Erziehermangel

Kita Bremen reagiert auf Beschwerden

In vielen Bremer Kitas herrscht Betreuungsnotstand. Elternvertreter der Kita Haferkamp hoffen nach einer problematischen Einstiegsphase jetzt auf Besserung.
11.01.2018, 05:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Anne Gerling
Kita Bremen reagiert auf Beschwerden

Such in der Kita Haferkamp hat sich der Betreuungsnotstand bemerkbar gemacht.

Roland Scheitz

Utbremen. Wird mein Kind hier gut betreut, und sind überhaupt genügend Erzieherinnen und Erzieher da, um seinen und den Bedürfnissen aller Kinder voll und ganz gerecht werden zu können? Diese Fragen stellen sich angesichts von Betreuungsnotstand und Personalmangel inzwischen wohl so manche Mütter und Väter, wenn sie morgens ihren Nachwuchs in die Kita bringen. So auch eine Wallerin, deren Tochter seit August die Kita Haferkamp besucht. Während der Eingewöhnungsphase hat die Diplom-Psychologin und Elternsprecherin täglich längere Zeit mit ihrem Kind in der Einrichtung verbracht. Dabei ist ihr aufgefallen, wie knapp der Personalschlüssel dort ist: Nachdem gleich mehrere Mitarbeiter wegen Erkrankungen ausgefallen waren, wurden drei der vier Gruppen jeweils nur noch von einer Fachkraft betreut.

Beschwerdeschreiben an den Träger

Als es mit der kalten Jahreszeit wiederholt zu Grippewellen kam, spitzte sich die Situation sogar noch zu. Auch wenn sie das große Engagement der Erzieherinnen ausdrücklich lobt – in den Augen der Elternsprecherin wurde die Situation nun so brenzlig, dass sie sich Mitte November mit einem offiziellen Beschwerdeschreiben an den Einrichtungsträger Kita Bremen gewandt hat. Darin schildern sie, es habe wiederholt Wochen gegeben, in denen zwei ausgebildete Erzieherinnen versucht hätten, den Betrieb in der Einrichtung aufrecht zu erhalten. Die Kitaleiterin habe Kräfte des von der Einrichtung betriebenen Horts in der Grundschule an der Melanchthonstraße eingesetzt, um wenigstens die Kinder berufstätiger Eltern betreuen zu können. Kinder nicht berufstätiger Eltern seien teilweise gleich morgens wieder nach Hause geschickt worden oder mussten früher wieder abgeholt werden. „Das steht natürlich einer erfolgreichen Eingewöhnung deutlich im Wege.“ Unterm Strich leide – auch wenn der rechtliche Personalschlüssel erfüllt sei – in der Praxis die pädagogische Qualität, kritisiert die Elternvertreterin: „Die Erzieher haben alle Hände voll zu tun, ihrer Aufgabe der Aufsichtspflicht im offenen Konzept nachzukommen. Eine intensive pädagogische Beschäftigung und Förderung ist somit kaum umsetzbar, womit wir weit von dem Auftrag einer Bildungseinrichtung entfernt sind.“

Was die Elternsprecherin darüber hinaus bemängelt: Dass es nur wenige feste Bezugspersonen gebe, was gerade für neu einzugewöhnende Kinder, Unter-Dreijährige und fremdsprachige Kinder problematisch sei. Ein weiterer Kritikpunkt: Das offene Konzept der Einrichtung, bei dem die Kinder viel selbst gestalten können und freier unterwegs sind, sei zwar toll – mit dem aktuellen Betreuungsschlüssel aber schwer zu vereinbaren. Ohne ausreichende Unterstützung nämlich seien manche Kinder schnell orientierungslos und verloren.

Wünschenswert wäre nach Ansicht der Elternvertreterin auch, dass es genügend Kräfte und Zeit gebe, um den Kindern zum Beispiel bei Streit in Ruhe vermitteln zu können, wie man Konflikte löst. Werde dies versäumt, so komme es womöglich „vermehrt zu verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen unter den Kindern. Dies erhöht wiederum das alltägliche Stressniveau für die Erzieherinnen; was langfristig das Risiko weiterer Erkrankungen erhöht.“

Dass die Situation in der Kita Haferkamp nicht gerade wünschenswert ist, findet auch Petra Zschüntzsch; die stellvertretende Geschäftsführerin verantwortet bei Kita Bremen die Pädagogische Leitung. „Die zuständige Regionalleitung ist mit der Kitaleitung in regem Austausch und Kontakt, es gab aufgrund von Erkrankungen tatsächlich vermehrt Notdienste“, sagt sie. Es seien aber alle Stellen besetzt und der Vertretungspool ausgeschöpft.

Auf den Beschwerdebrief der Elternvertreterin hin seien in der Kita Haferkamp nun diverse personelle Veränderungen vorgenommen worden, so Zschüntzsch. Darüber hinaus seien auch konzeptionelle Überlegungen auf dem Prüfstand gelandet. Außerdem habe Kita Bremen die Regelungen für Notdienst-Tage in der Einrichtung geändert. An solchen Tagen werden weniger Kinder als sonst betreut. „In solchen Situationen muss dann die Leitung entscheiden, welche Kinder betreut werden können und welche nicht“, so Zschüntzsch. Hier sei üblicherweise Mindeststandard, dass ein Erzieher sich um 20 Kinder kümmert. In der Kita Haferkamp sei diese Zahl nun auf 16 gesenkt worden – auch, weil dort viele sehr junge Kinder und viele Kinder betreut werden, die kaum oder nicht gut Deutsch sprechen. Die Elternvertreterin ist angesichts dieser Maßnahme zwiespältig. Für die betreuten Kinder bedeute das natürlich eine Steigerung in der Betreuungsqualität, sagt sie – gleichzeitig seien damit dann aber auch noch mehr Kinder ohne Betreuung.

Situation hat sich entspannt

Die Maßnahmen greifen offenbar bereits; vorerst jedenfalls hat Petra Zschüntzsch für die Kita Haferkamp Entwarnung gegeben: „Die Situation scheint sich in den letzten Wochen zu entspannen.“ Diesen Eindruck bestätigt auch die Elternvertreterin. Ihr Kind sei inzwischen gut in der neuen Kita angekommen, sagt sie. Sie hofft nun, dass die schlimmste Krankheitswelle überstanden ist und dass sich in der Einrichtung bis zum nächsten Kitajahr im Sommer die Dinge so entwickeln werden, dass die Eingewöhnungsphase für die nächsten Kitakinder und ihre Eltern deutlich einfacher wird.

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