20 Jahre SOS-Kinderdorf Bremen

Kinder stärken und unterstützen

Seit 1999 - und damit von Beginn an - leitet die Diplom-Pädagogin Karin Mummenthey die Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf Bremen. Die Gesellschaft und die Bedarfe hätten sich seither stark verändert.
29.04.2019, 18:33
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Kinder stärken und unterstützen
Von Ulrike Troue
Kinder stärken und unterstützen

Dirk Böhling interviewt Karin Mummenthey beim Senatsempfang mit 130 Gästen in der Oberen Rathaushalle. Seit 20 Jahren leitet sie SOS-Kinderdorf Bremen.

Kuhaupt

„Wir wollen Lobbyist für Kinder sein, die Gesellschaft kinderfreundlicher gestalten“, bringt Karin Mummenthey ihren beruflichen Ehrgeiz auf den Punkt. Seit 1999 – und damit von Beginn an – leitet die Diplom-Pädagogin die Hilfsorganisation SOS-Kinderdorf Bremen.

Als sie ihre Arbeit aufgenommen hat, waren an fünf Standorten 25 Mitarbeiter tätig. Aus seinerzeit eigenständigen Wohngruppen für Jugendliche und junge Erwachsene hat sich in diesen 20 Jahren ein dezentrales Netzwerk für Kinder, Jugendliche und Familien mit 18 Angeboten an 13 Standorten mit 136 Mitarbeitern entwickelt.

Die Gesellschaft und Bedarfe haben sich aus Sicht der Einrichtungsleiterin stark verändert. Früher lag der Schwerpunkt auf der Betreuung von Jugendlichen in Wohngruppen. „Unsere größte Zielgruppe heute sind Familien mit kleinen Kindern“, sagt Mummenthey. Es gibt inzwischen viele Kinder, Jugendliche und Familien, die in einer schwierigen sozialen Lage stecken und Hilfe benötigen. Deshalb werden im 2011 eröffneten SOS-Kinderdorfzentrum in der Neustadt gezielt für sie Beratungs-, Förderungs- und Unterstützungsangebote gemacht.

"Wir befördern individuelle soziale Netzwerke"

Als inhaltlicher Schwerpunkt hat sich für die SOS-Fachkräfte nach Aussage von Mummenthey die Arbeit mit den leiblichen Eltern der Kinder und Jugendlichen herauskristallisiert: „Vor allem die Begleitung im Bereich Schul- und Berufsausbildung.“ Durch veränderte Familienstrukturen bräuchten vor allem Alleinerziehende „besondere soziale Netzwerke“, um in der heutigen Gesellschaft bestehen zu können, weil Großeltern oder andere Verwandte oft nicht mehr greifbar seien.

„Wir befördern individuelle soziale Netzwerke“, zählt die Neustädter Leiterin neben der Prävention die Vernetzung als eine wesentliche Aufgabe von SOS-Kinderdorf Bremen auf. Es sei wichtig, niedrigschwellige Angebote zu machen, die allen offen stehen und oft kostenlos sind, betont Mummenthey. „Dadurch entstehen Kontakte.“ Sie könnten Familien den Alltag erleichtern, zur Selbstorganisation, Selbsthilfegruppen oder neuen Freundschaften führen.

Dass die rund 1600 Quadratmeter Fläche der alten Stadtteilbibliothek in der Neustadt mit so viel Leben gefüllt werden konnte, ist laut Mummenthey nicht zuletzt dem Mütterzentrum zu verdanken. Als der Platz für Verwaltung und Bereichsleiter von SOS-Kinderdorf Bremen am ersten Standort in der Pappelstraße zu knapp wurde, hatte der Verein bei ihr angefragt, ob sie die große Immobilie an der Friedrich-Ebert-Straße 101 gemeinsam nutzen wollen, wenn das Gebäude entsprechend umgebaut würde. Diese Kooperation ist schließlich zur Erfolgsgeschichte geworden. „Die meisten Menschen erreichen wir hier im Haus“, berichtet Mummenthey.

Lesen Sie auch

Allein im vergangenen Jahr kamen über 69 000 Gäste. Das SOS-Kinderdorfzentrum hat sich als Stadtteil- und Familienzentrum etabliert, wird von jungen wie älteren Menschen unterschiedlicher Kulturkreise gut angenommen. Café, Offener Treff, Sprachcafé und einige Kurse können nach Angaben der Einrichtungsleiterin im Wesentlichen durch Spenden finanziert werden. Und solch ein vielfältiges Angebot könne nur dank der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit vielen Kooperationspartnern gemacht werden. Unverzichtbar seien vor allem auch die derzeit 114 ehrenamtlichen Helfer.

Das meiste Geld fließt laut Mummenthey in die vier Wohngruppen im Stadtgebiet und in eine weitere Einrichtung in Verden. Weil sie zu den Regelleistungen des Staates zählen, werden Wohngruppen ebenso wie die Ambulanten Hilfen für Familien und die Heilpädagogische Tagesgruppe durch das Jugendamt finanziert. In den fünf Wohngruppen von SOS-Kinderdorf Bremen leben zurzeit 68 Kinder und Jugendliche. „Jede Wohngruppe sieht anders aus und hat einen anderen Tagesablauf“, sagt die pädagogische Fachkraft.

Dieser gestalte sich genauso wie in einer herkömmlichen Familie: gemeinsame Mahlzeiten, Hausaufgaben und Treffen mit Freunden aus der Nachbarschaft. Während die Kindergruppen mit maximal acht Plätzen belegt werden, können es in Jugendgruppen sieben bis zehn sein. Die Erzieher und Sozialpädagogen sind rund um die Uhr für die Kinder und Jugendlichen da, die vom Jugendamt vermittelt worden sind. Sie haben „oft Traumatisierung erlebt“, so Mummenthey, sie müssten beschützt werden.

Die Nähe zu den Familien

Die Diplom-Pädagogin, die in einer gut behüteten Lebenssituation aufgewachsen ist, wollte schon 1981 während ihres Studiums ein sogenanntes Kleinstheim gründen, weil sie bestehende Einrichtungen nicht „kinder- und jugendgemäß“ fand. Die Individualität der Kinder und Familien soll im Vordergrund stehen, so Mummenthey. Seither setzt sie sich dafür pragmatisch und konsequent ein. Bei SOS-Kinderdorf habe sie die direkte Beziehung, Privatheit und Individualität gefunden, weil die Hilfsorganisation „Kinder und Familie in den Mittelpunkt stellt“, Karin Mummenthey auf ihren ersten Job für SOS-Kinderdorf in der Organisationsberatung in München zurück. Darüber ist sie nach Bremen gekommen.

„Die Neustadt ist mir inzwischen ans Herz gewachsen“, bekennt die Einrichtungsleiterin, die 1956 geboren ist, im Flüsseviertel lebt und gern zu Fuß zur Arbeit geht. Die Nähe zu den Familien ist zugleich ein ausschlaggebendes Argument dafür, dass SOS-Kinderdorf Bremen im Laufe der Zeit die Beratungs-, Förder- und weitere Unterstützungsangebote dezentralisiert und ausgeweitet hat. Als ein Beispiel liefert Mummenthey die Einzelberatung für Mütter in der Frühberatungsstelle Süd in Huckelriede, um ihnen den sicheren Umgang mit ihrem Kind zu ermöglichen. Solche Angebote sind finanziell gesichert. „Es besteht in Bremen der politische Wille, für kleine Kinder eine besondere Infrastruktur zu schaffen“, berichtet sie – und ist sehr froh darüber.

Gleichwohl sei Bremen ein armes Land, fährt sie fort. Die Leitung einer sozialen Einrichtung im Stadtstaat sei heute „eine Herausforderung, weil es immer schwieriger wird, was die Finanzierung angeht". Deshalb ist für die SOS-Kinderdorf-Leiterin Kooperation die Parole für die Zukunft. „Ich glaube, dass Institutionen und Akteure im Sinne der Familie besser zusammenarbeiten müssen“, wünscht sich Mummenthey. „Wir können noch viel mehr erreichen, wenn wir vernetzter handeln.“

Weitere Informationen

SOS-Kinderdorf Bremen veranstaltet am Sonntag, 23. Juni, von 14 bis 17 Uhr ein Sommerfest in und vor dem SOS-Kinderdorfzentrum, Friedrich-Ebert-Straße 101, mit Mitmach-Aktivitäten für die ganze Familie. An diesem Tag wäre Hermann Gmeiner, Gründer der SOS-Kinderdörfer, 100 Jahre alt geworden.

Menschen, die das SOS-Kinderdorf Bremen in irgendeiner Form von ehrenamtlichem Engagement unterstützen möchten, können sich unter der Telefonnummer 597 12 15 melden. Wer die Arbeit mit einer Spende unterstützen möchte, erfährt mehr unter der Telefonnummer 597 12 30.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+