50-jähriges Jubiläum

Klärwerk Seehausen: Immer in Bewegung

Im Klärwerk Seehausen werden seit 50 Jahren Bremens Abwässer gereinigt. Am Sonntag wird das mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.
13.08.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Klärwerk Seehausen: Immer in Bewegung
Von Carolin Henkenberens

Im Klärwerk Seehausen werden seit 50 Jahren Bremens Abwässer gereinigt. Am Sonntag wird das mit einem Tag der offenen Tür gefeiert.

Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. „Es gibt keinen Stillstand hier“, sagt Sven Weddermann und läuft mit schnellem Schritt und schwarzen Sicherheitsschuhen an den Füßen durch den Tunnel. An den kalten Betonwänden hängen große Rohre und kleine Lampen, die den Gang in dämmriges Licht hüllen. Der Versorgungstunnel tief unter der Erde führt einmal halb über das Gelände der Kläranlage in Seehausen. Weddermann bewegt sich zielsicher, biegt so schwungvoll um die Kurven, dass man meinen könnte, er spräche von sich selbst. Da schiebt er hinterher: „Wasser muss immer sauber sein.“

Weddermann ist stellvertretender Leiter der Kläranlage Seehausen. Seit 25 Jahren arbeitet der Abwassertechniker schon dort. Der 41-Jährige kennt jeden Winkel des 300.000 Quadratmeter großen Areals. Heute zeigt er den Besuchern den Weg des Wassers durch die Kläranlage, die nun ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Es gibt viel zu erklären, die Wege sind weit. Wer da schlufft, verliert unnötig Zeit. Also marsch, marsch.

Als erstes führt Sven Weddermann zu einem unscheinbaren Häuschen aus Wellblech. „Hier kommt das Wasser an“, sagt er und zeigt auf ein Loch im Boden. Darin, in einem rund zwei Meter tiefen Raum, liegt ein großes gelbes Rohr. Vom Wasser selbst ist hier jedoch nichts zu sehen. Dafür zu riechen, wie überall auf dem Gelände.

 Abwasser kommt nicht nur aus Bremen

Auch wenn sich einiges getan hat mit den Jahren, manche Dinge sind eben nicht zu ändern. „Nach Kölnisch Wasser wird es nie riechen“, sagte der damalige Bremer Bausenator Wilhelm Blase im September 1966, als er mit Bürgerschaftspräsident Willy Dehnkamp feierlich an einem Drehschieber kurbelte und damit Bremens erste Kläranlage einweihte. Nein, nach einem Eau de Toilette roch es damals nicht und riecht es auf der Kläranlage auch heute nur im wortwörtlichen Sinn.

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Wollte man den Geruch der Kläranlage auf eine Formel bringen, könnte sie so lauten: Eine ordentliche Portion von faulem Ei, etwas Wattenmeer und eine Prise vom Duft eines vollen Geschirrspülautomaten. Die Mitarbeiter auf der Kläranlage haben sich daran gewöhnt. „Ich rieche nichts mehr. Du?“, fragt Sven Weddermann. „Nee“, antwortet sein Mitarbeiter Max Wolken, zieht sicherheitshalber noch einen Luftstrom durch die Nase, überlegt ganz kurz und sagt nochmals „nee“.

„Das meiste Wasser kommt gegen Mittag an“, erzählt Weddermann. Das sei das morgendliche Dusch- und Toilettenwasser, das ein paar Stunden benötige, bis es über die Kanalisation und mit Hilfe von Pumpen den Weg bis nach Seehausen gefunden hat. Das Abwasser kommt nicht nur aus Bremen, sondern auch aus Stuhr, Weyhe, Lilienthal, Ritterhude, Schwanewede, Lemwerder, Achim und Oyten.

Bakterien mögen keinen Kaffee

„Die Suppe ist aus allem möglichen zusammengesetzt“, sagt Weddermann. Weil immer mehr Wasser gespart wird, ist das Abwasser heute dicker als damals. Das bedeutet mehr Arbeit für die Kläranlage. Bei der Eröffnung 1966 wurden täglich bis zu 150.000 Kubikmeter Wasser gereinigt – bei nur rund 400.000 angeschlossenen Einwohnern. Heute sind es 130.000 Kubikmeter Abwasser von rund einer Million Menschen.

Die Zusammensetzung des Abwassers ändert sich immer wieder. Das liege vor allem an der Industrie. Mit der Schließung der Wurstfabrik Könecke in Bremen Ende 2012 habe sich die Menge der Fettsäuren im Wasser deutlich reduziert, berichtet Weddermann. Und seit Jacobs im Jahr 2012 seine Produktion von Löskaffee erweiterte, seien deutlich mehr Kaffeereste im Wasser. Kaffee sei besonders schwer wieder aus dem Wasser zu bekommen. „Den mögen die Bakterien nicht“, sagt Weddermann.

Was sich auch verändert hat, zeigt Weddermann an einem der großen Siebrechen. Hier erfolgt der erste Schritt der Klärung. In vier Klärstraßen läuft das Wasser über die einem Fließband ähnlichen Rechen. Das Gröbste bleibt hängen, wird gepresst und in Containern zum Abtransport auf die Müllverbrennungsanlage gesammelt. „Feuchttücher!“, sagt Weddermann und zeigt auf einen Container, in dem sich eine graue Pampe aus nicht mehr identifizierbaren Dingen türmt.

Fettabzug im Zeitlupentempo

Nur die bunten Wattestäbchen sind noch zu erkennen. Neben Wattestäbchen, die durch das Sieb rutschen, seien Feuchttücher eines der größten Probleme. Anders als Toilettenpapier löst es sich nicht im Wasser auf. Stattdessen wickele es sich oft um Pumpen und verstopfe die Rohre. „Ich verstehe einfach nicht, wieso die Leute das einfach ins Klo werfen“, meint der 41-Jährige verärgert.

Nachdem der Rechen das Grobe entfernt hat, gelangt das Wasser über einen offenen Kanal in den Sandfang. Dort setzt sich der Sand auf den Beckenboden ab. Eine Art Staubsauger saugt den Sand anschließend ab. Die dritte Station, die zwölf Vorklärbecken, ähneln auf den ersten Blick einem Freibad.

In den rechteckigen Becken liegt das Wasser ruhig dar. Auf der Wasseroberfläche sammelt sich das Fett. „Schieb mal ab“, ruft Weddermann seinem Mitarbeiter Max Wolken zu. Der Abwassertechniker geht zum Schaltschrank und legt einen Schalter um. Leise setzt sich ein Schieber in Gang, der im Zeitlupentempo über das Wasser fährt. Er befördert das Fett in eine Schraube, die es abzieht.

„Der Prozess dauert 20 Tage“

Im Vorklärbecken kommt nicht nur das Fett aus dem Wasser. „Hier wird das Dicke abgelassen“, erklärt Weddermann. Soll heißen: Die Fäkalien und Essensreste setzen sich am Boden ab. Ein Schieber drückt es in einen sieben Meter tiefen Trichter. Immer, wenn der gesammelte Schlamm dick genug ist, öffnet sich eine Schleuse, und der braune Primärschlamm flutscht in einen Kanal. Das passiert mit kräftigem Ploppen, so, als würde Pudding auf dem Herd aufkochen.

Vom Kanal aus gelangt der Schlamm in den Faulbehälter, wo ihn unter Luftausschluss und bei 37 Grad Wärme Bakterien zu Methangas verarbeiten. „Der Prozess dauert 20 Tage“, berichtet Helma Köster, die als Expertin für Schlammbehandlung bei Hansewasser arbeitet. Im Labor testet die Bauingenieurin, was die Bakterien gern mögen, damit die Bedingungen im Behälter immer optimal sind.

Aus dem Gas gewinnt die Kläranlage in einem Blockheizkraftwerk Strom. Mittlerweile wird so viel Strom produziert, dass die Anlage ihren gesamten Strombedarf selbst decken kann. Aus dem Klärschlamm, der in den Faulbehältern nicht zersetzt wird, entsteht entweder Brennstoff oder Dünger. Für diese Entsorgung muss Hansewasser Geld zahlen, sagt Weddermann. Bislang sei der Schlamm für Landwirte nicht so attraktiv, als dass sich damit Geld einnehmen ließe.

Flöckchen im Kanal

Nach einem Abstecher auf einen 30 Meter hohen Faulturm führt der 41-Jährige einmal quer über das Gelände. Auf der anderen Seite liegen die Belebungsbecken. Dort folgt die biologische Reinigung des Wassers. Dazu werden Sauerstoff und Bakterien ins Wasser gegeben. Der braune Bakterienschlamm, der da ins Becken plätschert, sieht dabei dreckiger aus als das Wasser.

Doch der Schein trügt. Die Bakterien seien enorm wichtig – und anspruchsvoll. Das sei wie bei Gästen, denen man ein Buffet voller Köstlichkeiten anbietet, sagt er. Zuerst würden die leckeren Sachen gegessen, und am Ende bliebe das trockene Brot über. „Unsere Aufgabe ist es, dass die Bakterien auch das trockene Brot noch essen.“

Seit 1996 gibt es ein zweites, moderneres Belebtschlammbecken. Darin werden 70 Prozent der Abwässer gereinigt, in den älteren nur noch 30 Prozent des Wassers. Am Ende der bis zu 40-stündigen Prozedur schwimmt der Schmutz in Flöckchen im Kanal. Wie sauer gewordene Milch im Kaffee. Im Nachklärbecken setzen sich die Stoffe ab. Die Bakterien werden wieder zum Beginn des Belebtschlammbeckens transportiert, wo ihre Arbeit von vorn beginnt.

Der schönste Moment jedoch sei, sagt Weddermann, wenn das Wasser wieder sauber in die Weser fließt. Nur wenige Meter entfernt, einmal über den Fahrradweg am Deich, sieht man das Wasser in den Fluss fließen. Und in der Sekunde, da es hinaus fließt, ist an anderer Stelle wieder neues hinzugekommen.

Ein Fest zum Geburtstag

Am 14. August heißt es im Klärwerk: Tore auf! Denn Hansewasser lädt von 11 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. Besucher können bei geführten Touren über die Anlage erfahren, wie das Abwasser gereinigt wird. Für Kinder stehen ein Trampolin, ein Kasperletheater, eine Bimmelbahn sowie ein Hochseilgarten bereit. Wagemutige können sich in einer Gondel in die Lüfte ziehen lassen und das Gelände von oben betrachten. Einen guten Blick auf Bremen haben auch Besucher, die auf den 30 Meter hohen Faulturm steigen (Aufzug vorhanden). Wissenschaftsfans können im Wasserlabor vorbei schauen.

Gegen den Hunger bieten verschiedene Foodtrucks ihre kulinarischen Kreationen an. Doch auch der Ortsteil Seehausen und seine Vereine stellen sich an Ständen vor - von Ortsamt über Feuerwehr bis Handwerkerverein. Damit der Besuch nicht am fehlenden Busticket oder Auto scheitert, bietet das Unternehmen einen gratis Bustransport vom Hauptbahnhof zum Klärwerk an. Ebenso fährt eine Weserfähre halbstündlich ab dem Anleger Waterfront/Pier2 Richtung Seehausen und hält bei der Kläranlage.

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