Maribondo-Supermarkt schließt

Kita statt Supermarkt

Der Maribondo-Supermarkt in Schwachhauser Ortsteil Radio Bremen erhält keinen neuen Mietvertrag, seinen Platz wird eine Kita einnehmen.
06.01.2019, 21:39
Lesedauer: 4 Min
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Von Felix Klein
Kita statt Supermarkt

Bedauert den Weggang aus Schwachhausen: Marktleiterin Natalja Luft, die bereits seit 16 Jahren im Maribondo-Supermarkt arbeitet.

PETRA STUBBE

2019 werden die Türen für Kunden nicht mehr geöffnet. An der Ecke Prager Straße/Scharnhorststraße schließt eines der traditionsreichsten Bremer Lebensmittelgeschäfte. Der Mietvertrag zwischen der Stiftung Maribondo da Floresta wurde nicht verlängert. Kunden und Mitarbeiter sind darüber bestürzt. Voraussichtlich Anfang August bezieht die Kita Elefantenhaus mit zwei Gruppen das Erdgeschoss. Einziger Trost: Für den Maribondo-Supermarkt wird es anderer Stelle weitergehen, bereits im Februar soll das Geschäft in der Neuen Vahr fortgeführt werden.

„Die Schließung ist eine Katastrophe“, sagt eine Kundin im Supermarkt. „Ich habe seit 40 Jahren eine sehr nahe persönliche Beziehung zu dem Laden und den Menschen, die hier arbeiten. Manchmal gehe ich jeden Tag hierhin.“ Besonders schätzt sie, dass der Laden schon immer inhabergeführt gewesen ist. Auch eine Mitarbeiterin ist enttäuscht. „Das ist ganz bescheiden. Wir haben dann fast alle längere Arbeitswege. Und die kleinen Kinder, die hier im Quartier leben, können sich dann keine Süßigkeiten mehr holen.“ Ein Kunde, der mitgehört hat, fügt hinzu: „Wir wohnen hier seit 1982. Die ganze soziale Funktion für den Ortsteil ist dann im Eimer. Gerade die alten Leute trifft das.“

Die Reaktion reichen von Ärger bis hin zu Bestürzung. Marktleiterin Natalja Luft arbeitet bereits seit 16 Jahren in dem Supermarkt. „Wir sind mit dem Geschäft hier zufrieden. Wir haben hier ganz viele ältere Kunden. Von denen nehmen wir Bestellungen auch telefonisch auf und liefern dann“, sagt sie. Der Laden ist neben dem Rewe City an der Schwachhauser Heerstraße der einzige verbliebene Supermarkt des Schwachhauser Ortsteils Radio Bremen. Dementsprechend war der Laden als lokaler Versorger besonders bedeutsam. „Wir haben alles dagehabt: Brötchen und Käse. Auch hochwertige Produkte wie Fleisch- und Wurstwaren von der Firma Saft oder regionale Produkte der Molkerei Dehlwes“, sagt Natalja Luft. „Was uns im Gegensatz zu großen Ketten auszeichnet, ist Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft.“

Betreiber fällt aus allen Wolken

Seit 2013 betreibt die Stiftung Maribondo da Floresta aus Osterholz-Scharmbeck den Laden. Sie setzt sich für ein selbstbestimmtes Leben von Menschen mit Behinderungen ein. Neben dem Wohnheim Semkenhof gibt es weitere Wohneinrichtungen in Worpswede sowie zahlreiche Arbeitsangebote in Cafés, Restaurants oder im Freizeitcenter von Osterholz-Scharmbeck. Ungefähr ein Drittel der Mitarbeiter des Maribondo-Supermarktes haben eine Behinderung. Für den Vorsitzenden Erwin Bienewald kam das Aus für den kleinen Laden überraschend. „Uns wurde mitgeteilt, dass der Mietvertrag nicht verlängert werden sollte. Wir haben angeboten, mehr Miete zu bezahlen. Das wurde aber abgelehnt.“

Das traditionsreiche Lebensmittelgeschäft wurde bereits 1921 von der Familie Webner gegründet. Noch heute ist die Immobilie in den Händen der Familie, bereits in dritter Generation. Die drei Schwestern haben sich entschieden, das Erdgeschoss an eine Kindertagesstätte zu vermieten. „Solange die Mutter noch lebte, musste der Laden bleiben. Mit der Kita lässt sich vermutlich mehr Geld verdienen“, sagt Bienewald. Dieser Darstellung widerspricht Frauke Webner, Miterbin des Hauses, entschieden. „Seit zwei Jahren waren wir bereits im Gespräch darüber, auch als unsere Mutter noch lebte. Ich habe das Geschäft selbst über zehn Jahre geführt. Wir sehen auf lange Sicht einfach keine Überlebenschance für einen Nahversorger.“

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Gegen das Gerücht, man wolle möglichst viel Geld aus der Immobilie rausschlagen, bezieht sie klar Stellung. „Uns geht es um den Erhalt der Immobilie, unseres Erbes, in dem wir groß geworden sind. Die Miete befindet sich im gleichen Bereich wie vorher. Aber Kita-Standorte werden gesucht und die Verträge laufen auf lange Zeit.“

Umbau soll Ende Januar beginnen

Bereits Ende Januar soll mit dem Umbau des Erdgeschosses begonnen werden. Spätestens am 1. August muss es für das neue Kita-Jahr einzugsfertig sein. Dann zieht die Kita Elefantenhaus aus dem Geteviertel mit zwei Gruppen in die neuen Räumlichkeiten. Derweil zieht der Maribondo-Supermarkt in die Neue Vahr in das Gebäude eines geschlossenen Netto-Supermarktes in der Geschwister-Scholl -Straße um. Für das ganze Konzept des Maribondo-Supermarktes bedeutet das Veränderung. „Wir müssen billiger werden“, sagt Bienewald.

Das Geschäft wird in etwa doppelt so groß werden wie der kleine Laden an der Scharnhorststraße. Zudem sind Lagerräume für den neuen Supermarkt sowie drei andere Supermärkte der Stiftung geplant. Durch den Umzug sind keine Arbeitsplätze in Gefahr, zudem werden über ein Inklusionsprojekt drei zusätzliche Stellen für schwerbehinderte Menschen geschaffen.

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„Wir werden uns an die neue Situation erst einmal gewöhnen müssen“, sagt Natalja Luft. „Die Verkaufsfläche wird größer, das Sortiment anders. Vor allem müssen wir ganz neue Kundenbeziehungen aufbauen.“ Die Belegschaft konnte dieser Einschnitt bislang nicht entzweien. Die meisten sind bereits sehr lange dabei, zum Teil über 20 Jahre. „Wir wollen unbedingt als Team zusammenbleiben.“

Für das Quartier bedeutet der Umzug längere Wege zum nächsten Supermarkt und der Wegfall eines besonderen Ortes der Begegnung. Gerade die Ältesten und Jüngsten wird das treffen. Für diejenigen, die es nicht mehr zu der lokalen Einkaufsmöglichkeit geschafft haben, besteht allerdings Hoffnung. Die Kunden des Lieferdienstes sollen nach Möglichkeit auch im neuen Jahr von der Vahr aus beliefert werden.

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