Konflikt um Homöopathie

Ärzte gegen Bremer Ärztekammer

Eine Gruppe von Medizinern klagt gegen die Entscheidung, Prüfungen und Weiterbildungen zur Homöopathie nicht anzuerkennen. Sie befürchten das langsame Ende der Homöopathie in der Hand ausgebildeter Ärzte.
09.07.2020, 05:00
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Ärzte gegen Bremer Ärztekammer
Von Timo Thalmann
Ärzte gegen Bremer Ärztekammer

Die Wirkung homöopathischer Arzneimittel ist nach Ansicht ihrer Befürworter belegt.

Ralf Hirschberger

Seit diesem Monat gilt der Beschluss der Bremer Ärztekammer vom September vorigen Jahres, keine Weiterbildungen und Prüfungen für Ärzte zum Thema Homöopathie mehr anzuerkennen. Damit können Ärzte künftig keine offizielle Zusatzbezeichnung als Homöopath mehr erlangen. Jetzt hat eine Gruppe von Medizinern angekündigt, dagegen eine Normenkontrollklage vor dem Oberverwaltungsgericht einzureichen.

Damit wehren sich die Ärzte gegen das nach ihrer Einsicht „einseitige Verdikt“ ihrer berufsständischen Selbstverwaltung. „Die Bremer Ärztekammer verstößt mit ihrer Entscheidung eindeutig gegen das Bremer Heilberufsgesetz“, sagt Rechtsanwalt Detlef Borrmann, der die Klage im Auftrag der Gruppe Integrative Medizin vertritt. Die Gruppe hatte sich als Reaktion auf den Beschluss gegen die Homöopathie gebildet. Seit der Neuwahl der 30-köpfigen Delegiertenversammlung der Ärztekammer im Dezember 2019 ist sie dort mit einem Sitz vertreten.

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Laut Borrmann erlaubt das Gesetz es zwar prinzipiell, bislang anerkannte Zusatzbezeichnungen und Weiterbildungen zu streichen, dafür müssten aber zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens: Es gibt keinen Bedarf mehr für die Fachrichtung. Und zweitens: Es liege keine ausreichende wissenschaftliche Absicherung mehr vor. Beide Punkte sind nach Ansicht der Ärzte in der Gruppe Integrative Medizin nicht erfüllt. „Die Nachfrage ist zweifellos vorhanden“, sagt Oliver Borrmann, Allgemeinmediziner und Homöopath mit Praxis in der Stadtmitte. Eine große Mehrheit von 75 Prozent der Menschen wünsche sich in Umfragen regelmäßig, dass Ärzte ihnen auch naturheilkundliche Verfahren wie die Homöopathie anbieten.

Und was die wissenschaftlichen Grundlagen betrifft, gelte es, zwischen Wirkung und Wirkungsweise zu unterscheiden. „Die Wirkungen homöopathischer Arzneimittel sind gut belegt. Jeder von uns kann entsprechende Fallgeschichten präsentieren“, sagt Jürgen Borchert, der als Internist in Bremen Nord praktiziert hat. Warum die homöopathischen Rezepturen hingegen wirkten, könne die Wissenschaft bislang nicht erklären. Dass Medikamente, in denen im Grunde kein Wirkstoff mehr vorhanden ist, dennoch wirken, widerspreche tatsächlich dem wissenschaftlichen Weltbild. „Die Erfahrung aus dem klinischen Alltag ist jedoch eine andere.“ Vor diesem Hintergrund betont die Gruppe Integrative Medizin, dass Homöopathie in die Hand von Schulmedizinern gehöre, die sie als ergänzendes Werkzeug zu nutzen wisse. Das Votum der Ärztekammer bewertet Borchert darum „geradezu als unwissenschaftlich.“

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Die Gruppe Integrativer Mediziner befürchtet, dass als Folge der Entscheidung jüngere Ärzte die Möglichkeiten der Homöopathie künftig ungenutzt lassen. Langfristig sei auch damit zu rechnen, dass die Krankenkassen entsprechende Leistungen wie das ausführliche Patientengespräch zu Beginn der Behandlung nicht mehr vollständig vergüten. Von Seiten der Ärztekammer sehe man der Klage gelassen entgegen, heißt es in einer Stellungnahme. „Wir verbieten ja keine Inanspruchnahme oder Anwendung der Homöopathie“, sagt Kammerpräsidentin Heidrun Gitter.

Wenn Ärzte im Wissen um die notwendigen medizinisch-wissenschaftlich erforderlichen Maßnahmen ergänzend über den Weg der Homöopathie zum Beispiel Unterstützung im Heilerfolg über lange Gespräche, Zuwendung und/oder den Placeboeffekt erzielten, stehe ihnen das frei – und ihren Patienten selbstverständlich auch. „An unserer Einschätzung, dass die Homöopathie keine wissenschaftliche Evidenz für eine Wirksamkeit jenseits des Placebo-Effekts nachweisen kann, ändert das aber nichts.“ Es sei vielmehr problematisch, dass homöopathisch tätige Ärztinnen und Ärzte mehr Geld für das Patientengespräch erhielten, als Hausärzte üblicherweise dafür abrechnen könnten.

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