Erlebnispädagogik im Hinterhof Bremer Kinder- und Jugendhaus verlegt seinen Betrieb nach draußen

Wie schützt man Kinder, Jugendliche, Mitarbeiter und Ehrenamtliche am besten vor Corona? Das Team im Kinder- und Jugendhaus Ratzeburger Straße setzt seit einem Jahr auf frische Luft – egal, wie das Wetter ist.
22.02.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Bremer Kinder- und Jugendhaus verlegt seinen Betrieb nach draußen
Von Anne Gerling

Wie können Kinderbetreuung und offene Jugendarbeit in Zeiten von Corona so weiterlaufen, dass sich alle sicher fühlen? Nachdem in der „Ratze“ – dem Kinder- und Jugendhaus Ratzeburger Straße der Naturfreundejugend Bremen – über den Einbau größerer Fenster und die Anschaffung von Luftfiltergeräten diskutiert worden war, entschied sich das Team im März für ein so simples wie ungewöhnliches Sicherheitskonzept: „Wir gehen raus.“ Und zwar ausnahmslos – egal, wie das Wetter ist.

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„Einen langfristigen Infektionsschutz sahen wir an der frischen Luft am besten geboten“, erklärt Sozialpädagogin Nicole Siemers, „denn wir haben wirklich kleine Räume. Mit fünf bis 16 Kindern und vier Erwachsenen ist man da sehr schnell bei 20 Personen.“ So wurde nach dem ersten Lockdown das Außengelände – ein Hinterhof mitten im Wohngebiet am Waller Bahnhof – zum Gruppenraum für 15 Kita-Kinder, zwölf Hort-Kinder und die offene Jugendgruppe.

Vordach fürs Haus

Um mehr Platz zu haben, wurde ein Container abgebaut. Es wurden Sonnen- und Regensegel aufgehängt, ein kleines Vordach ans Haus angebaut, Pavillons aufgestellt, Stühle und Bänke auf dem Gelände verteilt, Felldecken genäht und eine Kuschelecke eingerichtet und mit einem Wasserkanister eine mobile Hand-Waschstation konstruiert. „Jeden Tag kam eine andere Idee dazu“, erinnert sich Sozialpädagogin Sophie Schleinitz.

Die Monate vergingen, die Kinder arbeiteten draußen mit Matsch und Farben. Als nach Regengüssen auf dem Fußballplatz ein See entstand, ließen sie darauf Boote fahren. In einem Sommerferien-Workshop wurde ein Hochbeet angelegt, im Herbst entstanden ein Blättersofa und ein Blättertrampolin, im Winter bauten die Kinder im Hof einen Iglu und kreierten Eis-Objekte. Die Größeren übten Seilspringen, Stelzenlaufen und Hula-Hoop und die Jugendlichen trafen sich draußen zum Kochen, zum Sport, zum Outdoor-Kino – bei Kälte mit Decken und Wärmflaschen – oder zum Lagerfeuer.

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Alle machten dabei Erfahrungen; die Kita-Kinder lernten zum Beispiel, dass kalte Hände auch wieder warm werden. Auch für ihre Eltern – die das Gelände nun nicht mehr betreten durften – sei der Wechsel nach draußen ein Lernprozess gewesen, erzählt Schleinitz. Das Team dokumentierte für sie anfangs sämtliche Aktivitäten mit der Kamera und hängte draußen am Holzzaun Fotoreportagen auf: „So konnten die Eltern sehen, was ihre Kinder machen und dass sie sich wohl fühlen. Sie haben gemerkt, dass ihre Kinder gerne herkommen und auch nicht krank wurden.“ Anders als sonst nämlich sei dieses Jahr kaum ein Kind verschnupft gewesen.

Es gibt bekanntlich kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Deshalb wurde von Anfang an im Austausch mit den Eltern auch daran gearbeitet: Erst wurde Regenbekleidung angeschafft, später Schneeanzüge und außerdem Wechselklamotten gesammelt. Im Herbst strickten Freunde und Nachbarn viele kleine Pullunder und Pulswärmer.

Hausaufgabenhilfe per Videokonferenz

Auch das Team lernt kontinuierlich dazu und hat nicht nur „seine“ Jugendlichen, sondern auch diejenigen Kollegen digital ins Haus geholt, die Risikopatienten sind: Sprachbildung und Hausaufgabenhilfe sind auch per Videokonferenz möglich. „Für einige Ehrenamtliche wäre es sonst ein Jahr Einsamkeit geworden“, sagt Schleinitz.

Rückblickend sind alle froh über den eingeschlagenen Weg. „Bei steigenden Inzidenzzahlen einfach alles nach draußen verlegen – das funktioniert nicht“, ist Schleinitz überzeugt: „Es müssen gemeinsame Rituale entwickelt werden und die Abläufe sind anders. Das Gute an Corona ist, dass man viel ausprobieren kann. Und: Wir haben noch nie so wenig gemeckert wie seit Corona. Die Kinder sind entspannter und streiten weniger.“

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