Protest gegen Kürzung der Lehrerstunden in Bremen Klagen aus dem Klassenzimmer

Bremen. 96 Lehrerstunden sollen laut der Deputationsvorlage für das Gymnasium an der Hamburger Straße gestrichen werden. Für die Schülerinnen und Schüler hat die massive Unterrichtskürzung gravierende Konsequenzen.
29.08.2011, 04:58
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Klagen aus dem Klassenzimmer
Von Matthias Lüdecke

Bremen. Nadine König hat Grund zum Klagen. Die 18-Jährige ist Schülerin des Gymnasiums an der Hamburger Straße - und damit ist sie an einer der Schulen in Bremen, die besonders hart von der Umschichtung von Lehrerstunden betroffen sind. Denn für sie bedeutet die Umwälzung nichts anderes als schlichtweg Kürzung. Und die hat teils gravierende Konsequenzen.

96 Lehrerstunden weniger weist die Deputationsvorlage für das Gymnasium an der Hamburger Straße aus. Das klingt nach vielen Stunden, und genau so fühlt es sich für die Schüler auch an. Anderen Schulen sollen diese Stunden zugutekommen, an der Hamburger Straße fehlen sie, und zwar so sehr, dass selbst im Abiturjahrgang noch Kurse zusammengelegt wurden – mit unangenehmen Konsequenzen für die betroffenen Schüler.

„In meinem Mathematik-Grundkurs waren bisher 15 Schüler“, berichtet Nadine König, „das war ein sehr angenehmes Lernklima, wir hatten auch Zeit, über den Stoff zu diskutieren, und unsere Lehrerin konnte uns echte Aufmerksamkeit schenken, wenn wir mit einer Aufgabe nicht klargekommen sind.“ Das hat sich jetzt geändert. Aus vier Mathe-Kursen habe die Schule zwei gemacht, berichtet Nadine König. Also sitzt sie jetzt nicht mehr mit 14 anderen Schülern in einem Raum, sondern stattdessen mit 24. „Das Klima in der Klasse hat sich geändert.“

Fragt man Nadine König, was sie über die Aussage des Bildungsressorts denkt, Kursstärken wie diese und sogar noch leicht darüber seien durchaus zumutbar, antwortet sie: „Was heißt zumutbar? Das Problem ist im Moment gar nicht mal so sehr die neue Größe des Kurses. Das Problem ist, dass Schüler aus anderen Kursen neu dazugekommen sind. Die haben bei anderen Lehrern mit anderen Methoden gelernt – und den Stoff, der nötig ist, um die jetzigen Aufgaben zu verstehen, noch nicht gehabt.“ Als Resultat leide der Unterricht jetzt erst einmal darunter, dass zunächst alle Schüler auf den gleichen Stand gebracht werden müssten. Und das mache den Unterricht zäh.

Dabei hat Nadine König noch Glück im Unglück gehabt. Sie musste – anders als andere Schüler – keine Lehrer wechseln. Und die Kurszusammenlegungen betreffen in ihrem Fall ausschließlich Fächer, in denen sie sich nicht für das Abitur prüfen lassen will. Das ist nicht bei allen so. „Es gibt schon Mitschüler, die eigentlich vorgehabt haben, sich in einem Fach prüfen zu lassen und das jetzt noch einmal überdenken, weil sie einen neuen Lehrer bekommen haben und mit ihm oder seinen Methoden nicht mehr so gut zurechtkommen“, erzählt sie.

Die Kursgröße werde dagegen in anderen Fächern zum Problem. In Philosophie zum Beispiel. Denn in diesem Fach sind die Schüler – zusätzlich zu den Stundenkürzungen – noch von einem ganz anderen Problem betroffen. Der diesjährige Abiturjahrgang ist nämlich ein sogenannter Doppeljahrgang. Bislang legten die Gymnasiasten ihr Abitur bereits nach neun Jahren ab. Künftig sollen sie bereits nach acht Jahren die Prüfungen schaffen. Im kommenden Jahr kommt es dadurch zu dem einmaligen Fall, dass zwei Jahrgänge zur gleichen Zeit ihr Abitur machen – und dadurch derzeit die doppelte Anzahl von Schülern bestimmte Pflichtkurse absolvieren muss. Ein Jahr Philosophie oder Religion ist ein solcher Pflichtkurs. Die Folge: „In meinem Philosophie-Kurs sind mehr als 30 Schüler“, berichtet Nadine König: „In der ersten Stunde hatten nicht einmal alle Kursteilnehmer einen richtigen Tisch. Das Lernen wird so natürlich erschwert.“

Dementsprechend groß ist der Ärger an der Schule. Umso mehr, da die angehenden Abiturienten gleich von zwei Problemen betroffen sind – und sich während der Ferien, als die Kürzungen zwar angekündigt, aber noch nicht umgesetzt waren, in Sicherheit gewiegt hatten. „Es hieß aus der Behörde, die Stundenkürzungen werden die jetzigen Abiturjahrgänge nicht betreffen“, erklärt Nadine König, „da haben wir gedacht, wir werden mit unseren Problemen ernst genommen.“ Es kam dann anders für Nadine König und ihre Mitschüler. Und ihre Meinung dazu ist klar: „Es kann einfach nicht sein, dass wir so von der Behörde veräppelt werden.“

Am Gymnasium an der Hamburger Straße, berichtet sie, werde der Schülerunmut ernst genommen. In der ersten Stunde nach der Stundenplanvergabe hatte sie Politikunterricht. Ihr Lehrer griff die Verärgerung der geschockten Schüler auf und diskutierte mit ihnen über das Thema. Ein Glücksfall sei das gewesen, erzählt Nadine König. Denn es habe den Schülern geholfen, überhaupt die Zusammenhänge dessen zu verstehen, wovon sie jetzt betroffen sind.

Abfinden allerdings wollen die Schüler sich mit ihrer Situation nicht. Eine spontan ins Leben gerufene Facebook-Gruppe will nun einen friedlichen Schulstreik organisieren. Ein Zeichen des Protests, mit dem die Schüler ihrem Ärger Ausdruck verleihen wollen. Bei den Lehrern stießen sie dabei auf Verständnis, sagt Nadine König. „Die finden auch nicht gut, was mit unserem Abi-Jahrgang passiert.“

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