Laden an der Graf-Moltke-Straße Nach 34 Jahren: Mit Adda Koepke geht ein Stück Bremer Kiosk-Kultur

Kiosk als Konstante: Seit 34 Jahren versorgt Adda Koepke ihre Kunden – jetzt hört sie auf. Einen Nachfolger gibt es für den Laden in der Graf-Moltke-Straße bereits.
30.01.2021, 14:44
Lesedauer: 4 Min
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Nach 34 Jahren: Mit Adda Koepke geht ein Stück Bremer Kiosk-Kultur
Von Jürgen Hinrichs

Die Kasse, ein Uraltmodell, lässt sie immer offen stehen, jetzt sowieso, die Kasse ist kaputt, und wozu noch reparieren, lohnt nicht mehr. Ein paar Mal schon, dass sie überfallen wurde, und dann ist es besser, glaubt Adda Koepke, keine Sperenzien zu machen: Geld? Bitte, hier ist es. „Hauptsache, ich komme da heil raus“, sagt die Kioskbesitzerin, „es ist nicht schön, in den Lauf einer Waffe zu gucken.“ Das Geld, egal, außerdem ist es versichert. In 34 Jahren, so lange ist sie dabei, passiert so etwas schon mal. Groß was hergemacht hat sie davon aber nie.

Die 71-Jährige erzählt lieber von ihrem Alltag hinter dem kleinen Tresen, der an diesem Tag mit frischen gelben Tulpen geschmückt ist, die keck aus der Vase lugen. Sie erzählt von dem großen Spaß, den sie hatte, den „tollen Jahren“, für die sie sich auf einem Zettel neben der Kasse bei ihren Stammkunden bedankt. Die Blumen auf dem Tresen werden halten bis zuletzt, bis der Schlüssel umgedreht wird. Feierabend, endgültig. Adda ­Koepke hört auf. An diesem Samstag ist der letzte Tag.

Kiosk in der Graf-Moltke-Straße ist eine Bremer Institution

Eigentlich undenkbar, jedenfalls für die Leute aus der Nachbarschaft, die regelmäßig bei ihr einkaufen: Zeitung oder Zeitschrift, was Süßes, Zigaretten, Bier und Sprudel, Schreibwaren, was man so braucht. „Die Kunden könnten das auch woanders kriegen, sie holen es aber bei mir.“ Adda Koepke, die ihren Kiosk in der Graf-Moltke-Straße hat, ist eine Institution. Kein zu großes Wort, nur die Wahrheit: Der Laden, vielleicht zwölf Quadratmeter, gehört dazu, ihre Besitzerin allemal. „Ich habe hier Kinder gehabt, die kommen heute mit ihren eigenen Kindern.“ Der Kiosk als Konstante, selbst wenn Corona ist und die Menschen mit ihren Masken draußen brav warten, bis sie dran sind.

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„Guten Tag“, grüßt eine Kundin, als sie eintritt, „so viel Zeit muss sein.“ Klar, muss. „Und sonst?“, antwortet Koepke, „läuft alles?“ So reden sie, wie alte Bekannte, was die beiden Frauen ja auch sind. Dreimal die Woche zum Kiosk, ein festes Ritual. Die Kundin, 73 Jahre alt, kauft eine Zeitung, „ist ja jeden Tag was Neues wegen Corona“. Sonst nimmt sie auch schon mal eine Zeitschrift mit, solche mit Kochtipps oder etwas über Römer und Germanen, heute aber nur die Zeitung. Wenn’s mal nicht passt, steckt Koepke ihr ein Exemplar in den Briefkasten, ist ja gleich um die Ecke.

Es hat zu regnen angefangen. Die Kundin widerspricht. „Das kann nicht sein“, behauptet sie, „mein Smartphone sagt was anderes.“ Den Schirm, der ihr angeboten wird, lehnt sie ab: „Zur Not setze ich mir die Maske auf.“ So geht das hin und her, die Frauen lachen. „Wir sind ein Team“, sagt die Kundin. Nicht mehr lange allerdings, sie weiß das: „Ein bisschen graut mir davor, es gibt Typen, die gibt es nicht wieder.“ Adda Koepke schaut, nicht traurig, aber aufmerksam. Sätze, die sie in diesen Tagen häufig hört.

Ihr Kiosk bringt Adda Koepke nicht mal Mindestlohn

Gelernt hat die gebürtige Bremerin Bürokaufmann, die weibliche Form wurde damals noch nicht benutzt. Später, als Angestellte einer großen Firma, sollte sie plötzlich in Hamburg oder Hannover eingesetzt werden. Ihr Ehemann, der nicht mehr lebt, war Schichtarbeiter bei den Stahlwerken, sie hätten sich kaum noch gesehen. Darum die Idee mit dem Kiosk, er war gerade frei geworden, ein Versuch, mal sehen. Seitdem steht Adda Koepke jeden Tag während der Woche in ihrem kleinen Reich – von morgens um sieben bis abends um sechs, unterbrochen von zwei Stunden Pause. Am Samstag nur bis Mittag, sonntags gar nicht.

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Sie hätte längst zu Hause bleiben können, „ich kriege Rente, und das reicht“, zumal die Arbeit im Kiosk keinen großen Verdienst abwirft, „noch nicht einmal Mindestlohn“. Aber immer, wenn dieser Gedanke hochkam, sie darüber sprach und nachdachte, hielten die Stammkunden dagegen: „Bleib doch noch!“ Und dann blieb sie eben. Doch irgendwann ist auch die längste Zeit lang genug, irgendwann reicht es, jeden Morgen um halb sechs aufzustehen, abends womöglich noch die Buchführung zu machen und überhaupt nur wenig Muße zu haben. „Genug ist genug“, sagt Koepke.

Adda Koepke geht, der Kiosk an der Graf-Moltke-Straße bleibt

Ein Mann kommt rein, seine Tochter im Schlepptau. Er steuert zielsicher auf das Regal mit den Zeitschriften zu und fischt eine heraus: „11 Freunde“, das Fußballmagazin. Die Tochter darf sich was aussuchen, „weiß nicht“, sagt sie. „Das weißt Du ja nie“, antwortet der Vater und lächelt. Das Mädchen nimmt sich schließlich einen Lolli. Nächste Kundin, eine Frau, die zunächst nur zur „Bild-Zeitung“ greift, es sich dann aber noch anders überlegt und dem Kiosk ordentlich Umsatz beschert: Zwei Stangen Zigaretten, Marke West, für zusammen mehr als 100 Euro. „Oh, das ist viel“, mimt die Frau Überraschung, denn sie weiß natürlich, was die Zigaretten kosten. Koepke kassiert und pariert den Spruch: „Ich habe ein einnehmendes Wesen.“

Einmal war das Ordnungsamt da. „Sie verkaufen keinen Kaffee, auch keine Brötchen?“, wunderten sich die Aufseher. Der Argwohn des Staates, er kann nicht anders. Die Antwort war entwaffnend einfach: „Das geht hier andersherum“, sagte Koepke. Kaffee, Kekse, auch mal Pfannkuchen oder einen Wurzelsalat – das kaufen die Kunden nicht, sie bringen es. Nahversorgung für die Nachbarin.

Adda Koepke holt unterm Tresen eine angebrochene Packung Butterkekse hervor, die sind für die Kinder, wenn sie kommen. Für Hunde gibt’s auch was, die Schachtel mit Gratisfutter ist noch halb voll. Gut möglich, dass der Nachfolger, es gibt einen, so klug ist, das beizubehalten. Der Kiosk als Konstante, dann aber ohne Adda Koepke.

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