Erinnerungen an zwei denkwürdige Schulausflüge von Salzgitter nach Bremen 1950 und 1952

Klassenfahrt ins Trümmerland

Altstadt. Es geht nach Bremen, zur Goethe-Ausstellung. Was diese Ankündigung im Oktober 1949 in einer 12.
22.02.2016, 00:00
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Von Hanni Steiner

Es geht nach Bremen, zur Goethe-Ausstellung. Was diese Ankündigung im Oktober 1949 in einer 12. Klasse in Salzgitter-Bad auslöste, ist heute schwer vorstellbar. Aber es ist vergnüglich nachzulesen in der Schülerzeitung jener Schule aus den Jahren 1950 bis 1952. Klassenfahrten gab es bis dahin nicht. Und so wurde diese Reise zu einem unvergesslichen Erlebnis.

In der Schülerzeitung „Der Ring“ liest sich das dann unter der Überschrift „Wir fahren nach Bremen!“ so: „Mit Windeseile verbreitet sich in der Oberprima das Gerücht, dass wir eine Fahrt nach Bremen unternehmen sollen. Im ersten Augenblick ist alles still vor Überraschung, doch dann geht eine wilde Fragerei los…“

Der Schulausschuss der Stadt Salzgitter hatte Geld locker gemacht, damit die 12. Klassen nach Bremen in besagte Goethe-Ausstellung fahren konnten. „Um 11 Uhr haben wir den Rand der Stadt erreicht, wo noch kurz vor Kriegsende schwere Kämpfe tobten“, berichteten die Schüler. „Aber heute ist ein großer Teil der Häuser wieder einigermaßen hergerichtet und die Spuren der Zerstörung sind größtenteils ausgelöscht. Erschütternd ist aber das Bild, das uns die Innenstadt bietet. Nur Trümmer und Ruinen zeugen noch davon, dass hier einst so schöne Bauwerke standen. Wir sind inzwischen in die Stadtmitte gelangt – der Dom und das Rathaus sind zum Glück unversehrt geblieben.“

Im darauf folgenden Jahr ging es erneut nach Bremen: „Endlich ist der ersehnte Tag herangekommen… die letzten Bittschreiben sind vom Schreibtisch der Schule in die Hansestadt Bremen geflattert – und nun kommen wir selbst!“ Das Programm dieser zweiten Bremen-Reise ist zwar wesentlich umfangreicher als beim ersten Mal, doch auch diese Klasse aus der weitgehend von Bomben verschonten Provinz ist erschüttert vom Anblick der Ruinen: „Recht still wird es in unseren Reihen, als wir in die Hafengegend kommen und kilometerweit über ehemals dicht besiedelte Stadtteile, jetzt nur grob planierte Schutthalden, sehen können. Die Sonne brennt heiß und das Gepäck wird schon lästig. Da sehen wir von weitem drei hohe Segelschiffmasten: unser Wohnschiff, das ehemalige Schulschiff Deutschland!“ Die Möblierung der Schlafräume besteht fast nur „aus nummerierten großen Haken an den Querbalken der Decke, von denen uns schwant, dass sie irgendwie mit der kommenden Nachtruhe zu tun haben“.

Dann wird Bremen erkundet: „Der Weg über Faulenstraße, Brill, Marktplatz, Wallanlagen und Osterdeich mit Blick auf die Weser soll uns eine erste Übersicht über die Stadt vermitteln… Plötzlich kommt ein Omnibus angefahren. Der Wagen bringt uns zum Hochhaus der Militärregierung. Mit Fahrstuhl geht es ganz nach oben zu einem herrlichen Dachrestaurant… Bei Kaffee und Kuchen und leckerem Eis flog die Zeit nur so dahin. Ihren Höhepunkt aber erreichte die Stimmung, als wir erfuhren, dass der Direktor der Militärregierung, Herr Captain Jeffs, uns für alle Tage unseres Aufenthalts einen Omnibus zur völlig freien Verfügung stellte.“

Jürgen Sager aus Hermannsburg, als Jahrgang 1933 der Jüngste in der Gruppe der 13 Jungen und drei Mädchen, erinnert sich heute noch lebhaft an diese Episode: „Das war ein Erlebnis! Die Amerikaner begegneten uns nicht als Sieger, sondern als die ganz Anderen. Irritiert waren wir zum Beispiel über ihre Tischsitten: Wir hatten zu Hause ein bestimmtes Benehmen gelernt – hier ging es sehr viel ungezwungener zu.“ Der Bus bringt die Klasse zum Schulschiff zurück und dort folgt eine seemännische Lektion: „Zunächst erklärt uns ein Bootsmann das Zurren der Hängematten. Die höhere Pädagogik kann dabei wie folgt zusammengefasst werden: ‚Man kann es so machen – man soll es aber nicht so machen, sondern anders.’ Bald hängen unsere Schlafplätze wie die Fledermäuse unter der Decke – aber hoch, entsetzlich hoch!“ Und nicht nur das: Die durchhängenden Hinterteile der Liegenden hätten eine verlockende Angriffsfläche geboten, erinnert sich Jürgen Sager. Fotos von damals hat er zu seinem eigenen Bedauern nicht. „Ich besaß keinen Fotoapparat.“ Selfies 1950? Fehlanzeige.

Am nächsten Tag ist das Besichtigen der Innenstadt angesagt: „Der Riese Roland, als Wahrzeichen der freien Stadt, wird gebührend bewundert. Selbstverständlich muss eine Gruppenaufnahme gemacht werden. Die Gebäude am Marktplatz werden erklärt: das alte Rathaus mit den herrlichen Giebeln und den vielen Figuren, der gen Himmel strebende Petridom, die ausgebrannte Börse, im Hintergrund die Baumwollbörse, das wieder überdachte Haus Schütting. Ein erster Blick in das Rathaus, dann geht es hinüber zum Dom. Noch immer sind die Kriegsschäden nicht völlig behoben, aber trotzdem erhalten wir einen tiefen Eindruck von dem gewaltigen Ausmaß des hohen Raumes. Wie herrlich muss es erst dort gewesen sein, als noch das Licht durch die alten bunten Fenster flutete. Eine Führung durch den berühmten Bleikeller schließt sich an… Selbst unsere Mädchen zeigen starke Nerven und sind an diesem Phänomen interessiert.“

Mittags gibt es eine „Riesenportion“ Bockwurst mit Kartoffelsalat in einem der alkoholfreien Ottilie-Hoffmann-Häuser. Der begleitende Lehrer, Direktor der Oberschule für Jungen in Salzgitter-Bad und gebürtig aus Brake, hat für den Abend einen Kurzbesuch in einer echten Hafenkneipe eingeplant: „Schon fahren wir durch die Reste winkliger Hafengassen; wir halten vor einem Haus, in dem gleich zwei Hafenschenken sind. Stimmengewirr, vermischt mit Grammophonmusik, dringt durch die offenen Türen. 20.45 Uhr. Zehn Minuten Zeit für Hafenromantik. Gedämpftes Licht empfängt uns. Das Stammpublikum trinkt Bier aus Flaschen: ,Backbord, Stürbord, Midschips! Prost!’“

Die Fahrt zum Leuchtturm Roter Sand am nächsten Tag wird zum Höhepunkt der Reise: „Höher und höher steigt unser Ziel aus dem Wasser empor. Leichter Regen hält uns nicht ab, stetig Ausschau zu halten. Leider sind Wind und Seegang zu schwach, so dass wir keine Seekranken an Bord haben – worauf die angeblich Seefesten sich doch schon so gefreut hatten!“

Am Tag darauf wird es offiziell: „Wir halten vor dem Verwaltungsgebäude des Senators für Schulen und Unterricht, wo uns der Referent für höhere Schulen, Herr Oberstudiendirektor Dr. Kircher, im Namen des verreisten Senators und im Namen der Stadt auf das Herzlichste begrüßt. Wir haben Gelegenheit, uns für alles, besonders für die zur Verfügung gestellte kunst- und sachverständige Führung, zu bedanken.“

Im Hafen gab es 1950 noch keine Container – Stückgut lagerte in den Schuppen und wurde aus- und eingeladen: „Unübersehbare Mengen von Baumwollballen, dann wieder Ballen australischer Wolle, Kokosfasern, Hanf, Jute, Piassavafasern, Säcke mit Linsen und weißen Bohnen, Kisten mit Tee. Jetzt bekommen unsere Mädchen Kugelaugen: Kaffeebohnen! Aber nicht in der Tüte, sondern Riesenstapel von Säcken. Die Andenken können nur so vom Fußboden aufgelesen werden; manche Tasche schwillt schon unnatürlich an… Etwas zaghaft nähern wir uns wieder dem Zolltor. Wird man uns durchsuchen? Können wir unsere Andenkensammlung mitnehmen? Welche Enttäuschung! Die Zollbeamten beachten uns nicht einmal!“

Ratskeller, Bürgerpark und Übersee-Museum, 1950 noch „Kolonialmuseum“ und mit einem Aquarium im Keller, werden besichtigt. Dann Bremerhaven samt Fischereihafen, mit einem weiteren Aquarium und den Tiergrotten und am Ende die Weser: „Aber ein Versprechen muss noch eingelöst werden: ‚Wir werden baden, und wenn es Bindfäden regnet!’ Trotz des inzwischen stärker einsetzenden Regens kleiden die Wasserratten unter uns sich rasch um, eilen über den Deich zum Strand und schon schwimmen sie! Prustend und schnaufend kehren sie zurück und werden vorsorglich mit Medizin gegen Erkältungskrankheiten versehen.“

Im Gästebuch des Schulschiffes „Deutschland“ von 1950 steht: „Eines Tages werden Eisen und Stahl aus Salzgitter auch dazu beitragen, wieder eine deutsche Hochseeflotte aufzubauen. Wenn unser Schulschiff ‚Deutschland’ dann wieder den seemännischen Nachwuchs ausbildet, werden wir alle stolz an die vergangenen Tage zurückdenken und in unseren Träumen wieder an Bord sein.“

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