Ex-Mitarbeiter steht vor dem Landgericht

Kevins Vormund: Anklage ist nicht fair

Bremen. Unter enormen Medieninteresse ist am Dienstag der Prozess gegen den früheren Amtsvormund des getöteten zweijährigen Kevin vor dem Bremer Landgericht eröffnet worden. Der 67-jährige Angeklagte findet es nicht fair, dass nur er vor Gericht steht.
09.06.2010, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rose Gerdts-Schiffler

Bremen. Unter enormen Medieninteresse ist gestern der Prozess gegen den früheren Amtsvormund des getöteten zweijährigen Kevin vor dem Bremer Landgericht eröffnet worden. Während die Anklage überzeugt ist, dass sich der heute 67-Jährige einer fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat, weil er den kleinen Jungen nicht rechtzeitig von seinem drogenabhängigen Ziehvater getrennt hat, ist das Ziel seiner beiden Strafverteidiger, einen Freispruch für ihren Mandanten oder aber eine Einstellung des Verfahrens zu erwirken.

Im Saal 218 musste sich die Staatsanwaltschaft gestern extra Tische und ein Regal hineintragen lassen, um Platz für die 43 prall gefüllten Aktenordner zu schaffen. Der Junge, um den es in dem bis Weihnachten terminierten Prozess erneut geht, wurde nur zwei Jahre alt. Dennoch beschäftigte das Schicksal des kleinen Kevin schon zu seinen Lebzeiten diverse Menschen, darunter auch die damalige Sozialsenatorin Karin Röpke und Bürgermeister Jens Böhrnsen. Es gab Warnungen und zahllose Warnsignale, dass das Kind bei seiner drogensüchtigen Mutter und seinem Ziehvater 'hochgefährdet' ist. Aber Kevin blieb bis zu seinem Tod im Frühsommer 2006 in seinem Elternhaus in der Kulmer Straße in Gröpelingen. Rechtsmediziner zählten nach dem Tod des Jungen 21 Knochenbrüche an dem geschundenen Körper.

Die Staatsanwältin benötigte gestern fast eine Stunde, um die Anklageschrift zu verlesen und sie in eine Art Chronologie einzubetten. Dabei ging es in weiten Teilen um die Beteiligung und die Verantwortung des Fallmanagers am Tod des Kindes. Der 58-jährige Mitarbeiter des Amtes für Soziale Dienste muss sich jedoch, wie berichtet, aufgrund seiner schweren Erkrankung nicht mehr vor Gericht verantworten. Das Verfahren gegen ihn wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit eingestellt.

Erst Ende 2005, unmittelbar nach dem Tod von Kevins Mutter, wurde der kleine Junge unter staatliche Obhut gestellt. Damit wurde Kevin zu einem der mehr als 230 Mündel, die der damalige Amtsvormund und heutige Angeklagte Bert K. zu betreuen hatte.

Der Vormund verzichtete damals zunächst darauf, selbst Einsicht in die Akten des Kindes zu nehmen und verließ sich auf die Bewertung durch den Fallmanager. Ein Fehler, wie die Anklagevertreterin gestern hervorhob, zumal der Ziehvater, der bis dahin noch als leiblicher Vater Kevins galt, nach dem Tod seiner Lebensgefährtin kurzfristig in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden war. Weiter wirft die Anklage dem Amtsvormund vor, er habe auch nicht reagiert, als der Ziehvater mit Kevin auf dem Arm am zweiten Weihnachtstag 2005 auf dem Hauptbahnhof Hannover mit einer Passantin aneinandergeriet und sie mit einer Schreckschusspistole bedrohte.

Die Staatsanwältin zitierte in ihrer Anklage eine Aussage von Bert K., es käme einem 'K.o. gleich, wenn man dem Ziehvater auch noch das zweite Kind wegnehme'. Damit bezog er sich auf ein zweites Kind des Paares, das im Juni 2005 tot zur Welt kam. In ihrer Anklageschrift erwähnt die Anklägerin jedoch auch, dass der Amtsvormund wiederholt nicht vom Fallmanager informiert und von Kevins Ziehvater mehrfach angelogen wurde.

Der Angeklagte verlas gestern eine kurze Erklärung, in der er seine Trauer um den Tod des Jungen Ausdruck verlieh. Zugleich kritisierte er seine früheren Behörde, die die Vormünder im Stich gelassen habe. Schließlich seien alle Überlastungsanzeigen im Vorfeld nicht ernst genommen worden. Die Anklage bezeichnete Bert K. als 'nicht fair', kündigte jedoch an, umfassend aussagen zu wollen.

Seine beiden Anwälte hoben am Rande der Verhandlung hervor, dass ihr Mandant zwar 'formal eine starke Stellung als Amtsvormund' besessen habe, tatsächlich jedoch durch fehlende Informationen, Lügen oder Bagatellisierungen des Fallmanagers und anderer Beteiligter ausgebremst worden sei. Bis in den Frühsommer 2006 hinein habe der Amtsvormund den Fall des Jungen daher gar nicht als Kindeswohlgefährdung eingestuft.

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