Naturschutz auf Bremens Stadtwerder

In der Wildnis

Klaus Milde könnte seinen Ruhestand genießen. Stattdessen ist er täglich in der Kinderwildnis und vermittelt seine Liebe zur Natur an die jüngeren Generationen. Heute ist der Platz ein bisschen wie er selbst.
28.09.2020, 19:18
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
In der Wildnis
Von Simon Wilke
In der Wildnis

Klaus Milde ist Ehrenamtler beim BUND Bremen.

Christina Kuhaupt

Wie wird man eigentlich zu einem Naturschützer – einem radikalen noch dazu? Denn radikal ist es irgendwie schon, das Leben von Klaus Milde, wenn auch im besten Sinne. Kümmern, pflegen, Wissen vermitteln; total engagiert, an jedem Tag, obwohl längst verrentet. Seit drei Jahren arbeitet er auf dem Stadtwerder. Als Ehrenamtler beim Bremer Ableger des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) ist er Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Kinderwildnis beim Café Sand. Längst ist die fast zwei Hektar große Fläche zu einer Art Zuhause für ihn geworden. Hier sieht er, welche Früchte seine Arbeit trägt, hier kann er seine Begeisterung für die Natur und seine Bewohner an die Jüngsten weitergeben.

Wie wichtig er hier ist, wird schnell deutlich. Im Minutentakt hilft er aus: mit einem Schlüssel zum Hühnerfutter hier, einer schärferen Gartenschere dort oder einem Hinweis, was noch getan werden könnte. Dabei ist er weder gelernter Landwirt noch Gärtner. Klaus Milde ist in Flensburg aufgewachsen. In den 50er-Jahren, mit Blick auf die Möwen über der Förde und einer Schule, in der man noch zum Appell antreten musste und auf saubere Fingernägel kontrolliert wurde. „Da stand immer der Rohrstock in der Ecke – ich habe es gehasst“, sagt er heute.

Bremen, das Paradies

Vermutlich hatte es weniger mit dem Ortswechsel als mit den gesellschaftlichen Veränderungen im Jahr 1967 zu tun, aber der Umzug nach Bremen bedeutete für Klaus Milde einen Neustart. Progressiver war es in der Hansestadt, demokratischer. „Ich kam in ein Paradies“, sagt Klaus Milde. In diesem Paradies bahnten sich damals die sogenannten Straßenbahnunruhen an, Schülerproteste gegen Fahrpreiserhöhungen und für mehr Mitbestimmung. Milde politisierte sich, wurde Chefredakteur zweier Schülerzeitungen und, da „wenig zimperlich“, schnell unbeliebt beim Direktor seines Gymnasiums.

Mit 17 war er zu Hause ausgezogen, „durchs Klofenster raus und nicht wieder gekommen“, und auch die Schule hatte er noch vor Ende der neunten Klasse verlassen. Stattdessen wohnte er in einem besetzten Haus und wehrte sich gegen den Bau einer Hochstraße durchs Ostertor, und zwar mit „absoluter Gewalt“, sagt er lachend. „Ich hätte damals alles dafür getan.“

Mit schlechtem Gewissen

Doch irgendwann machte es Klick. Ein lichter Moment, wie er es nennt, brachte ihn dazu, seine Zeugnisse als Hauptschulabschluss anerkennen zu lassen, guten Beziehungen sei Dank. Während er als Lagerarbeiter sein Geld verdiente, absolvierte er die Abendschule, um seinen Realschulabschluss zu machen. Es folgte eine typisch norddeutsche Karriere: die Lehre als Maschinenbauer, die Ausbildung zum Techniker und die Arbeit als Konstrukteur – 30 Jahre im Schiffsbau, manchmal 12 Stunden am Tag, während der Bauch wuchs und das schlechte Gewissen ob der Dienstreisen in Auto und Flugzeug gleich mit. Als die erste Möglichkeit kam, in Rente zu gehen, ergriff er sie.

Fünf Jahre ist das her. Heute fährt er nur noch Fahrrad, ist wieder erschlankt und die meiste Zeit des Tages an der frischen Luft, in der Kinderwildnis des BUND. Nicht nur, aber vor allem. Sein persönlicher Luxus ist längst nicht mehr das neue Auto in der Garage, sondern die täglichen Besuche in Straßencafés. Geblieben sind die politischen Überzeugungen, ohne aber Parteimitglied zu sein. Vielleicht, weil er den Geist seiner Jugend nicht ganz abgelegt hat. Kompromisse machen beim Klimaschutz? „Das habe ich mir abgewöhnt“, sagt er. Denn auch, wenn er eine Veränderung des Bewusstseins feststellt, zu langsam geht es ihm trotzdem noch.

Lesen Sie auch

Er trägt seinen Teil bei. Setzt sich in verschiedenen Verbänden ein für eine grünere Stadt mit weniger Autos und besserem Radverkehr. Und dann ist da natürlich noch das, was man Umweltbildung nennen könnte, wenn das nicht so professionell klingen würde. Klaus Milde hat sich selbst fortgebildet; Schritt für Schritt gelernt, wie man Beete anlegt, Grün pflegt und Kinder dafür begeistert. Er hat dabei Fehler gemacht und aus ihnen gelernt, und er hat den Honorarkräften des BUND über die Schultern geguckt, die regelmäßig Veranstaltungen in der Kinderwildnis begleiten. Heute spannt er schon mal Jungs und Mädchen spontan zum Bau von Hochbeeten ein oder zum Hühnerfüttern im wildniseigenen Gehege.

„Wer die Natur nicht liebt, kann sie nicht schützen“, erklärt er seinen Antrieb. Und die Kinder danken es ihm mit ihrer unbefangenen Art und dem ungespielten Interesse, das Klaus Milde so sehr schätzt. Er legt wert auf ein Gemeinschaftsgefühl, weil das Generationen verbindet – die Kinder, die Studentinnen, die sich hier engagieren, aber auch die Rentner, wie er einer ist.

Ein bisschen wild

„Ich versuche zu lenken, aber niemanden abzuweisen“, beschreibt er seinen Umgang mit Kindern und Interessierten. Einmal, beispielsweise, sprach ihn eine Frau an, weil sie die Brennnesseln auf dem Platz entfernen wollte. Während Milde heute von sich erzählt, schneidet dieselbe Frau das hohe Gras in einem der Beete, um die Nesseln herum, die Insekten als Nahrung dienen. Sie ist jetzt eine der zwölf Ehrenamtlichen, die das Gelände gestalten.

Und so ist die ehemalige Kuhweide auf dem Stadtwerder Stück für Stück zum Abbild von Klaus Milde geworden. Ihr Charakter jedenfalls ist ähnlich: ein bisschen wild muss sein. Manchmal, wenn er Lust hat, kann man ihn schon morgens um sechs hier treffen. Er sitzt dann auf der selbstgebauten Bank neben dem Wildblumenbeet und schaut zu, wie sich der Nebel über den Gräsern lichtet, sich die Hasen ins Gebüsch zurückziehen und lauscht, wie die Spechte klopfen. Und manchmal kreischen auch die Möwen, wie damals in Flensburg.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+