Anja Stahmann im Interview

„Kinder sind ein Armutsrisiko“

Sozial- und Sportsenatorin Anja Stahmann (Grüne) spricht über Gerechtigkeit und verfehlte Wohnungsbaupolitik. Sie fordert, dass ihre Behörde stärker in die Planung von Wohnquartieren eingebunden wird.
14.09.2019, 05:22
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Von Carolin Henkenberens Jörg Niemeyer
„Kinder sind ein Armutsrisiko“

Das Bäderkonzept sei beschlossene Sache, der Abschied vom Unibad eingeläutet, bekräftigt Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport.

Christina Kuhaupt

Frau Stahmann, bei Ihrer Vereidigung als Senatorin haben Sie den Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ verwendet. Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Anja Stahmann: Ich bin konfirmiert worden und habe eine Sozialisation in der kirchlichen Jugendarbeit. Ich bin zwar aus der Kirche ausgetreten, überlege aber, ob ich nicht wieder eintreten soll, weil ich durch meine tägliche Arbeit sehe, was Gemeinden für den sozialen Zusammenhalt in Bremen tun. Ich habe als 14-Jährige meinen Vater verloren, und in schwierigen Situationen hat es mir geholfen, an eine Kraft zu glauben, die größer ist als ich. Ich glaube schon, dass ich ein gläubiger Mensch bin.

Manchmal hat man den Eindruck, ein göttliches Wunder wäre in Bremen nicht verkehrt. Beispiel Armut: Seit Jahren ist Bremen das Bundesland mit der höchsten Armutsbedrohung. Was wollen Sie als Sozialsenatorin dagegen tun?

Ich glaube in dieser Frage nicht an eine höhere Kraft, sondern an die Kraft von Netzwerken. Es ist ein gemeinsames Vorgehen aller Ressorts notwendig. Wir koordinieren die Armutspolitik für den Bremer Senat und treiben sie weiter voran, machen Vorschläge. Der Weg aus der Armut führt aber über Bildung und gute Arbeit. Die meisten Instrumente zur ­Armutsbekämpfung liegen daher in den Bereichen Bildung, Arbeitsmarkt und Wirtschaft.

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Laut Experten ist ein Problem bei Armutsbekämpfung, dass Akteure nicht gut zusammenarbeiten.

Das hat sich stark verbessert. Wir schauen uns stärker die Lebenslagen der Menschen an, die nicht in Arbeit oder trotz Arbeit arm sind. Bremen hat einen hohen Anteil an Alleinerziehenden, im Westen den höchsten nach Berlin. Wir müssen uns um die Kindertagesbetreuung kümmern, Alleinerziehende qualifizieren und zum Beispiel über Teilzeitausbildungen neue Zugänge zum Beruf schaffen.

Sie setzen sich auf Bundesebene für eine Kindergrundsicherung ein. Warum ist sie gerecht – es würden auch Kinder wohlhabender Eltern profitieren?

Kinder sind ein Armutsrisiko. Das darf nicht sein. Es gibt über 150 verschiedene Leistungen für Familien, das halte ich für ein bürokratisches Ungetüm. Es gibt verschiedene Modelle der Kindergrundsicherung, und natürlich muss sie sozial gerecht sein. Wohlhabende Familien können schon heute den Kinderfreibetrag geltend machen und stehen sich damit deutlich besser als Durchschnittsverdiener mit dem Kindergeld.

Ein weiteres Vorhaben ist laut Koalitionsvertrag ein „Landesprogramm Quartiere“. Was soll das leisten?

Wir haben in benachteiligten Quartieren bereits Programme wie Wohnen in Nachbarschaften (Win), das wollen wir finanziell aufstocken und kleinere Ortsteile mit aufnehmen. Dabei stärken wir Orte durch den Zusammenschluss verschiedener Institutionen. Gute Erfahrung gesammelt haben wir schon am Cambrai-Dreieck in Huckelriede, wo wir mit Gewoba, Martinsclub und SOS-Kinderdorf eine Einrichtung geschaffen haben, in der wir ein breites Spektrum sozialer Angebote bündeln. Damit stärken wir Nachbarschaften.

Sind soziale Brennpunkte auch Resultat verfehlter Wohnungsbaupolitik?

Manches, was wir im Stadtbild sehen, kommt aus der Philosophie der 60er-Jahre, dass Menschen an einer Stelle wohnen und an anderer Stelle arbeiten. Die Grohner Düne ist ein in Beton gegossener Ausdruck dieser Ära. Dass wir lebendige Quartiere brauchen, wo kleine Werkstätten ihren Platz haben, wo man einkaufen kann, ist eine Entwicklung, über die wir sprechen müssen.

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Wie stark bestimmen Sie mit, wo und wie gebaut wird?

In der Überseestadt hätte ich mir gewünscht, dass das Sozialressort früher beteiligt worden wäre. Da befinden wir uns jetzt in der Nachsorge. So ein Fehler darf sich nicht wiederholen. Wenn wir Quartiere bauen, muss das Soziale mitgedacht werden.

Besteht Einigkeit im Senat, dafür mehr Geld in die Hand zu nehmen?

Es haben sich viele Kolleginnen und Kollegen für eine Erhöhung der finanziellen Mittel ausgesprochen. Ich habe die Verdoppelung des Programms Wohnen in Nachbarschaften gefordert. Das ist natürlich verwegen, aber wir sind auf einem guten Weg.

In Bremerhaven soll das Sozialdezernat abgeschafft und auf andere Ressorts verteilt werden. Was halten Sie von einer solchen Überlegung für Bremen?

Die Situation in Bremerhaven will ich nicht beurteilen, aber für Bremen ist das keine gute Lösung. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Kolleginnen und Kollegen im Senat das beschließen wollen.

Thema Zuwanderung: Wie kann verhindert werden, dass Geflüchtete eine neue Gruppe Abgehängter werden?

Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen machen uns Mut. Da sind wir nicht schlechter als der Bundesdurchschnitt. Gleichwohl glaube ich, dass wir noch großes Potenzial bei der Integration haben. Ich bekomme von der Handwerkskammer sehr positive Signale, was die Integration in Betriebe angeht. Wir haben es aber auch mit Ausbildungsabbrüchen zu tun, weil es mit der Sprache nicht so einfach ist. Dafür gibt es Unterstützungsangebote, die müssen wir noch bekannter machen. Es dauert zehn Jahre oder mehr, bis wir die 20 000 Menschen so richtig aufgenommen haben, die seit 2015 zu uns gekommen sind. Integration ist ein Marathon.

Gutes Stichwort, kommen wir zum Sport. Die Realisierung des Hauses der Athleten ist ein großes Stück näher gekommen mit Spenden in Höhe von 600 000 Euro und Ihrer Zusage, jährlich 50 000 Euro für die Betreuung der Sportler bereitzustellen. Wie wichtig ist das Haus für Bremen?

Das Haus der Athleten ist ein ganz wichtiger Baustein in der Leistungssportförderung. Breitensport und Leistungssport gehören für mich zusammen. Der Breitensport braucht Vorbilder, man braucht Ziele. Das Haus der Athleten ist eine zu gute Idee, um sie ein Luftschloss bleiben zu lassen.

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Unerfreulicher ist die Sportstättensituation in der Stadt. Gibt es aufgrund gestiegener Kosten und weglaufender Zeitpläne bei den Bädern in Walle und Horn vielleicht ­wieder Überlegungen, das Unibad zu sanieren?

Nein! Wir haben das Bäderkonzept beschlossen, der Abschied vom Unibad ist eingeläutet. Ich bin froh, dass wir unsere Bäder mit zweistelligen Millionensummen sanieren und das Unibad ersetzen, während andere Kommunen vielfach Bäder ersatzlos schließen.

Zuletzt hieß es, dass ein Stück Fläche beim Horner Bad verloren geht, zudem steigen die Eintrittspreise. Was müssen die Schwimmer noch befürchten?

Bauphasen sind immer unangenehm. Am Ende wird die Freude über das Neue überwiegen. Wir wollen ja auch die Schwimmmeister tariflich bezahlen, und das Wasser soll eine gute Temperatur haben. Das alles gibt es nicht zum Nulltarif. Trotzdem wollen wir die Preise für Kinder und Jugendliche deutlich senken.

Aktuelles großes Problem sind die Kunstrasenplätze, auf denen Kleinplastikteilchen gefunden worden sind. Was sagen Sie Vereinen, die auf ihre Plätze angewiesen sind und kein Geld haben zu sanieren?

Niemand muss fürchten, dass sein Platz geschlossen wird. Fast alle Kunstrasenplätze sind auf städtischen Anlagen, und alle 15 Jahre muss ohnehin saniert werden. Das Problem erscheint größer als es ist.

Könnte das Thema dafür sorgen, dass mehr Geld für den Sport nötig ist?

Das hängt von den Übergangsfristen ab. Wir müssen unsere Sportstätten ja sowieso weiter sanieren und drängen darauf, dass die Sporthallen an Schulen weiter nach oben rutschen in den Prioritätenlisten.

Der Runde Tisch Schulsport stellte gerade wieder fest, dass ein Großteil des Sportunterrichts an Grundschulen in Bremen von fachfremden Lehrern erteilt wird. Man müsste doch den Sportstudiengang sofort wieder einsetzen, oder?

Ich habe darauf gedrängt und Verbündete gefunden im damaligen Senat. Mit dem Wissenschaftsplan ist die Einführung des Sportstudiengangs beschlossen worden. Die Uni ist jetzt gefordert, ein Konzept vorzulegen. Und ich glaube, da wird auch Energie an den Tag gelegt, das fix zu starten.

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Aber Sie wagen keine Prognose?

Nein, das ist ja nicht mein Ressort.

Sie sind bis Ende 2020 Vorsitzende der Sportministerkonferenz. Wo werden in der verbliebenen Zeit Ihre Schwerpunkte liegen?

Wir bereiten gerade die große Sportministerkonferenz im Herbst in Bremerhaven vor. Wir wollen sexuellen Missbrauch thematisieren und arbeiten an einer Bremer Erklärung zum Thema LGBTIQ, also zu geschlechtlicher Vielfalt. Das ist immer noch ein Tabuthema im Sport. Da geht es um praktische Fragen wie die Umkleidekabinen oder darum, wie mit Ressentiments gegenüber schwulen oder lesbischen Vereinsmitgliedern umgegangen werden kann.

Das Gespräch führten Carolin Henkenberens und Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Anja Stahmann ist Bremens Senatorin für Soziales, Jugend, Integration und Sport. Die Diplom-Sozialwirtin wuchs in Bremerhaven auf und ist seit 2011 Senatorin. Sie lebt mit ihrer Familie in Walle.

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