Nach Latzel-Predigt

Kirche in der Krise

Der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) sieht derzeit keine Notwendigkeit, disziplinarische Schritte gegen den umstrittenen Pastor Olaf Latzel einzuleiten.
13.02.2015, 20:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Kirche in der Krise
Von Christian Weth
Kirche in der Krise

Krisenstimmung: Edda Bosse, Präsidentin der Bremischen Evangelischen Kirche, und Pastor Renke Brahms, leitender Theologe.

Christina Kuhaupt

Edda Bosse redet nichts schön. Die Kirche, sagt die Präsidentin, steckt in der Krise. Und schuld daran ist eine Predigt. Gegen Pastor Olaf Latzel, der sie gehalten hat, will die Kirche dennoch nicht vorgehen. So hat es jetzt ein Ausschuss entschieden. Keine disziplinarischen Schritte, keine Änderung der Verfassung, um einen Pastor suspendieren zu können. Dafür gibt es aber vielleicht eine Debatte in der Bürgerschaft: Die Linken fordern ein politisches Bekenntnis gegen Hetze von der Kanzel.

Lange hat der Kirchenausschuss getagt. Fünf Stunden. Die Hälfte der Zeit haben die Mitglieder allein über dieses Thema diskutiert: Pastor Olaf Latzel und seine umstrittene Predigt vom 18. Januar – und wie die Bremische Evangelische Kirche mit ihm und ihr umgehen will. Herausgekommen ist ein Papier, das beidseitig bedruckt ist und sieben Punkte enthält. Einer davon stellt klar, dass die Landeskirche nicht mehr nur einzelne Passagen der Predigt kritisiert wie bisher, sondern den gesamten Duktus.

Konsequenzen der Kirche braucht der Pastor der St.-Martini-Gemeinde in der Innenstadt trotzdem nicht zu fürchten. Das machen andere Punkte deutlich: zu disziplinarischen Schritten und zu einer Änderung der Kirchenverfassung, um einen Pastor kündigen zu können. Beides verwirft der Ausschuss, weil beides nicht notwendig sei, zumindest aus derzeitiger Sicht. Sollte die Staatsanwaltschaft zu dem Schluss kommen, dass sich Latzel der Volksverhetzung strafbar gemacht hat, dann will die Kirche reagieren. Laut Staatsanwalt Frank Passade wird die Predigt noch ausgewertet.

Die hat die Kirche regelrecht in eine Krise gestürzt. Es ist Präsidentin Edda Bosse, die das sagt. Sie erklärt an diesem Freitagmorgen den Medien, warum der Ausschuss so entschieden hat: „Kirche steht für Dialog, nicht für Strafe.“ Darum müssten die Gemeinden jetzt aushalten, dass es einige wenige an Respekt anderen Religionen gegenüber fehlen ließen. Bosse hofft, dass eine Debatte darüber entbrennt, was Kirche will und was nicht. Für einen Diskurs seien bereits mehrere Veranstaltungen in Planung.

Dass andere in der Kirche nicht bloß reden wollen, sondern Taten fordern, ist Pastor Renke Brahms bewusst. Der leitende Theologe der Landeskirche sitzt bei der Präsentation der Ausschussergebnisse neben der Präsidentin und kündigt an, gleich im Anschluss mit den Mitarbeitervertretern des Kirchenpersonals zu sprechen. Die haben nicht nur eine Resolution gegen Fremdenhass verfasst, sondern fordern auch arbeitsrechtliche Konsequenzen für Latzel.

Einer von ihnen ist Christian Gloede. Er bedauert, dass die Kirchenführung nicht schon früher mit den Personalvertretern gesprochen hat. Gloede findet es zwar gut, dass jetzt eine theologische Debatte in Gang kommen soll. Er befürchtet jedoch, dass das nicht reicht. Zum einen, weil jetzt weitere konservative Gemeinden es Latzel nachmachen könnten, wenn seine Predigt ohne Folgen bleibe. Zum anderen, weil der Prediger nicht zum ersten Mal auffällig geworden sei.

Brahms kennt die Geschichten über Latzel. Mehrfach, sagt er, habe er sehr ernste Gespräche mit ihm führen müssen. Einmal soll der Pastor einer Gastpastorin verboten haben, von der Kanzel zu predigen, weil eine Frau dort nichts zu suchen hätte. Ein anderes Mal ging es um Vorwürfe, der Prediger habe Mädchen und Jungen in einem Kindergarten mehrmals wiederholen lassen, dass Abtreibung Mord sei – damit sie es ihren Müttern und Vätern zu Hause auch ja richtig weitersagten.

Prediger bestreitet Vorwürfe

Latzel bestreitet sowohl das eine wie das andere. Er sagt es anders: Die Gastpastorin habe deshalb nicht von der Kanzel gesprochen, weil sie einen speziellen Trauergottesdienst hatte und die Statuten der Gemeinde es in diesem Fall untersagt hätten. Der Tote sei kein Mitglied der Bremischen Evangelischen Kirche gewesen. Genauso wenig stimme die Geschichte über seinen Besuch in einer Kindertagesstätte. Richtig sei, dass er dort über Abtreibung gesprochen habe. „Und das habe ich als Mensch, der das Leben bejaht, kritisch getan. Mehr nicht.“ Beide Fälle seien bei Treffen mit dem leitenden Theologen der Bremischen Evangelischen Kirche aufgeklärt worden.

Von der Stellungnahme des Kirchenausschusses ist Latzel enttäuscht. Die Führung der Landeskirche hat sich bereits für die Predigt entschuldigt, jetzt machen es auch die Ausschussmitglieder. „Aber kein Wort von einer Entschuldigung bei mir.“ Das habe er eigentlich erwartet. Schließlich sei er als Hassprediger beschimpft und mit Pierre Vogel gleichgesetzt worden.

Das machen die Linken nicht. Sie sprechen von Brandreden, und davon, dass gegen sie ein politisches Zeichen gesetzt werden muss. Und zwar von der Bürgerschaft. Sie fordern von ihr ein Bekenntnis gegen Hetze von der Kanzel. Ein entsprechender Antrag ist jetzt an den Landtag gegangen.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+