tragen. Das war denen regelrecht unheimlich“, erzählt Voigt. Doch gestochen worden sei bislang noch niemand.

Imker Rudolph bestätigt: „Hornissen sind friedfertige Tiere. Sie greifen niemals grundlos an und ziehen meist die Flucht vor – zwei bis drei Meter vom Nest entfernt haben sie mehr Angst vorm Menschen als der Mensch vor ihnen.“ Die Tiere könnten schlecht sehen. Und nur wenn schnelle Bewegungen erfolgen, fühlten sie sich angegriffen.

Hornissen als Nachbarn Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet es, Hornissen zu vernichten. In einigen Regionen Mitteleuropas sind sie vom Aussterben bedroht. Sonst drohen hohe Geldbußen bis zu 50000 Euro. Auch der Versuch, Hornissen durch Gift, Feuer oder ähnlich tödliche Angriffe zu bekämpfen, ist illegal. Nester dürfen nicht ohne Genehmigung der Umweltbehörde umgesiedelt werden. Zur Beseitigung und Umsiedlung der Hornissen sollte ein Experte zu Rate gezogen werden. Den findet man über die Umweltbehörde, Naturschutzvereine oder sogenannte Wespen- und Hornissenberater. Es besteht kein Anspruch des Nachbarn auf Entfernung des Nestes. Der Nabu rät: Grundsätzlich sollte man immer versuchen, mit den Hornissen zu leben. Hektische Bewegungen, Erschütterungen, Anpusten lösen Verteidigungsverhalten aus. Mehr Informationen unter www.hornissenschutz-bremen.de
„Hornissen werden nur sauer, wenn man sie direkt angreift.“ Henrich Klugkist, Diplom-Biologe
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