Betreuungssituation in der Kita Walljunioren

Kita-Eltern beklagen mangelnde Betreuung

Mit einem offenen Brief haben sich die Eltern der Kita Walljunioren an die Landesregierung gewandt. Vehement fordern sie vom Senat, endlich die Betreuungssituation zu verbessern.
22.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kita-Eltern beklagen mangelnde Betreuung
Von Frank Hethey
Kita-Eltern beklagen mangelnde Betreuung

Die Betreuungssituation in den Bremer Kitas kritisieren die Eltern der Kita Walljunioren. In einem offenen Brief an den Senat sprechen sie jetzt Klartext.

Frank Thomas Koch

Von akuten Missständen ist die Rede und einer Zumutung für alle Beteiligten: In einem offenen Brief an Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) beklagen die Eltern der Kita Walljunioren die Betreuungssituation nicht nur in ihrer Einrichtung, sondern in den Bremer Kitas insgesamt. Die aktuelle Lage nehme „mitunter unerträgliche Ausmaße“ für Eltern und Erziehungspersonal an. Im Zentrum der Kritik stehen ein „zu gering gefasster Betreuungsschlüssel“ und ein „seit langem bestehender Fachkräftemangel“. Die Verfasser des dreieinhalbseitigen Schreibens wollen wissen, was die Landesregierung aktuell unternehme, um aus einer „reinen Kinderbetreuung“ eine frühkindliche Erziehung zu machen.

Der offene Brief zeichnet ein dramatisches Bild: Eltern seien am Ende ihrer Kräfte und finanziellen Möglichkeiten. „Zum Teil stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel, weil Kinder nicht betreut werden können“, schreiben die Verfasser Lotta von Bötticher, Katharina Zerlik und Daniel Günther. Nach ihrer Beobachtung macht sich zusehends eine gereizte und nervöse Stimmung breit, die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Eltern wie auch unter den Eltern werde „zunehmend angespannter“. Die Eltern seien so verzweifelt, dass es mittlerweile Überlegungen gebe, die Kinderbetreuung in den Kita-Räumen selbst in die Hand zu nehmen.

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In ihrem Schreiben unterstreichen die Verfasser, dass sich ihre Klagen nicht auf die Sondersituation beziehe, die durch die Corona-Pandemie entstanden sei. Vielmehr handele es sich um ein „Grundsatzproblem“. Die Qualität der Kinderbetreuung leide aufgrund struktureller Probleme. „Die Kitas werden offenbar mit Vorgaben und Regelungen überzogen, deren Einhaltung zulasten der pädagogischen Arbeit geht.“ Die Folge: Durch den gravierenden Personalmangel seien die Mitarbeiter chronisch überlastet.

Diese ohnehin schwierige Situation hat sich nach Angabe der Eltern durch die Corona-Pandemie noch zusätzlich verschärft. Auch nach Ende des Lockdowns komme es weiterhin zu Kita-Ausfällen, weil es keine Vertretungen im Krankheits- oder Urlaubsfall gebe. Der stark gestiegene Krankenstand beim Kita-Personal sei mit dem aktuellen Personalschlüssel und angesichts der Corona-Auflagen nicht aufzufangen. Das Ergebnis: Eingewöhnungen neuer Krippenkinder zögen sich wegen ständiger Unterbrechungen über Monate hin, immer wieder komme es zu kurzfristigen Betreuungsausfällen für ganze Gruppen.

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Helfen können aus Sicht der Eltern nur mehr Fachkräfte. Doch aktuell seien keine Verbesserungen oder Anreize zu erkennen, um junge Menschen für den Erzieherberuf zu gewinnen. „Vielmehr haben wir Eltern den Eindruck, dass Kinder für Ihre Regierung eher ein Kostenfaktor sind, ganz sicher aber keine Priorität haben.“ Eine Aussage, der das Bildungsressort mit Hinweis auf das Gute-Kita-Gesetz widerspricht. Ab dem laufenden Kita-Jahr 2020/21 würden mehr personelle Ressourcen in Kitas mit besonderen Herausforderungen in sozial und wirtschaftlich benachteiligten Stadtteilen eingesetzt. Zudem sei aufgrund der Pandemie-Auswirkungen zusätzliches Personal finanziert und eingestellt worden.

Ein Indiz für mangelnden Enthusiasmus aufseiten des Senats sehen die Eltern in der Zeitdauer von Stellenneubesetzungen. Derzeit dauere es bis zu neun Monate, bis eine freie Stelle besetzt werde. Als „nicht repräsentativ“ bezeichnet diese Zeitangabe indessen Annette Kemp, Sprecherin des Bildungsressorts. Bei einem Besetzungsverfahren spielten auch noch andere Faktoren eine Rolle: die Rahmenbedingungen beim Träger, die Attraktivität des Trägers oder der Einsatzort.

Den positiven Eindruck, den die Studie der Bertelsmann-Stiftung über die Krippen-Situation in Bremen vermittelt hatte (wir berichteten), wollen die Briefautoren nicht gelten lassen. Fälschlicherweise werde von acht Kindern pro Gruppe ausgegangen. In den Bremer Kita-Richtlinien seien aber in Ausnahmen zehn Kinder erlaubt. „Diese Ausnahme ist aufgrund der starken Nachfrage an Krippenplätzen jedoch zur Regel geworden, was von Ihrer Behörde geduldet wird“, so der Vorwurf der betroffenen Eltern.

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Das Bildungsressort bestätigt zwar die Zehnerregel. Betont aber, dies sei immer auch an entsprechende räumliche Voraussetzungen geknüpft. Bei der Schaffung weiterer Kita-Plätze würden die Räumlichkeiten so geplant, dass „die Möglichkeit von zehn Kindern in einer Krippengruppe“ berücksichtigt sei, so Ressortsprecherin Kemp. Eine „totale Berechtigung“ attestiert Ilse Wehrmann dem Elternbrief.

Das Schreiben zeige die Ohnmacht der Eltern angesichts der vorherrschenden Zustände, sagt die Sachverständige für Frühpädagogik. In ihren Augen müssten die zuständigen Behörden endlich eine Task Force bilden, um die dringendsten Aufgaben anzupacken und die Abläufe zu beschleunigen. Eine Stabsstelle beim Bürgermeister wäre in ihren Augen eine adäquate Antwort auf die Kita-Problematik. „Ich würde mir mehr Leidenschaft für Kinder wünschen“, sagt Wehrmann.

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Als konkretes Beispiel für Verbesserungspotenzial nennt Wehrmann die Dauer behördlicher Genehmigungsverfahren. „Ein großes Problem ist, wie lange private Träger auf Baugenehmigungen warten müssen.“ Bisweilen ziehe sich die Wartezeit ein bis eineinhalb Jahre hin. Im Falle der Kita Walljunioren seien sogar drei Jahre verstrichen, bis eine Genehmigung erteilt worden sei. Wehrmann hat das Projekt damals im Auftrag der Handelskammer fachlich begleitet.

Volle Unterstützung erhalten die Walljunioren-Eltern durch die Zentralelternvertretung (ZEV). Dass Eltern autark vorgingen, komme immer mal wieder vor und sei völlig in Ordnung, sagt Vorstand Petra Katzorke. Die Betreuungssituation habe sich im Laufe der Corona-Pandemie zwar wieder gebessert. „Aber der Fachkräftemangel ist nach wie vor allgegenwärtig, wir haben ein Riesenproblem.“

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