Stadtteil-Begegnung: CDU-Abgeordneter Thomas vom Bruch aus Oberneuland trifft Grünen-Abgeordneten Ralph Saxe aus Schwachhausen

"Kinder im Nordosten haben es besser als woanders"

Thomas vom Bruch aus Oberneuland ist Bürgerschaftsabgeordneter der derzeitigen Oppositionsfraktion CDU, Ralph Saxe aus Schwachhausen trägt als Grünen-Abgeordneter die rot-grüne Regierung mit. Andreas Becker und Detlev Scheil haben mit ihnen über Unterschiede zwischen den Stadtteilen und über aktuelle Probleme der Betreuung von Klein- und Schulkindern im Bremer Nordosten gesprochen.
08.03.2012, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Thomas vom Bruch aus Oberneuland ist Bürgerschaftsabgeordneter der derzeitigen Oppositionsfraktion CDU, Ralph Saxe aus Schwachhausen trägt als Grünen-Abgeordneter die rot-grüne Regierung mit. Andreas Becker und Detlev Scheil haben mit ihnen über Unterschiede zwischen den Stadtteilen und über aktuelle Probleme der Betreuung von Klein- und Schulkindern im Bremer Nordosten gesprochen.

Lassen Sie uns zunächst kurz über Ihre Heimat-Stadtteile Schwachhausen und Oberneuland reden. Herr vom Bruch, was halten Sie von Schwachhausen? Gibt es etwas, das man für Oberneuland übernehmen könnte?

Thomas vom Bruch: Ich bin immer skeptisch, wenn es darum geht, Dinge zu übernehmen. Beide Stadtteile haben ihre Eigenheiten. Oberneuland ist eher ländlich geprägt, Schwachhausen eher bürgerlich-urban. Die Politik sollte dafür sorgen, dass diese Merkmale erhalten und stabilisiert werden.

Ralph Saxe: Stadtteile können und sollten immer von einander lernen sowohl von den Stärken wie von den Schwächen. Alleine schon die Dichte der Besiedlung bedingt, dass es große Unterschiede zwischen beiden Stadtteilen gibt. In Oberneuland leben fünf Einwohner pro Hektar, in Schwachhausen sind es 41. Oberneuland bildet ein besonderes Gemeinwesen in Bremen. Andererseits wird man sich dort anders als in Schwachhausen wohl kaum mal eben aufs Fahrrad setzen, um zum Theater am Goetheplatz zu fahren.

Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Kind. Würden Sie lieber in Schwachhausen oder Oberneuland leben?

Saxe: Ich würde versuchen, in beiden Stadtteilen zu leben. In Oberneuland die Parks nutzen, um ein wenig mehr Auslauf zu haben. Auf der anderen Seite ist für Kinder und Jugendliche Schwachhausens Nähe zum Stadtzentrum spannend, wo es Kino, Theater, Bibliothek und vieles mehr gibt. Kinder haben es in unseren beiden Stadtteilen aber jedenfalls besser als woanders.

Vom Bruch: Also, ich freue mich, dass meine Kinder in Oberneuland aufwachsen können. Denn es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass man Kinder ab einem bestimmten Alter ganz einfach mit dem Fahrrad losschicken und Natur erleben lassen kann. Oberneuland hat ein engmaschiges Geflecht aus Schule, Vereinen und Kirchengemeinde. Man kennt sich und findet zu vielen Menschen Kontakt. Von dem intakten sozialen Geflecht profitieren auch die Kinder. Obwohl es uns der rot-grüne Senat nicht einfach macht, wenn ich daran denke, dass es kein einziges staatliches Kindergartenangebot in unserem Stadtteil gibt. Auch die Betreuung der Unterdreijährigen, kurz U3, ist ausgesprochen unterprivilegiert ausgeprägt. Von vornherein wird also auf das bürgerliche Engagement gesetzt, damit solche Angebote vorgehalten werden. Das ist aus Oberneulander Sicht nicht immer gerecht.

Das heißt, Sie vermissen die Unterstützung der rot-grünen Koalition für Oberneuland?

Vom Bruch: Ja, ganz eindeutig, Oberneuland wird vernachlässigt. Und die Koalitionäre machen auch gar keinen Hehl daraus, dass sie beim Thema Schulen und Kindergärten den sozialen Indikator hervorheben und weniger den tatsächlichen Bedarf zum Beispiel von Berufstätigen betrachten. Der soziale Indikator ist natürlich wichtig für den sozialen Ausgleich in der Stadt. Um soziale Strukturen funktionsfähig zu erhalten, geht es aber nicht ohne Engagement des Staates, der Stadt. Das vermissen wir gelegentlich in Oberneuland.

Saxe: Da kann ich Ihnen nicht ganz zustimmen. Der soziale Ausgleich ist mir ganz wichtig. Wie viele Kinder gehen in Gröpelingen zum Gymnasium, und wie viele sind es in unseren Stadtteilen? In Gröpelingen sind es 30 bis 35 Prozent, bei uns eher 75 bis 85 Prozent. Die Chancengleichheit ist nicht gegeben, sondern je nach Stadtteil und dem sozialen Umfeld, in dem man geboren ist, hat man weniger Chancen als in besser gestellten Stadtteilen. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir diese sozialen Indikatoren sehr stark berücksichtigen.

Vom Bruch: Wir erkennen die sozialen Indikatoren ja als wichtig und notwendig an, aber sie stehen zu sehr im Vordergrund. Mein Problem ist, dass es nicht selbstverständlich ist, dass bestimmte soziale Strukturen funktionieren. Auch sie bedürfen der staatlichen Unterstützung und Fürsorge. Das gilt für Oberneuland, aber auch für Schwachhausen und Horn-Lehe.

Saxe: Bei den offenen Ganztagsschulen hat es ganz klar zwei Kriterien gegeben: soziale Indikatoren und Bedarf. Dass Sie sich in Oberneuland benachteiligt vorkommen, kann ich bei U3 allerdings teilweise nachvollziehen. Wir haben dort eine Bedarfsdeckung von acht oder neun Prozent, das ist zu wenig. Andererseits muss man ein bisschen weiträumiger planen. Sonst müsste man je nach den Zahlen Kindergärten abreißen oder neu bauen. Deshalb argumentiert die Sozialsenatorin damit, dass es in den Nachbarstadtteilen eine überdurchschnittliche U3-Versorgung gibt. In Borgfeld und Horn-Lehe liegt sie dann bei 28 oder sogar 33 Prozent.

Vom Bruch: In dem Punkt muss ich Ihnen widersprechen: Gerade im U3-Bereich können wir nicht mehrere Stadtteile in einen Topf werfen. Gerade die U3-Betreuung muss ortsnah angeboten werden. Wenn wir schon ein privates Engagement haben, wie bei der Kirchengemeinde Oberneuland, haben wir auch die Verpflichtung, das zu unterstützen. Angesichts der jüngsten Haushaltsberatungen sehe ich für das Anliegen der Kirchengemeinde, nach dem Neubau des Kindergartens zwei zusätzliche Gruppen genehmigt zu bekommen, jedoch eher pessimistisch. Mein Anliegen ist jetzt, möglichst einmütig der Kirchengemeinde wenigstens für 2013 eine Perspektive zu eröffnen.

Saxe: Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Es ist allerdings vollkommen legitim, zunächst die Bedarfsermittlung abzuwarten. Ich kann nachvollziehen, wenn man mehr haben möchte. Aber man muss dann im Gegenzug sagen, wo man was streicht. Denn Bremen hat bekanntlich das Problem, dass das Geld an allen Ecken und Enden fehlt. Im Übrigen trifft die geschilderte Situation ganz ähnlich auf Schwachhausen zu: Wir haben nur einen staatlichen Kindergarten, ansonsten gibt es zahlreiche private Eltern-Kind-Gruppen und Elternvereine.

Aktuell ist auch in Borgfeld mit seinen großen Neubaugebieten die Kinderbetreuung ein großes Thema. Reicht dort eine Ganztagsgrundschule aus?

Vom Bruch: Leider ist es in der Bildungsdeputation nicht gelungen, auch die alte Grundschule Borgfeld zu einer Ganztagsschule weiterzuentwickeln, obwohl sich der Beirat dafür stark eingesetzt hat. Dort wird es zu Beginn des neuen Schuljahres Engpässe geben. Ich bezweifle auch, dass Rot-Grün jetzt ein pädagogisch transparentes, für alle nachvollziehbares Ganztagsschul-Konzept auf den Weg gebracht hat. Die CDU würde lieber auf Qualität denn auf Quantität setzen und nicht ein System auf den Weg bringen, das riskant ist und einige Schulen vor große Probleme stellt.

Was meinen Sie mit "riskant"?

Vom Bruch: Ich meine, dass bislang nur auf den Vormittag beschränkte Grundschulen nur wenige Monate Zeit haben, künftig für ein Mittagessen zu sorgen und nachmittags ein schlüssiges pädagogisches Konzept zu realisieren. Es darf sich nicht darauf beschränken, dass gemeinsam auf dem Schulhof getobt wird, es muss eine Hausaufgabenbetreuung einschließen oder eine Form von Unterricht.

Saxe: Das ist die Quadratur des Kreises, die wir jetzt versuchen. Einerseits sagen Sie, in Borgfeld gibt es große Nachfrage nach Ganztagsbetreuung. Die Schule am Saatland wird Ganztagsschule, ich hätte mir gewünscht, dass wir in Borgfeld noch mehr geschafft hätten. Aber wir können nur schrittweise vorgehen. Es gibt einen riesigen Bedarf nach Ganztagsbetreuung überall in der Stadt. Das andere ist die Qualität. Würde vorrangig darauf gesetzt, was mit hohen Kosten verbunden ist, hätten wir nur ganz langsam die gebundene Ganztagsschule mit verbindlicher Betreuung bis 16 Uhr ausbauen können. Wir Grünen bevorzugen im Grunde die gebundene Form.

Vom Bruch: Da wären wir Christdemokraten sehr bei Ihnen gewesen...

Saxe: Aber der Druck ist in manchen Stadtteilen so groß, dass eine Ganztagsbetreuung schnell her muss. Wäre Borgfeld leer ausgegangen, hätten Sie uns kritisiert, dass dort keine Berufstätigkeit mehr möglich ist. Der Druck, die Ganztagsbetreuung zu erhöhen, hat dazu geführt, dass es ein bisschen zu Lasten der Qualität geht. Aber ich sehe nicht, wie wir es anders hätten machen können. Unser Ziel ist, die offenen Ganztagsschulen nach und nach in die gebundene Form umzuwandeln.

Vom Bruch: Der Elternwille muss dabei aber berücksichtigt werden.

Saxe: Genau, da stimme ich zu.

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